Liebe Diner nächtens

Kino Wong Kar-Wai schickt Norah Jones durch amerikanische Restaurants in einem Film, der aussieht wie ein sehr gutes Plagiat eines Wong-Kar-Wai-Films: "My Blueberry Nights"

Der Tourismus immerhin hat dazu geführt, dass man die Orte, die das Kino in den schönsten Farben ausmalt, aus eigener Anschauung kennen kann. Und dann ist etwa ein amerikanischer Diner zwar ein Ort, der beim Betreten alle jene Bilder und Gefühle mobilisiert, die das Kino von George Lucas´ American Graffiti bis zu David Cronenbergs A History of Violence (oder so ähnlich) von ihm produziert hat. Aber der Diner, dessen Konzept McDonald´s industrialisiert hat, ist eben auch nur die amerikanische Durchschnittsgaststätte mit fettigem Essen und Kaffee bis zum Nachfüllen. Gerade letzteres sieht im Kino gut aus, und ist in Wirklichkeit überflüssig: Wer trinkt schon Kaffee in den Mengen und dem Tempo, wie er Wasser zu sich nimmt? Insofern hat der Diner, wenn man es mit diesem umständlichen Begriff sagen darf, an Sehnsuchtshaftigkeit verloren seit den scheinbar unschuldigen Tagen von American Graffiti. Man mag den Diner heute immer noch für einen auratischen Ort halten, aber das ist er nicht wegen des Kaffees und der Küche, sondern allein wegen der Bilder, die es von ihm gibt. Das ist der Zwiespalt, der einen beim Betrachten von Wong Kar-Wais neuem Film My Blueberry Nights befängt: Der Diner sieht gut aus, aber das der dort servierte Blaubeerkuchen der beste sein soll, ist ein Klischee.

Wong Kar-Wai hat sein Kino immer in den schönsten Farben ausgemalt und sich für Tourismus nie interessiert, ob seine Protagonisten nun in Hongkong geblieben (Chungking Express), nach Argentinien gefahren (Happy Together), in die Vergangenheit gereist sind (In the Mood or Love) oder die Zukunft (2046). So bleibt es auch bei Wongs erstem Ausflug in die USA. My Blueberry Nights setzt ein in einem Diner, in dem Jeremy (Jude Law) arbeitet und in den Elizabeth (Popsängerin Norah Jones in ihrer ersten Rolle) spät abends kommt, und dabei wird fast völlig ignoriert, dass dieses Lokal an einer Straßenecke in New York steht: Es gibt keine der üblichen Totalen von der Skyline Manhattans, und die Hochbahn, die sich in Zeitlupe vorbei schleicht erinnert an einen Geisterzug. Jeremy und Elizabeth sind die einsamsten Menschen der Welt, und sie verbindet allein diese Einsamkeit und nicht etwa Liebe.

Wongs Spielfeld ist die distanzierte Nähe und My Blueberry Nights ein Film der Enge und der Innenräume. Selbst am Ende, wenn Elizabeth im Westen angekommen sein wird, erscheinen die wenigen Aufnahmen von der Weite des amerikanischen Landes eher als Fußnoten eines visuellen Stils denn als dessen stolz vorgezeigte Trophäen.

Die Kamera wird diesmal geführt von Darius Khondji, der für David Fincher (Sieben) gearbeitet hat und für Jean-Pierre Jeunet (Delicatessen), aber sie fügt sich in das grandiose Bilderbuch, das Wongs bisherige Filmographie ergibt. Optisch - freilich auch wegen der Handlung in der Gegenwart - knüpft My Blueberry Nights an frühere Filme an; die wie im Traum gefangene Eleganz von In the Mood for Love und 2046 ist wieder einem hektischeren, schmutzigeren Stil gewichen. Gerade zu Beginn, wenn die Kamera sich in alle Ecken des nicht sehr geräumigen New Yorkers Restaurants verzieht oder durch die stumpfen Scheiben filmt, die Farben aus bleichen Tönen bestehen und vom unerbittlichen Gelb der Straßenbeleuchtung dominiert werden, der Schnitt mit der Verlangsamung des Bildes bei normal laufender Tonspur spielt, gerade dann erinnert vieles an die künstlerische Anspruchslosigkeit des Videofilms, wie sie der Heimgebrauch hervorgebracht hat, und es ist berückend zu sehen, welche Schönheit dieser Gebrauchsästhetik abzutrotzen ist.

So wie die Bilderwelt von My Blueberry Nights nicht aus den großen, weiten Tableaus besteht, so zerbröseln die Lebensgeschichten der Protagonisten immer wieder in Anekdoten und Bruchstücke der Erinnerung. Jeremy etwa sammelt in seinem Laden Schlüssel von Menschen, die sie entweder vergessen oder hinterlassen haben, schaut sich dann und wann die Filme der Überwachungskamera an und erinnert sich an Gäste nur anhand ihrer kulinarischen Vorlieben.

Elizabeth ist eine junge Frau mit gebrochenem Herzen, und der erwartungsvolle Blick auf das erleuchtete Fenster, hinter dem "er" mit einer anderen lebt, bestärkt die Entscheidung, einen anderen Weg zu nehmen. Dieser Weg führt, wie immer in Amerika, nach Westen. Inserts zählen die Tage und messen die Entfernung zu New York, und manchmal schreibt die junge Frau eine absenderlose Karte an Jeremy. In Memphis beobachtet Elizabeth, die nun selbst, Tag und Nacht, hinter dem Tresen steht, Sue Lynne (Rachel Weisz) und Arnie (David Strathairn), ein Paar, dass seine Beziehung schon hinter sich hat, aber noch nicht alle Gefühle füreinander aufgebraucht. In Nevada, dem Land des Glückspiels, das in My Blueberry Nights bei weitem nicht so strahlend aussieht wie Las Vegas gemeinhin, trifft Elizabeth auf Leslie (Natalie Portman), die genauso einsam wie sie ist, aber sonst das Gegenteil: eine junge Spielerin, die jeden Tag wieder an das Glück glaubt und alle Gefühle ins Reich der Fiktionen abgeschoben hat, damit sie davon nicht mehr berührt werden kann.

Was diese Geschichten und diese Menschen verbindet, um zu dem Problem von My Blueberry Nights zu gelangen, bleibt offen. Nicht offen in der Art, wie Wong Kar-Wais Filme immer offen bleiben, weil sie nie von erfüllter Liebe handeln, sondern immer nur vom Wollen, Zögern und Verpassen, vom Tendeln davor, dabei und danach. In the Mood for Love, der in diesem Sinne vielleicht beste, weil konsequenteste Film hat das Nebeneinander des nie geäußerten Begehrens in strenger Wiederholung kaserniert. Bei My Blueberry Nights gibt es daran gemessen viel Auslauf: Man kann sich kein Bild davon machen, wen Elizabeth eigentlich liebt, und ehe die Beziehung zu Jeremy Kontur bekommt, steigt sie als Statistin ein in das Drama von Sue Lynne und Arnie, das schon zu lange läuft, um es zu ermessen. Wong Kar-Wai hat bei seiner amerikanischen Reise verpasst, die Emotionen, die ins Leere laufen, mit Intensität aufzuladen.

My Blueberry Nights wirkt wie ein unglaublich gut gemachtes Plagiat eines Wong-Kar-Wai-Films. Dieser Film ist "schon gut", wie es umgangssprachlich heißt. Und hinter dem "schon" lauert die Entscheidung, den Zwiespalt auszuhalten oder sich der Schönheit von Bildern, Musik und Farben hinzugeben, auch wenn man weiß, dass sie einen betrügt um die Tiefe des Gefühls.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare