Liborgate an der Themse

Bankenaffäre Die Zinsmanipulationen durch etliche britische Geldhäuser sind an Dreistigkeit kaum zu überbieten. Sie zeigen – die Verschuldungskrise ist vor allem eine Bankenkrise
Liborgate an der Themse
Barclays-Präsident Bob Diamond musste sich bis auf weiteres ausloggen
Foto: Richard Heathcote / Getty Images

Wozu ein Banken-skandal alles gut sein kann: In der Londoner City rollen die Köpfe. Innerhalb von zwei Tagen hat Barclays, die zweitgrößte Bank der Insel, ihre gesamte Führungsspitze verloren. Darunter Bob Diamond, den meist gehassten Banker der City. 2011 hatte diese Ikone des Geldgeschäfts noch verkündet, die Zeit der Demut für Banker sei vorbei. Jetzt hat ihn und seine Zunft die Finanzkrise eingeholt. Die Wut über die Zinsmanipulationen durch Barclays und andere Geldhäuser ist groß im Königsreich, das nach der teuersten Banken-rettung aller Zeiten in eine tiefe Depression fällt.

Doch geht es um eine internationale, keine rein britische Affäre. Nicht nur die Tollheiten einzelner Oberbanker stehen am Pranger. In diesen Skandal sind ganze Großfürstentümer der internationalen Banken-welt verstrickt. Neben Barclays wären HSBC, die Royal Bank of Scotland, Lloyds und 19 weitere weltweit operierende Institute zu nennen, darunter die Deutsche Bank, die schweizerische UBS und die Citygroup. Sollten die Vorwürfe gegen sie erhärtet werden, drohen allen Entschädigungsklagen wütender Investoren in mehrfacher Milliardenhöhe.

Manipuliert hat dieser Club der Großen die offiziellen Zinssätze im Londoner wie europäischen Interbankenverkehr – Libor beziehungsweise Euribor genannt, die als Referenzgröße für Kredit- und Finanzmarkt-geschäfte weltweit gelten. Nach dem Libor und Euribor richten sich Spar-, Kreditkarten- und Hypothekenzinsen ebenso wie die Preise der absonderlichsten „Finanzprodukte“. Betroffen sind Finanzgeschäfte in einer Größenordnung von möglicherweise bis zu 300.000 Milliarden Euro.

Famose "Selbstregulierung"

Ermittelt wird der Referenzzins Libor vom britischen Bankenverband, der dazu tägliche Zinsmeldungen von zumeist 19 Großbanken benutzt (für Kredite in verschiedenen Währungen und mit verschiedenen Laufzeiten). Aus diesen Angaben wird ein Durchschnitt berechnet und der schließlich zum Leitzins, an dem sich alle orientieren. Misstrauisch wurden die Finanzaufseher, als sich in der Krise die Zinssätze nicht so bewegten, wie man das bei schweren Turbulenzen erwarten durfte. Der Manipulationsverdacht hatte sich schnell bestätigt. Völlig zu Recht wird nun gegen alle beteiligten Banken ermittelt. Es gilt als technisch ausgeschlossen, dass eine oder zwei davon Zinssätze auf eigene Faust manipulieren können – von geheimen Absprachen eines Kartells ist die Rede.

Worüber ein Bankenskandal dieses Kalibers gerade jetzt aufklären kann? Worüber wohl? Wir werden mit der Nase auf den Sachverhalt gestoßen, dass uns eine Finanzmarktkrise beim Wickel hat und keine „Staatsschuldenkrise“, wie in Deutschland insistiert wird. Diese Krise ist nicht bereinigt, sondern durch den massiven Einsatz von öffentlichem Kredit lediglich eingedämmt. Die Kardinalfehler einer jahrzehntelang verfolgten Wirtschafts-politik bleiben virulent. Das gilt besonders für die Praxis, den Zinssatz – gerade in einer Währungsunion das wichtigste finanzpolitische Instrument gegenüber den Finanzmarkt-Akteuren – ganz und gar in die Hände der Banken zu geben. Peinlich, aber wahr: Die famose „Selbstregulierung“ nach dem neoliberalen Katechismus findet in der Tat statt, freilich nur zum Vorteil der Banken.

11:00 05.07.2012

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