Liebe, kein Verbrechen

Film Mehr als 100 Jahre wurde Homosexualität hierzulande kriminalisiert. „Große Freiheit“ erzählt von den Jahren der Schwulenverfolgung in der BRD – und verkommt dabei nie zum bloßen Statement

Am Anfang ist nur das Rattern einer Kamera zu hören. Sie observiert das rege Treiben in einer öffentlichen Toilette, in der sich Männer für schnellen Sex treffen: Ein Blickkontakt, ein knappes Nicken, mehr braucht es nicht. Immer wieder fängt die Kamera das markante Gesicht eines Einzelnen ein. Mit einem plötzlichen Szenenwechsel wird klar, wofür die Aufnahmen angefertigt wurden: Das besagte Gesicht ist nun gesenkt, die Filmbilder laufen vor Gericht, wo der Richter bald eine 24-monatige Haftstrafe verhängt.

Mit dieser Sequenz eröffnet Regisseur Sebastian Meise sein Drama Große Freiheit, das auf den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes Premiere feierte und in der Sektion „Un Certain Regard“ mit dem Jurypreis ausgezeichnet wurde. Es prangert die jahrzehntelange, perfide Verfolgungspraxis von schwulen Männern nach „Paragraf 175“ an, der Homosexualität hierzulande 123 Jahre lang kriminalisierte.

Doch trotz seiner klar erkennbaren gesellschaftspolitischen Mission verkommt Sebastian Meises Film nie zum bloßen Statement. Dafür ist er mit seiner konsequent bläulich-kalten Farbgebung zu kunstvoll inszeniert, und die Geschichte des Protagonisten Hans Hoffmann (Franz Rogowski) mit zu viel erzählerischem Feingefühl vorgebracht.

Als er im Jahr 1969 das Gefängnis betritt, ist es nicht sein erster Aufenthalt: In der Näherei trifft er auf einen Mitgefangenen, der Hans mit der Frage, ob er ihn vermisst habe, begrüßt. „Nur deinen Schwanz“, erwidert der und lacht schelmisch. Sein von der langen Haft deutlich gezeichnetes Gegenüber, das sich bald als Viktor Bix (Georg Friedrich) herausstellt, deutet auf seinen Schnauzbart und möchte wissen, ob man das jetzt als „Schwuchtel“ so trage. Ihr Umgangston ist rau, aber auch von einer eigenartigen Zärtlichkeit geprägt.

Behutsam zeichnet das Drama die besondere Beziehung dieser Männer nach, die bis in das Jahr 1945 zurückreicht und mit offener Feindseligkeit beginnt. Denn als Hans damals in Viktors Zelle verbracht wird, wird an der Tür auch Hans vermeintliches Vergehen vermerkt, was trotz seiner beinahe stoischen Ruhe in einer gewaltvollen Auseinandersetzung mündet. Mit schmerzvoller Eindrücklichkeit führt Meise, der zusammen mit Thomas Reider auch das Drehbuch verfasste, so vor Augen, dass der Status des Geächteten vielen Homosexuellen nicht nur in der Gesamtgesellschaft anhaftete.

Weil er selbst von den befreienden alliierten Kräften noch als Straftäter wahrgenommen wird, führt der Weg von Hans nach Kriegsende aus dem Konzentrationslager heraus direkt in die Haftanstalt, wo er den Rest seiner Zeit absitzen soll. Sogar von den Ausgestoßenen noch an den Rand gedrängt, fristet er unter den Inhaftierten ein Dasein in beinahe vollständiger Isolation. Dass ihm Viktor doch noch zum Freund wird, ist gerade aufgrund der Unwahrscheinlichkeit ihrer Zuneigung ein kraftvolles Plädoyer für das menschliche Verlangen nach Nähe und Verbundenheit.

Mit weiteren Zeitsprüngen wird Hans’ gesamtes Leben durch Gefängnisaufenthalte erzählt. Seine Situation erinnert so unweigerlich an Rainer Maria Rilkes berühmten Panther, dem so ist, „als ob es tausend Stäbe gäbe und dahinter keine Welt“. Doch die Hoffnungslosigkeit des Gedichts beschreibt das Wesen des Mannes nur bedingt. Denn der findet sein Glück überall, sieht gar nicht ein, sich zu beugen. Allen Widrigkeiten zum Trotz versucht er die im für den Zuschauer unsichtbaren Draußen eingegangenen Beziehungen mit abenteuerlichen Mitteln selbst im Gefängnis fortzuführen. Damit ist mit Große Freiheit nicht nur eine erfrischend unaufgeregte, aber tief berührende Geschichte über Freundschaft gelungen, sondern auch über den ungeheuren Wert innerer Widerständigkeit.

Große Freiheit Sebastian Meise Österreich, Deutschland 2021; 116 Min.

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