Ursula Fricker
Ausgabe 2313 | 09.06.2013 | 09:00 6

Liebe, kluge Schlitzohren

Krähen Der Tierjournalist Cord Riechelmann gibt in der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe „Naturkunden“ eine Liebeserklärung an die seltsam sympathischen Krähen ab

Liebe, kluge  Schlitzohren

Bild: Radius Images / Corbis

Nicht nur den Krähen widmet die neue Reihe Naturkunden aus dem Hause Matthes & Seitz ein besonders gestaltetes Buch, auch Korbinian Aigners Äpfel und Birnen, Die Berge Kaliforniens oder schlicht die Natur sind auf aparte Weise neu zu entdecken. Herausgegeben werden die Bände von der Autorin und Buchgestalterin Judith Schalansky, deren Faible für Themen, die in ihrer Alltäglichkeit gerne übersehen werden, schon beinahe Legende ist. Sie zeichnet neben der Herausgabe auch verantwortlich für den Gestaltungsentwurf der einzelnen Bücher.

Freilich horcht man sogleich auf und verortet eine neue Naturreihe zunächst forsch in der Nähe jener so wohlfeilen Lust-aufs-Land-Ästhetik, die mit der Sehnsucht nach einer Zeit kokettiert, in der das Gute noch einfach war. Hält man den ersten Band der Reihe, Krähen, aber in Händen, vergisst man die Bedenken schnell. Man freut sich einfach, dass jemand diesen scheinbar so gewöhnlichen schwarzen Vögeln mit einem so schönen Buch die Liebe erklärt.

Es ist ein Buch im Kleinoktavformat, anthrazit der Einband, in schwarzer Glanzprägung darauf eine Krähe von schräg hinten gesehen, den Hals gereckt, den Kopf gewendet, den Blick scharf beobachtend, man könnte fast meinen, auf uns, ihre menschlichen Beobachter, gerichtet. In weißer Prägung die Schrift. Der Kopfschnitt tiefschwarz, das Kapitalband schnabelgelb, schwarzfädig gebunden die Seiten. Drinnen erwarten uns zahlreiche historische Abbildungen und, besonders schön, die kleinen, feinen Krähen-Lithografien von Tomas Mrazauskas. An der Schwelle eines Paradigmenwechsels, was elektronische Bücher angeht, werden es wohl solche bibliophilen Kleinode sein, die Bestand haben werden – weil sie über das Inhaltliche weit hinausgehen, weil die Form den Inhalt auf subtile Weise ergänzt und bestätigt.

Das Sommerquartier

Der Autor, Cord Riechelmann, Biologe, Philosoph und Tierjournalist, entführt uns mit einer kurzweiligen, gänzlich unsystematischen Sammlung mythologischer Überlieferungen, wissenschaftlicher Erkenntnisse, kolportierter Anekdoten und eigenen Anschauungen in die Reviere der rabenschwarzen Vögel. Leider irritieren bei der Lektüre gelegentlich stilistische Ungeschicklichkeiten. Man spürt aber, und das macht den kleinen Verdruss wieder wett, in jeder Zeile, jedem Satz Riechelmanns Begeisterung für sein Motiv, die Krähe.

Riechelmann, in Berlin zu Hause, lässt uns gleich zu Beginn an seinen Beobachtungen teilhaben. Er berichtet von Nebelkrähen, die mitten in Kreuzberg auf einem Kitaspielplatz gegen einen Fuchs zu Felde ziehen. Er nimmt uns mit auf eine Reise in die russische Ebene zwischen Petersburg, Moskau und Wologda, dem Sommerquartier der Saatkrähe. Er erzählt von Krähen, die als Nichtbrüter den Nachwuchs der eigenen Art töten. Er versucht die Namensverwirrung um die Krähe zu entwirren, was ist Krähe, was ist Rabe, es gelingt ihm nicht, weil es letztlich gar keine definitorische Klarheit gibt, die beiden Namen werden synonym gebraucht.

Und wer hätte gedacht, dass die Krähe ein Singvogel ist? Oder dass sie zur Ordnung der Sperlingsvögel gehört? Riechelmann führt den Leser auch kurz in die biologische Systematik der Krähen ein: Laut Handbook of the birds of the world umfasst die Familie der Corvidae 123 Arten in 24 Gattungen. Die eigentlichen Krähen bilden die Gattung Corvus, der 43 Arten zugerechnet werden. Die Elster gehört dazu, der Eichelhäher, die Dohle. 20 Porträts mit ganzseitigen Abbildungen und kurzen Beschreibungen finden sich im letzten Drittel des Buches.

"Die Kulturgeschichte des Menschen vollzieht sich unter Beobachtung von Krähen." Die Krähe ist unseren Vorfahren gefolgt, als sie vor Millionen Jahren die Wälder verließen und allmählich offene Landschaften besiedelten. Immer schon haben sich Krähen in der Nähe von Menschen aufgehalten, beide Seiten profitierten davon: Die Krähen taten sich gütlich an Abfällen, die Menschen wurden verschont von Seuchen, indem die Krähen für die Beseitigung von Kadavern und damit für eine gewisse Hygiene sorgten. Dennoch blieb das Verhältnis des Menschen zur Krähe ambivalent – begleitet von einer mystisch-unheimlichen Konnotation. Das mag an ihrem schwarzen Federkleid liegen oder an ihrer Eigenschaft, wie Geier auf das Verenden kranker Tiere zu lauern oder an beidem zusammen. Die Wikinger ernannten den Kolkraben zu ihrem Schlachtenvogel, kein Wunder, dass die von ihnen überfallenen Völker mit dem Rabenvogel den Tod verbanden. Den Tsimishian-Indianern hingegen, beheimatet im nordpazifischen Raum, gilt die Krähe bis heute als göttlicher Bote; listig hat sie dem Himmelsherrscher das Licht abgeluchst, um es den Menschen auf die Erde zu bringen.

Fähigkeit zur Abstraktion

Buchstäblich beflügelt von Mythen und Märchen um die schwarzen Vögel zeigt sich auch die Kunst. Die Geschichte der Krähe, könnte man in Umkehrung des obigen Satzes sagen, vollzieht sich unter der Beobachtung der Kunst. Von Caspar David Friedrichs Der Rabenbaum über Hitchcocks Die Vögel bis zu Marcel Beyers zeitgenössischem Roman Kaltenburg begleiten und inspirieren Krähen seit jeher Künstler aller Genres.

Verhaltensforschern wie Konrad Lorenz, dem ein eigenes und in Bezug auf seine zeitweilige Nähe zu den Nazis durchaus kritisches Kapitel gewidmet ist, ist es unter anderem zu danken, dass der Rabenvogel endlich auch wissenschaftliches Terrain eroberte. Jenseits der Mythen wurde der Blick frei für die höchst erstaunlichen Begabungen dieser Vögel: Ein ausgeprägter Spieltrieb, Erfindungsreichtum, eindrucksvolle Gedächtnisleistungen und nicht zuletzt diese liebenswürdige Schlitzohrigkeit. So etwa wird von Krähen in Kanada berichtet, die an Ampeln Nüsse auf die Straße werfen, um sie von den Reifen losfahrender Autos knacken zu lassen. Oder von jenen Tokioter Kollegen, die ihre Nester, nachdem sie von Wasserwerfern zerstört worden waren, neu bauten, sie aber diesmal mit Drahtkleiderbügeln verstärkten und verstrebten. Früher dachte man, nur Säugetiere seien zu höheren kognitiven Leistungen imstande. Die Krähe hat die Forschung eines Besseren belehrt.

In zahlreichen Versuchen bewies der Vogel seine Fähigkeit zur Abstraktion. Ihrer Intelligenz und ihrem Einfallsreichtum ist es wohl zu danken, dass die Krähe bis heute allen möglichen Vertreibungsversuchen widerstanden hat und sich selbst in großen Städten wie Tokio oder New York weiterhin kräftig vermehrt. Anpassung, so würde Inge Lohmark, die Lehrerin aus Schalanskys Roman Der Hals der Giraffe, sagen, ist eben alles.

Es ist ein lebendiges, kleines Kompendium, das uns Cord Riechelmann hier vorlegt. Man erfährt Wunderliches, Amüsantes und Kluges über diese allgegenwärtigen schwarzen Gesellen. „Krähen bleiben mysteriös, ohne exotisch zu sein.“ Was für eine schöne Erkenntnis!

Krähen Cord Riechelmann Judith Schalansky (Hrsg.), Matthes & Seitz Berlin 2013, 155 S., 18 €

Ursula Fricker lebt in der Märkischen Schweiz. Ihr jüngster Roman Außer sich war 2012 für den Schweizer Buchpreis nominiert

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 23/13.

Kommentare (6)

lichtspiel 09.06.2013 | 21:43

Es ist schön, dass ein solches Buch über Krähen erscheint, verdient haben es diese Tiere allemale . Der Rezension nach zu urteilen scheint es mir aber stellenweise nicht besonders gut recherchiert zu sein:

"Er versucht die Namensverwirrung um die Krähe zu entwirren, was ist Krähe, was ist Rabe, es gelingt ihm nicht, weil es letztlich gar keine definitorische Klarheit gibt, die beiden Namen werden synonym gebraucht."

Dass die Menschen im Alltag die Namen "Krähe" und "Rabe" durcheinanderwürfeln - geschenkt. Aber selbstredend gibt es eine "definitorische Klarheit", und dass der Autor die Namensverwirrung scheinbar nicht entwirren kann ist kein gutes Zeichen. Man kann auch als Amateur einen Raben leicht von einer Rabenkrähe oder Saatkrähe unterscheiden (von einer Nebelkrähe sowieso), sofern das Tier nicht gerade zu weit entfernt fliegt. Spätestens sobald es den Schnabel aufmacht und rumkrächzt ist klar, ob man einen Raben vor sich hat oder nicht.

"...wird von Krähen in Kanada berichtet, die an Ampeln Nüsse auf die Straße werfen, um sie von den Reifen losfahrender Autos knacken zu lassen."

Das ist ein alter Hut, da muss man nicht erst nach Kanada gucken, von wo das "berichtet" wird. Einfach Augen auf im Alltag: denn das passiert hierzulande schon längst genauso. Ich habe das in den letzten Jahren schon Dutzende Male beobachtet. Und das funktioniert sogar ohne Autoreifen als Knackhilfe: die Krähen bearbeiten Walnüsse vorher ausgiebig mit dem Schnabel und lassen die danach auf eine harten Oberfläche (Straße, Platz etc) fallen. Oft reicht dann schon der Aufprall, damit die Dinger aufspringen.

Werner Schneider 11.06.2013 | 22:10

@Lichtspiel: Raben, Krähen --- das sind umgangssprachliche Begriffe und wirklich nicht so klar definiert; anders natürlich die insgesamt bekannten 115 Arten, da gibt es klare ornithologische Definitionen und Bezeichnungen. Die größeren nennt man eher Raben, die kleineren eher Krähen, dann spricht man auch von Rabenkrähen ... zur Familie gehören dann noch Dohlen, Elstern, Häher ...

Aber egal, das sind jedenfalls alles wundervolle, hochintelligente Vögel, die "Primaten der Lüfte", und ein solches Buch haben sie wirklich verdient.

Vgl. auch: Josef H. Reichholf, "Rabenschwarze Intelligenz - Was wir von Krähen lernen können."