Licht aus, bitte!

Studie Wer vor dem Schlaf noch am Laptop sitzt, schläft schlechter, warnen Wissenschaftler. Stimmt’s?
Licht aus, bitte!
Die innere Uhr: führt ein leuchtender Bildschirm zu Schlafstörungen?
Foto: Liu Jin / AFP / Getty Images

Wer abends seinen Tablet-Computer mit ins Bett nimmt, sollte sich nicht über Schlafstörungen wundern. Den Zusammenhang wollen New Yorker Wissenschaftler vom Rensselaer Polytechnic Institute (RPI) nachgewiesen haben.

Ein Team unter Leitung von Mariana Figueiro stellte bei Probanden ein erhöhtes Risiko von Schlafstörungen fest, nachdem sie dem Licht von selbstleuchtenden Displays ausgesetzt worden waren. Die Geräte würden optische Strahlen mit kurzen Wellenlängen aussenden. Genauer: einer Wellenlänge, die nahe an dem Wert liegt, welcher die größtmögliche Unterdrückung der körpereigenen Melatonin-Produktion bewirkt, heißt es in einer aktuellen Studie der Gruppe, die im Magazin Applied Ergonomics erschien.

Kein Schlafhormon

Melatonin ist ein Hormon, das dem Körper als biologischer Indikator dient, um festzustellen, wie dunkel es draußen ist. Reisenden nützt das, wenn sie einen Jetlag überwinden müssen. Es hilft dem Körper, seinen Tag-Nacht-Rhythmus an die neue Zeitzone anzupassen.

In Figueiros Experiment wiesen diejenigen der 13 Probanden, die vor dem Einschlafen zwei Stunden lang einen Tablet-Computer benutzt hatten, um bis zu 23 Prozent geringere Melatonin-Werte auf.

Einer, der die Ergebnisse skeptisch beurteilt, ist Russell Foster, Professor für Tagesrythmische Neurowissenschaft an der Universität von Oxford. Zunächst einmal eigne sich der Melatonin-Spiegel nicht gut für eine Vorhersage, wie viel Schlaf ein Mensch bekommen wird. „Melatonin ist kein Schlafhormon – es leistet lediglich eine biologische Darstellung der Dunkelheit.“ Es gebe keinerlei empirische Hinweise darauf, dass geringere Melatonin-Werte eine direkte Auswirkung auf die Schlafachse hätten.

„Die Einnahme von Melatonin kann die Wirkung des Lichts auf die innere Uhr beschleunigen und bei manchen Menschen eine leichte schlaffördernde Wirkung haben“, sagt der Wissenschaftler. „Von dem, was wir biologisch von Melatonin wissen, kann jedoch nicht auf die Wirkung geschlossen werden, die es auf die Menge an Schlaf hat.“

Biorhythmus

Die Lichtmengen, die erforderlich sind, um die Produktion von Melatonin zu unterdrücken, lägen um Größenordnungen niedriger als jene, die für die Umstellung der inneren Uhr eines Menschen gebraucht werden, so Foster. In Figueiros Studie wurden die Teilnehmer mit Lichtstärken von 5 bis 50 Lux ausgesetzt. Foster zufolge braucht es aber zwischen 500 und 1.000 Lux, um den Tag-Nacht-Rhythmus eines Menschen umzustellen.

Die Untersuchung könne deshalb keine empirischen Hinweise darauf liefern, welche Auswirkungen Licht auf die innere Uhr hat, resümiert Foster. Darum müsse man sich wegen der Studie keine unnötigen Sorgen machen. „Auf Grundlage dieser Daten können wir rein gar nichts Empirisches über den Schlaf aussagen.“

Die übergeordnete Frage nach dem Einfluss von Licht, insbesondere vor dem Zubettgehen, müsse man aber sehr ernst nehmen – Licht könnte durchaus einen Einfluss darauf haben, wie wach man ist.

Von der Kritik abgesehen: Überraschend ist, dass ausgerechnet die von der Sharp Corporation geführte Forschungseinrichtung Sharp Laboratories of America die Studie mitfinanziert hat. Der TV- und PC-Hersteller brachte 2010 einen eigenen Tablet auf den Markt, ließ ihn aber 2010 wieder fallen. Im März diesen Jahres stellte das Unternehmen einen neuen vor. Das Tablet trägt den wenig eingängigen Namen RW-T110.

Alok Jha schreibt für den Guardian

17:43 10.10.2012

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