Liebe zu Vinyl

Roman, Punk aus Berufung - Gegenwelten Obsession gehört dazu, um gegen das kapitalistische Ideal zu leben

punk ain´t no religious cult
punk means thinking for yourself
you ain´t hardcore cos you spike your hair
when a jock still lives inside your head
nazi punks fuck off!
Dead Kennedys, USA 1981

punk ist keine religion
punk heißt, für sich selber denken,
du bist nicht hardcore,
wenn du deine haare stylst
wenn dich etwas treibt, dann der gedanke
nazi punks, verpisst euch

Er ist seit Jahren Punk. Besser passt: Teil der Punkszene. Die äußeren Kennzeichen der Punker trägt er nicht. Er spielt in einer Band und gibt Platten heraus. Über die Kultur des Punk könnte er ein Semester lang Vorlesungen halten, so viel weiß er inzwischen. Er übt gerade Tag und Nacht mit einer Band für Aufnahmen, die in einem professionellen Studio gemacht werden sollen. Es wird die erste LP der Band, und sie wird in Vinyl gepresst.

CDs sind verachtet. Und Roman, der ein ruhiger Typ ist, kriegt einen unerwartet heftigen Zorn, wenn er beschreibt, wie die Musikindustrie die CDs mit Tricks auf dem Markt durchgesetzt und in kürzester Frist die Vinylplatten aus dem Handel verdrängt hat. Es war eine Erpressung der Musikläden, die bei Kommissionsverträgen Vinyl-Platten nicht mehr zurückgeben durften, nur noch CDs. Dabei tönt Musik auf Vinyl besser, sind Punks und andere Anhänger der Schallplatten überzeugt. Es war ein durchschaubares Geschäft der Musikindustrie, CDs sind billiger in der Herstellung, aber werden teilweise zu höheren Preisen verkauft. Der Underground hat sich verweigert, daraus wurde eine Bewegung gegen die Musikindustrie, im Grunde gegen die Kommerzialisierung ihrer Bedürfnisse. Roman war einer von jenen, die anfingen, selbst Platten zu produzieren. Inzwischen gibt es ein weltweites Netz dieser Label, zu dem er gehört. Sein Weg in den vergangenen zehn Jahren.

Unter ihnen gilt das Wort. Schriftliche Verträge sind überflüssig. Sie finanzieren ihre Label damit, dass sie ihre Platten austauschen, und jeder sie in seinem Umfeld verkauft. Dabei verlassen sie sich aufeinander. Sie alle sind irgendwie Besessene. Roman bestätigt selbst: die Obsession gehört dazu. Sie haben auch etwas von traditionellen Handwerkern mit den ihnen zugeschriebenen Tugenden: Arbeitsam bis zur Sturheit, zuverlässig und absolut redlich gegenüber Partnern. Ihre Arbeitsvorgänge kennen sie perfekt bis in alle Verästelungen.

Ihre Kommunikation läuft in Englisch, auch in ellenlangen E-Mails, ihre Texte schreiben sie englisch, sie sprechen es fließend, es ist ihre Sprache, auch ihr Slang, und sie scheinen sich die Sprache wie im Schlaf angeeignet zu haben.

punk ist keine religion, punk heißt für sich selber denken

Im Flur lehnen zwei Fahrräder, darüber geworfen eine Jacke, ein Rucksack. In der Altbauwohnung mit viel Luftraum sind die Dinge sparsam verteilt, aufs Minimum reduziert und wohl eher flüchtig behandelt, nur die Platten stehen präzise senkrecht nebeneinander in einem stabilen Regal. In einem anderen liegen wohlgeordnet die Fanzines, Hefte und Zeitschriften in kleiner Auflage, von denen es ein kaum überschaubares Reservoire gibt: ein Teil der Gegenwelt, die fast unbemerkt gewachsen ist. Der Bildschirm des Laptops leuchtet heller als die Funzel an der Decke. Wir trinken grünen Tee. Er verzeiht mir großmütig mein Nichtwissen über die Punkkultur.

Da seine Platten zum Underground zählen und Spuren wieder verwischt werden sollen, ist Roman ein Pseudonym, und es gibt kein Foto zum Text. Seine Freundin Li versucht, ihn zu beschreiben: roman hat ganz kurze haare. früher hatte er eine glatze, da sah er härter aus. die haare geben ihm jetzt einen anderen look. er sieht viel jünger aus, als er ist. die leute schätzen ihn auf 18, und er ist 10 jahre älter. ein langer, dünner typ. ein langes Gesicht hat er, auch einen langen, aber nicht dünnen hals. seine augenbrauen sind markant, die wachsen über der nase ein bisschen zusammen. seine Zähne sind unten schief. und er guckt immer ernst.

Eine oder zwei Platten pro Jahr bringt Roman heraus. Das läuft so: Wenn er eine Band hört, die ihm gefällt, macht er ihr das Angebot, eine Platte zu produzieren. Nur selten verfügen diese Gruppen schon über geeignete Aufnahmen. Er vermittelt ihnen ein professionelles Studio, auf die Finanzierung einigen sie sich. Wenn die Aufnahmen o.k. sind, schneidet ein Studio in Kreuzberg die Rillen in einen Rohling. Der geht ins Presswerk, bis zu 1.000 Exemplare werden hergestellt, die Szene ist durch ihr Netzwerk dafür groß genug, das ist das Wunder.

Die Cover entwirft er gern, auf die Ideen der Bands verlässt er sich nicht, die sind selten gut. Roman holt den Eigenentwurf einer Band heraus, ein Gesicht hinter Stacheldraht, ein berühmtes Foto von 1945 aus Auschwitz. "In 20 Jahren Punk ist das Motiv sicher 50 Mal vorgekommen." Er will ein anderes Cover vorschlagen.

du bist nicht hardcore, wenn du deine haare stylst

Sind sich alle diese Bands bewusst, frage ich dazwischen, dass es sich um ein Auschwitz-Foto handelt? Roman wagt keine Antwort: Eine vage Vorstellung werden sie schon haben, meint er. "Gegen Nazis" sei der kleinste gemeinsame Nenner der Punks. Obwohl sie auch Gewaltposen mögen, sich austoben und provozieren wollen. Er fragt sich selbst: Sind Punks antikapitalistisch? Antisexistisch? Antinationalistisch? Antimilitaristisch? Antifaschistisch? Das sei alles da, und Roman kommt zur Beschreibung: "Punk ist eine Antibewegung, in der jeder sein Anti definiert."

Roman weiß nicht genau, ob er gegen Gesetze verstößt oder nicht. 6.000 Euro dürfe man wohl im Jahr umsetzen ohne Anmeldung. Das sind die Gerüchte in der Szene. Meist liegt er darunter. Gewinne sind sowieso nicht drin. Gelebt hat er von Jobs. Es ist kein business, darf gar keines werden, es wäre Verrat an sich selbst. Ob aber der Staat so etwas nachvollziehen kann und akzeptiert? Vielleicht vermuten Beamte Riesengewinne? Es ist unklar. "Ich habe keine Lust auf einen Besuch des Finanzamts."

i´m running out of time
i´ve got nothing i can look forward to
i´m always left with nothing
Negative Approach, USA 1982

mir läuft die zeit weg,
ich habe nichts, worauf ich mich freuen kann,
mir bleibt immer das nichts

Nach dem Abi - Zivildienst im Altenheim und dann Jobs. Punk hatte ihn da längst begleitet, den gab es auch in der DDR, wo er aufgewachsen ist. Einmal, noch im Kindergarten, modellierte ein Junge aus Ton eine Figur mit Irokesen-Haarschnitt und verkündete: Das ist ein Punker. Roman weiß nicht, warum ihn diese kleine Figur so elektrisierte und er sie nicht vergaß. Vielleicht weil sie ein Geheimnis versprach, das ihm noch verschlossen war. Später fand er die Punker, und um in einer Band mitspielen zu können, wählte er den Bass, im Glauben, es sei das einfachste Instrument, mit dem er schnell Anschluss an die Gruppe findet. Nun muss er eher Ton und Tempo angeben.

Die Musik sollte nie kommerziell werden. Nie wollte er daraus einen Beruf machen. Der Beruf war ihm lange egal. Mit einem Minimum überleben und Musik machen, war die Perspektive.

Was ihn störte, war der vorbestimmte Weg, den Eltern und Schule von ihm erwarteten. Das war im Osten noch krasser als es jetzt ist, meint er. "Ich sehe den klassischen Lebensweg nicht ein: Schule - Ausbildung - Arbeit - Rente. Wo man nur Dinge macht, die einen eigentlich nicht interessieren und seine Unzufriedenheit betäubt - mit dem Verdummungsfernsehen und in der Gleichschaltungskultur. Zuerst hatte ich nur ein Bild von dem, was ich nicht wollte. Was ich machen könnte, war mir total unklar. Es gab in meinem Umfeld gar keine Ansätze. Eine positive Idee kam erst später, durch Leute."

Roman und seine Freundin diskutieren über den Satz: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen". Er will sich nicht darauf festlegen lassen und findet, sie hätten doch Möglichkeiten, so zu leben, dass es akzeptabel ist, trotz der Haken: Aufs reine Überleben gehe zu viel Zeit drauf. "Mich wundert es nicht, dass man auf der Straße lauter frustrierte, hektische Arschlöcher sieht. Es ist sehr viel Mühe nötig, nicht so zu werden, und man braucht Zeit, um sich mit sich selbst auseinander zu setzen. Mir ist zur Zeit wichtig, mein Männlichkeitsverhalten und Aggressionen hinter mir zu lassen. Es bedurfte einer Menge Austausch mit Freunden, bevorzugt auch Freundinnen, um mir darüber klar zu werden. Wenn ich aber dem kapitalistischen Ideal entsprechen und mich in der Arbeit total auspowern würde, hätte ich für mich überhaupt keine Zeit."

Lange machte er Jobs in der "Hauskrankenpflege". Es herrschte niederschmetternde Rechtlosigkeit: Von anfangs 18 Mark die Stunde sank der Lohn über die Jahre auf 12 Mark. Die Mitarbeiter waren ohne Betriebsrat. Ihm und anderen wurde nach zwei Jahren in der Pflegestation einfach mitgeteilt, es gäbe von nun an zwei Mark weniger pro Stunde. Wer sich auflehnte, konnte gehen. So lief das. Hunderte warteten auf den Job. Jeder war ersetzbar. Roman hat jetzt eine Ausbildung als Physiotherapeut angefangen.

wenn dich etwas treibt, dann der gedanke, nazi punks, verpisst euch

Was ist denn für dich Punk, frage ich endlich direkt. Und Roman antwortet gleich: "Es ist vieles, womit ich nichts zu tun haben will, mit Stumpfsinn, Drogen, Männlichkeits- und Gewaltslogans. Auch nicht mit der Assifraktion oder der kommerzialisierten Richtung, wo viel Kohle fließt. Vieles davon hängt mit dem Medienbild vom Punk zusammen, das verbreitet wurde: Punks sind gewalttätig, besoffen, schreien nur rum. Und dann sind genau solche Leute nachgerückt, die Punk aus der Bildzeitung kannten und haben den Punk so gelebt." Der Teil, der ihm viel bedeutet, ist lange vorbei. Mitte der Achtziger war die kreativste, lebendigste Phase erloschen, meint Roman. Kreative Leute würden heute wahrscheinlich andere Dinge machen, nicht mehr Punk.

"Ich glaube, die Szene besteht heute aus Punk-Fans, wir sind Fans der Leute von damals, wir mögen das halt und machen irgendwie etwas Ähnliches unter komplett anderen Bedingungen. Heute kriege ich nicht mehr eins in die Fresse, weil ich Punk bin, es ist keine Provokation, auch unsere Band ist nicht total provokativ, dafür fehlt uns im Moment die Idee, vielleicht auch der Mut. Aber heute bleiben die Fans viel länger dabei, man ist damit groß geworden, es war schon da. Es war eine Möglichkeit, die auf mich gepasst hat. Aber ich hab´s nicht erfunden! Die Leute, die Punk aus der Taufe gehoben haben, haben nichts vorgefunden, sie haben sich ausgelebt und sich weiterbewegt."

Dieser Anfangszeit gilt Romans größtes Interesse. Was ihn an der heutigen Szene noch reizt, sei zum einen gute Musik, die es immer noch gäbe, auch wenn richtig neue Ansätze selten seien. Und zum anderen reizt ihn die DIY-Szene. Gemeint sind jene Leute, die ihre Dinge unter eigner Kontrolle machen, ohne Profit. Do it yourself. "Diese Szene ist viel stärker als früher, supergut organisiert, man kennt dadurch Leute kreuz und quer über den Planeten, tauscht Platten und hilft sich gegenseitig, holt Bands über den Atlantik. Das ist die wichtigste, vielleicht sogar die einzige positive Entwicklung im Punk. Die hält mich", bekennt Roman, "es ist relativ einmalig, mir ist nicht bekannt, dass es in einer anderen Szene etwas ähnlich Ausgereiftes gibt: Dass Leute mit 15 Jahren ein Platten-Label starten und mit ihrer Band um die Welt touren, ohne dazu einen kommerziellen Vertrag zu machen, sie brauchen nur Freunde, die ihnen helfen."

In U.S.A´s for anarchy
not bullshit democracy
I want total liberty
I want peace and anarchy
Reagan Youth (USA ´83)

00:00 24.10.2003

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