Liebe Westdeutsche

Offener Brief Der Osten ist auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR anders geblieben, als ihr Euch das vorstellt. Es ist dringend nötig, dass ihr euer Bild ändert
Liebe Westdeutsche
Klischees bestimmen nach wie vor das Bild, das „der Wessi“ von „dem Ossi“ hat

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Liebe westdeutsche Freund/innen,

in der Debatte um die Ereignisse von Chemnitz wiederholen sich viele Motive, an die ich mich aus den Debatten nach Hoyerswerda, nach Rostock-Lichtenhagen oder Heidenau erinnere. Offenbar fällt es Teilen der Medien und Politiker schwer, Erkenntnisse aus vergangenen Ereignissen und Debatten für das Hier und Jetzt fruchtbar zu machen.

Wer sich verwundert die Augen reibt, wer und was in Chemnitz von Rechtsaußen zusammenfindet, hat die 1990er Jahre und die Konstitution der „Generation Hoyerswerda“ im Osten vergessen. Offenbar ist vielen im Westen nicht klar, dass in Ostdeutschland zwei Generationenkohorten existieren, deren kollektive politische Erfahrung sich daraus speist, ein politisches System gestürzt und anschließend den neuen Staat in Hoyerswerda und Rostock gezwungen zu haben, vor ihrem rassistisch motivierten Willen zurückzuweichen.

Wer sich über die vermeintlich plötzliche Eruption der Gewalt in Chemnitz wundert, dem sind offenbar die tektonischen Verschiebungen der politischen Gemengelage in Ostdeutschland zwischen den Jahren 2004 (Hartz IV-Proteste) und 2013/2014 entgangen. Erinnert Euch an die „Lichtelläufe“ in Schneeberg. Sie waren so etwas wie die Probeaufführung für alles, was danach kam: PEGIDA, die Formierung eines politisch wieder handlungsfähigen rechten Blocks.

Es geht um Anerkennung

Erinnert Euch aber auch an die ohnmächtige Wut der protestierenden Frauen und Männer in den ehemaligen sächsischen Industriezentren im gleichen Zeitraum, denen es auf den ersten Blick um die Rente, auf den zweiten aber um die Anerkennung ihrer Lebens- und Arbeitsleistung in der DDR und nach der Wiedervereinigung ging. Wurden sie – außer von Petra Köpping, der mutigen Ministerin in Sachsen – angehört? Nein.

Das Bild einer dem Höhepunkt zustrebenden rechten Bewegung ist unzutreffend. Vielmehr handelt es sich um zyklisch wiederkehrende Mobilisierungsformate, deren konzentrische Reichweite sich seit 2013 vervielfacht und in gesellschaftliche Sphären vorgedrungen ist, in denen offen rechtsextreme Invektiven bislang nicht zum Tragen kamen. Teile der Basis der gesellschaftlichen Großorganisationen – wie Sport, Wohlfahrt, Gewerkschaft etc. – in Ostdeutschland rebellieren verdeckt und offen gegen den Kurs der Führungen ihrer Organisationen in den Debatten um Flüchtlinge. Diese Rebellion hat rechte und rassistische Motive. Aber auch solche der Nicht-Repräsentation. Man lese die Beiträge in den Foren, Leserbriefe in Verbandsorganen und Regionalzeitungen. Zugleich droht das gesellschaftliche Leben in ostdeutschen Regionen zu erlahmen, weil jene Leute, die Ideen haben, kreativ und handlungsmächtig sind, nach wie vor in den Westen gehen und nicht wieder kommen. Sie fehlen uns hier. Hier in den Jugend- und Kulturinitiativen, hier als Akteure in der Kommunalpolitik, hier in der Arbeit für eine offene und solidarische Gesellschaft. Das Potential, aus dem in Städten wie Hamburg, Berlin oder auch Leipzig geschöpft werden kann, wenn es um politische Ideen und Kreativität geht, fließt Euch nicht unwesentlich aus den ländlichen und kleinstädtischen Regionen Ostdeutschlands zu. Merkt ihr das nicht?

Ja, es gibt im Osten eine regressiv-autoritäre gesellschaftliche Unterströmung, die breiter ist als die AfD-Wähler/innenschaft. Aus einem vielschichtigen Ressentimentmix hat sich eine grundsätzliche Ablehnung westlicher / westdeutscher sozialer Praxen und Kulturen entwickelt. Sie artikuliert sich autoritär und rassistisch. Zugleich sehen sich Menschen der mittleren und älteren Generation einer Art kulturellen Fremdherrschaft unterworfen, in der sie mit ihrem Erfahrungen nicht vorkommen.

Tränen und Applaus

Was glaubt ihr, weshalb der Gundermann-Film im Osten in den Kinos Tränen und Applaus auslöst, während man sich im Westen im Gestus „Aha, interessant“ darüber beugt? Weil in dem Film endlich die widersprüchlichen Erfahrungen der DDR-Bürger zwischen dogmatischer Idiotie, Grosteske, Schlamperei, Mangelwirtschaft und Utopie Repräsentation erfährt.

Natürlich gilt es, das rechte und rassistische Potential bezüglich der Milieus und Generationenkohorten zu differenzieren. Es gibt nicht den rassistischen Sachsen. Natürlich nicht. Allerdings – und das ist wichtig – ist dieser skizzierte Ressentimentmix in allen ostdeutschen Milieus vorhanden. Die Frage ist nun, wer ihn auf welche Weise mobilisiert und abruft. Die Klügeren in der AfD haben dies längst begriffen. Wer kann dagegen halten? Wer kann den rassistischen Wahnsinn offen benennen, ohne in die Klischees vom primitiven Ostdeutschen zu verfallen?

Die Forderung vieler westdeutscher Akteure, im Osten bräuchte es mehr Bereitschaft zur kritischen Reflektion und weniger Uwe Steimle-Gestammel, ist zutreffend. Die Frage ist nur, wo diese Reflektion ihren Ort hat? Wieviele Leitmedien nehmen die ostdeutsche Geschichte und Kultur ernst – und halten sie nicht für Exotik?

Für die rechte Mobilisierung im Osten ist kein Schaden entstanden, sollte jetzt nach Chemnitz eine zeitliche Pause der Kampagnenfähigkeit eintreten. Es stehen genug Städte zur Verfügung, in denen sich ähnliche oder andere Szenen der „Bürgerwut“ abrufen und aufführen lassen. Es braucht nicht viel Phantasie, sich ähnliche Verläufe für Cottbus oder andere Klein- und mittelgroße Städte vorzustellen. Aber in all diesen Städten gibt es Menschen, die sich seit den 1990ern der Hegemonie der Rechten entgegenstellen. Wer fragt die? Wo werden die sichtbar? Wer unterstützt sie nicht nur, wenn mal es mal wieder brennt?

Es braucht mehr als nur Zeichen

Das Konzert von Chemnitz war ein Zeichen. Ein gutes. Aber auch nicht mehr. Die Erfahrung der 1990er Jahre lehrt, dass einmalige Kraftakte in Regionen, in denen eine rechte Hegemonie den Alltag bestimmt, nicht nachhaltig wirken. Es bräuchte langfristig angelegte Patenschaften aus den Metropolen für jene, die noch in den Regionen geblieben und nicht nach Leipzig oder Hamburg gezogen sind. Wie wäre es mit einer Patenschaft zwischen freien Theater- und Filmgruppen aus Hamburg und Berlin mit Skatern, migrantischen Jugendlichen? Wie wäre es mit einer aktiven Patenschaft für die Kirchengemeinde in der ostdeutschen Kleinstadt, die wegen ihres Engagements für Flüchtlinge im Fokus der Rechten steht? Wie wäre es mit einer Patenschaft mit den Berufsschulen, in denen offene Sozialarbeit gegen rechte Jugendkultur stattfindet?

Liebe westdeutsche Freund/innen, der Osten ist auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR anders geblieben, als ihr Euch das vorstellt. Es ist Zeit, jenseits der Medienkonjunktur der Frage „Was ist da im Osten los?“ zu verstehen, was hier passiert. Chemnitz war für die vereinigte Rechte der Vorbote eines rechten Umsturzes, der aus dem Osten kommen soll. Daraus gilt es zu lernen.

Dieser Text erschien zuerst auf Telegraph.cc

06:00 11.09.2018

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