Liebe auf ukrainisch

Baukasten Marina Lewyckas turbulenter Roman "Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch"

Es gibt Bücher, deren Titel einen in völlig falsche Erwartungen drängt - so, wenn einem Die kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch angeboten wird und man vielleicht glaubt, hier müsse es sich um eine Abrechnung mit der Stalinschen Politik handeln, das Buch sich aber als sogenannter turbulenter Familienroman entpuppt. Und es gibt Pressemappen, die einen unbedingt davon abhalten wollen, ein Buch zu lesen, indem sie zur Übersetzung das gesammelte Paket der dortigen Provinzpresse mit den Ernteerträgen des Erfolgs beilegen und obendrauf noch Human-interest-Sahne häufen, die illustrierte Meldung zum Beispiel, die Autorin habe durch ihr Buch den 92-jährigen Vater wiedergefunden. Schluchz.

Beides gute Gründe, die Laune am dazugehörigen Buch zu verderben. Weil man aber vom Cover in seiner raffiniert-ironischen Adaption volkstümelnder sowjetischer Propagandaplakate so unerklärlich angezogen wird, blättert man es an, gerät alsbald hinein und ist am Ende durchaus zufrieden damit. Und dann liest man doch noch den Beipack. Und liest eine dieser Autorschafts-Erfolgsgeschichten, in denen jemand lange vergeblich, am Ende aber dann um so unverhoffter ... Hier geht das so: Marina Lewycka, Hochschuldozentin für PR, hat 50 Bücher geschrieben und alle wieder verworfen. Nun dies. Es wird publiziert, aber die Buchhändler stellen es wegen seines Titels unter die Fachbücher, Abteilung Landwirtschaft. Eine Lesung bei der BBC bringt den Durchbruch, Mund-zu-Mund-Propaganda den andauernden Auflagenerfolg, dem mehrere Preise folgten. Eine Kampagne, wie von einer PR-Dozentin ausgedacht.

Und um was geht es nun in diesem Erfolgsroman? Auf den ersten Blick könnte es scheinen, um eine Viagra Comedy, wie der Angloamerikaner das nennen soll: Der greise Vater teilt seinen erwachsenen Töchtern mit, dass er wieder heiraten will. Der 84-jährige politische Emigrant aus der Ukraine hat sich eine wirtschaftsflüchtende ukrainische Neuemigrantin, eine 34-jährige, üppige Silikonblondine auserwählt. Die, so erzählt es uns die jüngere Tochter, besteht auf scharfer Unterwäsche, Fertiggerichten, Hochtechnologie und Unordnung in der Küche, sowie auf einem Wagenpark nobler Schrottautos. Einen Sohn, angeblich ein Genie, das die beste Ausbildung benötigt, hat sie auch.

Der fidele Alte, dessen Pfeifchen doch nicht mehr so quinquiliert, wie er hoffte, tanzt nach ihrer Pfeife. Sie treibt ihn in den finanziellen, körperlichen und psychischen Ruin. Scheint dabei selbst aber auch zunehmend unglücklich. Die übers Erbe der gestorbenen Mutter zerstrittenen Töchter schließen ein Zweckbündnis gegen die Invasorin, die sich inzwischen Liebhaber zulegt und deren nur zum Schein geschiedener ukrainischer Mann schließlich auch noch auftaucht. Während alledem schreibt der störrische Alte seine Geschichte des Traktors auf Ukrainisch, die er denn zwischendrin in Portionen zum besten gibt. Diese Lektionen konkurrieren mit den Episoden aus der Familiengeschichte, die sich die Schwestern erzählen und dabei nach und nach das Parterre der comedywürdigen Turbulenzen mit Abgründigerem unterkellern - mit dem Einbruch von Stalinismus und Nationalsozialismus in das Schicksal der Eltern und damit auch ihr eigenes. Das wird in perfekter Baukastenmanier zugleich mit einem kräftigen Spektrum des gegenwärtigen England zusammenmontiert, so dass man einen Migranten-Familienroman als historisch-sozialen Kurzlehrgang vor sich hat, den technischen Lehrgang zum Traktor darüber nicht zu vergessen!

Der Roman verhehlt seinen Baukastencharakter nicht. Den kann man nun, wenn man Vorstellungen vom "organischen" Erzählen anhängt, als unzulänglich empfinden, man kann ihn aber auch pragmatisch genießen, nämlich in eben den passend übersichtlichen und trefflich abwechselnden Portionen - wie ein Magazin, unterwegs oder abends im Bett.

Doch geht der Roman darin nicht auf. Aus diesem Patchwork entsteht nämlich allmählich eine Geschichte der Deformationen der Einzelnen wie der Familie durch staatlich produzierte Gewalt, Verrat und Paranoia. Aber diese deformierten Biographien und ihr Sozialverbund sind nicht nur tragisch und schmerzlich. So wie die Geschichte des Traktors, die der alte Nikolai zu erzählen hat, ambivalent ist, nämlich von Menschheitsglück wie -unglück zeugt, so sind die Schicksale traurig und bedauernswert, aber eben auch von Heiterkeit, Optimismus und Glücksmomenten durchzogen. Und so kommt es denn, bei allem Auf und Ab der Familienstimmungen, bei allem Hin und Her durch die Geschichte zu einem ebenso raffiniert gebauten wie versöhnlichen Ende. Es siegt die Familie, indem die Liebe über die Familie und über die Zeit gleichermaßen siegt. So pathetisch und so kryptisch muss man es wohl formulieren, um das nicht unerhebliche Vergnügen an der Schlussvolte nicht zu zerstören.

Marina Lewycka: Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch. Roman. Aus dem Englischen von Elfi Hartenstein, DTV, München 2006, 359 S., 14,90 EUR


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00:00 06.10.2006

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