Licht oder Wanzen, Kritik oder Krieg

Zum 200. Todestag Immanuel Kants Warum man große Denker im Original lesen muss

"Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden!", das ist nach dem einfühlsamen Bericht eines der ersten Kant-Biografen, des Diakons Wasianski, der überraschende Schlussstrich unter einer über 40-jährigen Zweikampf-Beziehung von Herr und Knecht. Manche Ungereimtheit im Verhalten Kants schreibt der Biograf der Altersschwäche zu; gewiss, der aus Würzburg gebürtige Martin Lampe, ausgemusterter preußischer Soldat, hat in Jahrzehnten seine Unentbehrlichkeit im Hause des berühmten Professors vermutlich immer stärker ausgenutzt, so dass am Ende selbst dem wohlgesinnten Hausherrn der Geduldsfaden riss. Üblicherweise notiert man das, was man nicht vergessen soll; wenn Kant der Blick in den Notizblock daran erinnert, eine widrige Angelegenheit - Lampe - zu vergessen, verweist das auf einen eigentümlichen Gegensinn.

Äußerlich betrachtet ist Kants Leben ziemlich ereignislos; selbst die russische Besatzung während des Siebenjährigen Krieges hat seinen geregelten Tagesablauf nur insoweit unterbrochen, als auch er die lustvollen Offizierskasinos gerne besuchte. Alles aber, was unterhalb dieser lebenspraktisch normalisierten Schicht der Verhaltensgewohnheiten liegt, verweist auf einen gewaltigen Steinbruch von Widersprüchen, Spannungen, von eigensinnigen und schrulligen Verhaltensweisen. Da ist nicht nur der theaterreife Alltagskampf mit Lampe. Kant machte gerne aus Einzelbeobachtungen eine Theorie mit Verhaltensvorschriften. So entstand zum Beispiel eine Wanzen-Theorie. Sie besagte nach Kant, dass dieses Ungeziefer am besten gedeihe, wenn Sonne ins Schlafzimmer eindringe. So wurden die Fensterläden stets geschlossen gehalten. Lampe, der die gegenteilige Theorie vertrat, nutzte die gelegentliche Abwesenheit seines Herrn, um durch Licht und Lüftung die Wanzen zu vertreiben.

Kants ganzes Leben ist angefüllt mit Kuriositäten und Brüchen, die man in der Regel bei Sonderlingen, Einsiedlern oder Menschen anzutreffen pflegt, die sich von der gesellschaftlichen Umgebung distanzieren und sie verachten. Das trifft auf Kant nicht zu, seine Tischgesellschaften hatten einen hohen Rang, obgleich die Besucher nie über Kants Philosophie reden durften. Ich setze diese kauzigen Charaktermerkmale an den Anfang meiner Überlegungen, weil durch Beschreibung des profanen Lebensstils immer auch charakteristische Züge der Denkweise spürbar werden. Er wird vermutlich im laufenden Kant-Jahr einen hohen Unterhaltungswert haben.

Im Handwerksbetrieb eines Riemer-Meisters aufgewachsen, ist Kants Einbildungskraft und Fantasie schon sehr früh eingebunden gewesen in einen präzisen Werkzeuggebrauch; Begriffe sind Werkzeuge. Die Haltung eines soliden, jederzeit verlässlichen Handwerkers hat Kant sein Leben lang nicht aufgegeben. Selbstdisziplin und straffe Zeitorganisation spielen dabei im Produktionszusammenhang und in der Gliederung des Lebenslaufs eine zentrale Rolle.

Nun wird man mit einigem Recht die Frage stellen können, wie sich aus dem Lebenszuschnitt eines Mannes, der nie in seinem Leben eine Stadt außerhalb Königsbergs gesehen hat, eine Philosophie entwickeln konnte, die, wie keine nach Plato und Aristoteles, Einfluss auf das Leben des Geistes gehabt hat. "Was für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist", hat Kants ehemaliger Schüler Fichte geschrieben, "denn ein philosophisches System ist nicht ein toter Hausrat, den man ablegen oder annehmen könnte, ... sondern es ist beseelt durch die Seele des Menschen, der es hat." Es ist also ein Akt der Selbstbefreiung, Voraussetzung für ein philosophisches Denken, das sich vom Dogmatismus der Dingwelt löst und dadurch die dumm machende Gewalt der Verhältnisse bricht. Es ist ein Grundgedanke Kants, den Fichte formuliert. Ob man sich aus der einengenden Kausalität der Dinge lösen kann oder nicht, das entscheidet darüber, mit welcher Kraft an der Erweiterung von Erfahrungsfähigkeit und Denkweise gearbeitet wird.

Als 1781 die Kritik der reinen Vernunft erscheint, befindet sich Europa in einem explosiven Gärungsprozess. Befreundete Kaufleute bringen täglich Nachrichten nach Königsberg, die vom englischen Imperium und der Industrialisierung berichten. Aus Frankreich kommen die Ideen der Aufklärung und beeindrucken Kant zutiefst. David Hume weckt ihn aus dem dogmatischen Schlummer, Rousseau rückt ihn zurecht, was die Achtung des Volkes, der einfachen Menschen betrifft.

Es ist keine bloße Metapher auf das große kritische Werk, wenn ich behaupte, dass in ihm die Suche nach Friedenssicherungen unter Menschen das entscheidende Denkmotiv ausmacht. Der Grundriss der Kritik der reinen Vernunft besteht aus einer Friedensschrift. Neben den drei Hauptfragen des philosophischen Denkens: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? hatte Kant in seinen Vorlesungen zur Metaphysik eine vierte gestellt: Was ist der Mensch? Er nimmt diese Frage nicht mehr auf, weil sie ihm nur empirisch-pragmatisch beantwortbar erscheint. Aber eine fünfte Grundfrage würde für die Kritik der reinen Vernunft passen: Was ist Frieden im Denken und wie ist er zu sichern?

Kants Philosophie ist wesentlich eine der kategorialen Entmischung. Er legt eine Art Landkarte vor, auf der die einzelnen Grenzzonen eingezeichnet sind, welche die jeweilige Leistungsfähigkeit der besonderen Gemütskräfte markieren. Wer Wissenschaft will, wer auf Erkenntnis geht, benötigt die beiden Grundstämme: Verstand und Erfahrung, Kategorien und Sinnlichkeit. Wer Glaubensgewissheiten und Wissen miteinander vermischt, verfolgt kriegerische Absichten; der Bürgerkrieg beginnt nach Kant im Denken. Deshalb ist unter den Begriffen "Aufklärung" und "Kritik" die Entzerrung und Entmischung verdunkelter und verwischter Gedanken zu verstehen. Wo solche Vermischungen hingenommen werden, sind friedensstörender Dogmatismus und Glaubenskrieg nicht mehr weit entfernt.

Das Bedürfnis nach Gott ist kein Beweis seiner Existenz, heißt es in Kants Widerlegung des ontologischen Gottesbeweises. Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sind "regulative Ideen" der Lebensführung, aber keine beweisbaren Tatbestände. Indem er sie machtpolitisch depotenziert, ist ihnen der Status moralischer Postulate gesichert, aber sie können für Machtkämpfe nur schwer eingesetzt werden. "Kritik" bedeutet in diesem Aufklärungssinne also nicht die Verkündung von Wahrheiten, sondern die Sicherung vor Irrtümern. Deshalb lässt Kant diese dualistisch konstruierten Kategorien unvermittelt: Apriori und Aposteriori, Sinnlichkeit und Verstand, Ding an sich und Erscheinung. Antinomien und Paralogismen werden auseinandergelegt, deren Vereinbarkeit oder Widersprüchlichkeit erörtert, aber nie im Innern vermittelt werden, wie das später Hegel versucht. Dass Metaphysik als Vollendung aller Kultur der menschlichen Vernunft, "als bloße Spekulation, mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu erweitern, tut ihrem Werke keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung und Eintracht, ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens sichert, und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält, sich nicht von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu entfernen."

Es geht Kant also um eine friedensfähige Konstitution des Gemeinwesens im Denken, wenn er den Aufklärungsprozess als ein Gerichtsverfahren begreift, mit Anklägern, Verteidigern und Richtern. "Man kann", sagt Kant, "die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für alle Streitigkeiten derselben ansehen ... ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur und kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen, oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, ... verschafft uns die Ruhe eines gesetzlichen Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeiten nicht anders führen sollen, als durch Prozess." Immer wieder tauchen bei Kant Begriffe auf, die auf die Architektonik eines Hausbaus der Vernunft gehen und den Rechtsverhältnissen (auch im Fortschrittsbegriff Kants) einen hohen Rang für die Friedenssicherung geben - verlässlicher als die Moral, die im Reich der menschlichen Zwecke beheimatet ist und viel stärker als das Recht auf die Widerständigkeit der regelverletzenden Tierseite der menschlichen Natur stößt.

In diesem Sinne bleibt Kant der große Herausforderer aufklärerischen Denkens. Das gilt immer auch für die religiösen Pathologien, die Anleihen bei der Sinnlichkeit machen und für politische Legitimationszwecke missbraucht werden. In der Trennung von Legalität und Moralität steckt die Abwehr sowohl fanatischer Gesinnungsgesellschaften als auch der Inquisitionsjustiz.

Kant hat jedoch keinen Zweifel daran gelassen, dass das, was den Menschen von allen übrigen Lebewesen unterscheidet, nicht Wissen und Glauben sind, sondern seine Freiheitsanlage, die ihm eine Selbstgesetzgebung durch das Sittengesetz ermöglicht. Es ist die Würde, die keinen Preis hat. Dass der Mensch sein Wissen so erweitern kann, dass wir eines Tages stolz auf einen "Newton des Grashalms" verweisen können, ist heute greifbare Realität geworden. Den Stolz auf naturwissenschaftlich-technologische Innovationen einer Gesellschaft, welche die Mangelökonomie überwunden hat, hätte Kant gewiss geteilt. Den "bestirnten Himmel über mir" bis zum Mars hin zu erforschen und scharfe Bilder auf die Erde zurück zu funken, hätte die astronomische Seele dieses Wahrheitssuchers aufs Höchste beglückt. Umso trüber und schmerzlicher wäre sein Blick auf den moralischen Teil dieser vor Reichtum überquellenden Gesellschaft, die im Fortschreiten der Legalität durchaus an Rechtskultur differenzierter und reicher geworden ist, in der Herstellung einer Weltgesellschaft, wie sie Kant als erweiterten Völkerbund souveräner Staaten verstanden hatte, jedoch wenige Schritte vorangekommen ist.

Nichts am Wesensgehalt der Kategorischen Imperative hat seine Geltung verloren. Kant kämpft ja schon gegen die totale Einbindung der Menschen in den Waren-Verkehr; seine Begriffe von Autonomie und Würde gehen auf das Unwiederholbare, auf die harte Kritik der bloßen Mittelverwendung des Menschen. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit allgemeines Gesetz werden kann, das hat sehr verschiedene, aber auf gleicher Basis beruhende Formulierungen: Behandle Menschen nie bloß als Mittel, sondern immer zugleich als Zweck; handle so, dass du in der Maxime deiner Handlungen die Menschheit in der Person der Anderen und in deiner eigenen achtest.

Das sind harte Imperative, die keineswegs formalistisch abzutun sind, sondern konkret-humane Inhalte haben. Kant selbst liefert viele Beispiele in seinem Traktat Zum ewigen Frieden. Dass souveräne Fürsten ihre Untertanen gegen Geld für Kriegszwecke verkaufen, ist eine solche verwerfliche Nichtachtung der menschlichen Würde. Und es ist keineswegs abwegig, diesen Gedanken, Menschen nicht bloß als Mittel für Zwecke, sondern als Selbstzwecke zu behandeln, auf die Alltagsproblematik einer Gesellschaft anzuwenden, in der tagtäglich Menschen als bloßes Material für Profitinteressen dienen.

55.000 Menschen werden täglich in der Europäischen Union mehr oder weniger gewaltsam von ihren Arbeitsplätzen entfernt, nicht zuletzt dann, wenn die Unternehmen Gewinne machen und einen Hauptteil des Geldes für Rationalisierungen ausgeben. Rationalisierungen heute sind aber keine bloßen Aufklärungsmaßnahmen mehr, sondern sind mit Entfernung lebendiger Arbeitskraft aus der Produktion verknüpft. Die werden von denjenigen, die arbeitslos werden, überwiegend als Gewaltakte, als Angriffe auf die Integrität ihrer Person und ihrer Würde betrachtet. Das ist umso skandalöser, je reicher eine Gesellschaft ist.

Es ist notwendig, Kant neu zu lesen. 200 Jahre nach seinem Tode haben sich Interpretationsschichten auf seinem Werk abgelagert, die im beginnenden Kant-Jahr sicherlich um ein Vielfaches vermehrt werden. Es ist aber dringlich, die Menschenrechte auch den Werken der Großen in der Denkgeschichte der Vergangenheit zugute kommen zu lassen, indem man die zahlreichen zeitgeschichtlichen Verwerfungen abräumt und sich wieder verstärkt auf die Originaltexte konzentriert. In der Methode der postmodernen Verabschiedungen sitzt auch ein zersetzendes Element der Verweigerung: von der Arbeit des Begriffes und des Begreifens. Die Palimpsest-Methode, die ich im Umgang mit den klassischen Schriften der Politischen Philosophie vorschlage, besteht im Abkratzen der Überlagerungen und in der Herstellung der Originaltexte. Sie sind im Grunde aktueller als das, was über sie verfasst wurde. Und sie sind übrigens auch verständlicher als die Sprache, für die Kant den Begriff "Schulphilosophie" benutzte und dem Weltbegriff der Erkenntnis entgegensetzte. Aufrichtiges Einverständnis des Nichtwissens und der Handlungsnot ist Wesensmerkmal der Philosophie Kants.

Im Denken dieses schrulligen und kauzigen Immanuel Kant, den noch auf seinem Sterbebett nur ein Gedanke beunruhigte, nämlich ob er einen einzigen Menschen unglücklich gemacht und würdelos behandelt habe, ist der Blick in die weiten Höhen der Metaphysik und des bestirnten Himmels nie mit Blindheit denjenigen gegenüber geschlagen gewesen, die auf dieser Erde leiden, gedemütigt werden und arbeiten. Lange vor der Kritik der reinen Vernunft hatte er sich auseinander gesetzt mit Svedenborg, für teures Geld dessen Werke beschafft und dann enttäuscht über das Nichtssagende seines Wissens die Träume eines Geistersehers (1766) geschrieben. Am Schluss dieser kleinen Schrift findet man auch die Botschaft Kants: "Da ... unser Schicksal in der künftigen Welt vermutlich sehr darauf ankommen mag, wie wir unseren Posten in der gegenwärtigen verwaltet haben, so schließe ich mit demjenigen, was Voltaire seinen ehrlichen Candide nach so viel unnützen Schulstreitigkeiten zum Beschlusse sagen läßt: Laß uns unser Glück besorgen, in den Garten gehen und arbeiten!"

Indem ich das niederschreibe, regt sich in mir doch Widerstand, meine Kant-Betrachtung so zu beenden. Man könnte sie leicht als resignative Rückkehr zum einfachen Leben verstehen. Das Gegenteil ist aber gemeint: Eine Art Bodenhaftung ist jederzeit erforderlich, um dem Menschen seine Würde und die Achtung unter Seinesgleichen zurückzugeben. So versteht Kant auch die Französische Revolution, die er selbst in Zeiten des Jakobinischen Terrors verteidigte, als eine Art geschichtliche Wiedergutmachung am Menschengeschlecht, das in seiner Würde verletzt und in seiner Freiheitsfähigkeit unterdrückt wurde. Er spricht von der Revolution als "Evolution einer naturrechtlichen Verfassung".

Aufklärung und Revolution in diesem Sinne gehören zusammen. Sie sind aber keine gesellschaftlichen Naturereignisse, sondern im Verlauf und in ihrer Wirkung vom Willen und Bewusstsein der einzelnen Individuen abhängig. Und das nicht nur vom "inneren Gerichtshof", als den Kant das Gewissen bezeichnet. Aufklärung ist, wie die bekannte Formulierung ausdrückt, "der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit." Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit dadurch, dass alle Kräfte des Mündigwerdens und der Autonomie vorhanden sind, aber nicht genutzt werden. Es ist deshalb politische Urteilskraft nötig, Bildung und Ermutigung, "Vernunft in allen Stücken" öffentlich zu gebrauchen. Wie die Weltgesellschaft auszusehen hat, das hängt also wesentlich davon ab, wie öffentliche Urteilskraft in die Speichen des Räderwerks der Wirklichkeit eingreift und diese im Sinne der Achtung und Anerkennung autonomer Individuen verändert. Wie diese, so bedürfen die meisten der anderen Erkenntnisse und Vorschläge Kants kaum der Mühe, den Zeitraum von 200 Jahren durch Aktualisierungen zu überbrücken.

Mehr zur politischen Bedeutung Kants ist nachzulesen in Oskar Negts Buch Kant und Marx. Ein Epochengespräch, das im letzten Jahr im Steidl-Verlag, Göttingen, erschienen ist.


00:00 13.02.2004

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