Lieber böser Weihnachtsmann

Im Kino In Terry Zwigoffs Weihnachtsgeschichte benimmt sich Billy Bob Thornton als "Bad Santa" daneben

Was könnte deprimierender sein als Weihnachten in einer Shopping Mall in der Vorstadt von Phoenix, Arizona? Ein vollgepisster, besoffener Weihnachtsmann in einer Shopping Mall in der Vorstadt von Phoenix, Arizona vielleicht. Oder die Gewissheit, dass auf jedes entwürdigende Weihnachtfest ein weiteres folgen wird. Dann womöglich gar im Speckgürtel von Omaha, Nebraska? Terry Zwigoffs zweiter Spielfilm Bad Santa ist in der erbarmungslosen Weihnachtsfrage äußerst verbindlich. Er hält gleich einen Katalog an alternativen Antworten bereit - und eine ist niederschmetternder als die andere. "Wie sieht es am Nordpol aus", fragt ein Kind Zwigoffs Anti-Weihnachtsmann Willie (Billy Bob Thornton) und die Antwort kommt so mürrisch wie unvermeidlich: "Wie in einer Vorstadt!" Das Kind lässt nicht locker: "Welcher Vorstadt?" - "Was weiß ich", blafft der Bad Santa zurück, "Apache Junction?" Und schubst den Rotzlöffel von seinem Schoss. Frohes Fest auch!

Die Konformität der amerikanischen Vorstadt war schon Motiv in Zwigoffs Spielfilm-Debüt Ghost World, der Verfilmung von Daniel Clowes gleichnamigem Coming-of-Age-Comic. Da trieb es zwei zynische Teenagermädchen durch eine gottverlassene Erwachsenenwelt, die wie von körperlosen Wesen bewohnt schien: eine Geisterstadt. Das bisschen Hoffnung, das Zwigoff den Mädchen am Ende von Ghost World noch beließ, ist in Bad Santa restlos aufgezehrt. Willie ist ein asoziales Subjekt, ein Ex-Knacki, Kinderschreck und Triebtier, kurz: der Alptraum eines jeden Bildungsbürgers. Zwigoff hat seine Geschichte nicht zufällig im suburbanen Mittelklasse-Milieu angesiedelt. In einer weihnachtlich gestimmten Shopping Mall muss seine Figur mit den schlechten Manieren wie ein Affront gegen die Harmonie des Geschenkebesorgens erscheinen. Bad Santa ist die grotesk-überdrehte Variante von Charles Dickens Ideal: eine Weihnachtsgeschichte mit aggressiv anti-konsumistischem Kern.

Zwigoffs Personal will keine echte Weihnachtsstimmung aufkommen lassen. Zu dem heruntergekommenen Weihnachtsmann, der sich in der Umkleidekabine mit übergewichtigen Kundinnen vergnügt, gesellen sich ein keifender, afroamerikanischer Zwerg als Santa´s Little Helper (Tony Cox); ein verklemmter, permanent schwitzender Mall-Manager, dem vor allem daran gelegen ist, den Warenverkehr möglichst reibungslos abzuwickeln (John Ritter, umwerfend in seiner letzten Rolle) und ein zwielichtiger Sicherheitschef (Bernie Mac), der sich während der Arbeitszeit auch schon mal seine Füße pediküren lässt. Als Weihnachtsfilm ist Bad Santa eine kleine Katastrophe, schwer soziabel und verhaltensauffällig. Das hat er mit seiner Hauptfigur gemein. Thornton steht der desolate Zustand seiner Figur ins Gesicht geschrieben: Wenn er gerade mal keine Flasche am Hals hat, übergibt er sich in eine Ecke. Zwigoffs Weihnachtsgeschichte schlägt ins Surreal-Fäkalistische.

Der Job in der Mall ist nur ein Vorwand. Willie und sein etwas zu kurz geratener Kompagnon Marcus haben es auf den Safe abgesehen. Seit Jahren machen sie das schon so: Jedes Jahr zur Weihnachtszeit heuern sie in einer anderen deprimierenden Shopping Mall in einer anderen amerikanischen Vorstadt an, um zum Höhepunkt des Geschäftsrummels mit den Einnahmen zu verschwinden. Dieses Mal werden ihre Pläne jedoch gleich mehrfach durchkreuzt. Willie ist schon morgens sternhagelvoll, der Sicherheitschef der Mall ist ihnen frühzeitig auf der Spur, allerdings aus nicht ganz uneigennützigen Motiven. Dazu hängt ein kleiner fetter Junge mit Rotznase (Brett Kelly) wie eine Klette am Bad Santa. Die unmögliche Ersatzfamilie wird komplettiert mit Willies Barbekannschaft Sue (Lauren Graham), die eine merkwürdige sexuelle Obsessionen für Weihnachtsmänner hegt. Und da der Junge, dessen Namen wir erst am Ende erfahren sollen, allein mit seiner Großmutter lebt, nistet sich Willie kurzerhand bei den beiden ein - natürlich: in der Vorstadt.

Auch wenn das Prinzip schnell durchschaut ist: Zwigoff entwickelt eine große Lust, den Witz vom ungehobelten Weihnachtsmanns in allen möglichen Variationen zu erzählen. Der Regisseur ist zweifellos ein großer Fan amerikanischer Underground-Comics; bekannt geworden ist er vor zehn Jahren mit seinem Dokumentarfilm Crumb, einem Potrait des Kult-Zeichners der Beat-Generation, Robert Crumb. Wie Crumb arbeitet Zwigoff in Bad Santa den menschlichen Kern seiner Figuren, vor allem den Willies, aus ihren charakterlichen Verzerrungen heraus (in Crumbs Comics waren diese Verzerrungen vor allem physiognomischer Natur). Die Entzerrung Willies vom misanthropischen zum soziopathischen Charakter - die Übergänge sind in Bad Santa fließend - haben eine linderne Wirkung auf den grassierenden Zynismus, der stellenweise Überhand nimmt.

Die Spuren der Coen-Brüde (Oh Brother where art thou), die bei als ausführende Produzenten gewirkt haben, sind in Bad Santa unverkennbar. Was Zwigoffs Film von denen der Coens unterscheidet, ist der mangelnde Respekt vor seinen Figuren. Am Ende kriegt die ruinöse Kernfamilie tatsächlich noch ihr bescheidenes Weihnachtfest, doch es scheint, als hätten die Versehrungen dieses durch und durch bürgerlichen Projekts bereits Spuren auf den Weihnachtsgaben hinterlassen. Ein rosa Elefant, besprenkelt mit dem Blut des Bad Santa, ruft uns ein letztes Mal in Erinnerung, das jedes Happy-End seinen Preis hat.


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00:00 19.11.2004

Ausgabe 39/2020

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