Lieber Rudi Völler, ...

lass uns über den Tod sprechen. Über den Tod - eines der wenigen essentiellen Dinge des Lebens, die da weiterhin wären: Alkohol, Freundschaft und ...

lass uns über den Tod sprechen. Über den Tod - eines der wenigen essentiellen Dinge des Lebens, die da weiterhin wären: Alkohol, Freundschaft und Vorabendserien. Ich höre ein Veto? - nein, lieber Rudi, Fußball gehört nicht dazu! Fußball im übertragenen Sinne ja, wenn Du das Spiel als Metapher für das Leben betrachtest, das heißt ein Spiel, das keinen Sinn macht, in dem du Hochs und Tiefs erlebst, mit vorgegebenem Zeitraum, der sich manchmal ein wenig hinzieht (Verlängerung, Krebs, Golden Goal, Agonie) aber beim Schlusspfiff hast du entweder verloren oder gewonnen, wie im richtigen Leben. Man kickt von A nach B und nach der Halbzeit von B nach A und am Ende steht man vor der Pforte mit seinem Ergebnis und es ist scheißegal weil: sterben müssen wir alle und rückgängig machen können wir alle nichts - man streift das Trikot runter und dann war´s das.

Ich finde diese Bilanz erleichtert die Sache, das heißt das Leben und damit wiederum auch den Fußball doch ungemein. Und man leidet so gar nicht mehr unter der Tatsache, dass man sterben oder verlieren muss. "Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei" ist ein Motto, das meiner persönlichen Definition vom Sinn des Lebens durchaus zusagt. Es ist vollkommen absurd. Das Leben - und genauso der Tod - HAT KEINEN SINN. Es gibt einen Anfang oder Anpfiff und ein Ende oder Schlusspfiff und in der Spanne dazwischen versucht man es irgendwie so hinzukriegen, dass man zumindest das Gefühl hat, alles hätte einen Sinn.

Aber wenn die Erde in irgendwasbillionen Jahren von der Sonne gefressen wird - dann sind wir eh alle gleich, das hat etwas Egalisierendes - wie die Badekappe.

Und ob du mit einem guten Gefühl stirbst oder voller Vorwürfe, das macht ebenfalls keinen Unterschied - weil du STIRBST. Glaubst Du der Tod wird schlimmer, wenn man ein schlechtes Gefühl dabei hat? Ich denke die Meisten haben ein schlechtes Gefühl, weil sie nicht sterben wollen. Weil sie es nicht akzeptieren können. Als ob sie eine Berechtigung hätten ewig zu leben im Gegensatz zu anderen. Warum mussten X oder Y so früh sterben? Warum war Bayern München Meister?

Es ist eben so, meine Güte.

Und darum fröne ich dem Alkohol. Ich ergehe mich in diesem passiven Fatalismus, strecke frohgemut in bester Laune volltrunken dem Polizisten meinen Führerschein entgegen und sage: "Sehr geehrter Herr Wachtmeister: das Rad des Schicksals hat sich gedreht. Greifen Sie zu, in x-Billionen Jahren sind wir alle ausgelöscht, da können Sie den Lappen ja auch gleich an sich nehmen!"

Ich trinke und in meinen betrunkenen Momenten, da bin ich so voll von Leben und jede Zelle meines Körpers führt eine Osmose durch mit all den Dingen um mich herum und ich bin in allem und alles ist ich und die Welt ist schön und wenn sie morgen unterginge, dann wäre es nicht schlimm denn alles macht Sinn.

Aber zurück zum Thema Nummer eins. Es ist ja auch so, dass der Tod, wenn er uns im Leben begegnet, aber nicht uns selbst, sondern glücklicher- oder unglücklicherweise in unserer Umgebung stattfindet, etwas völlig Absurdes hat. Ich zumindest kann überhaupt nicht damit umgehen. Am deutlichsten hat sich mir diese Tatsache offenbart, als ich bei der Beerdigung eines weitläufigen Verwandten am Grab die Hand beim Versenken des Sarges aus lauter Verlegenheit zum militärischen Gruß erhob. Im Nachhinein war mir das natürlich entsetzlich peinlich und beim anschließenden Leichenschmaus musste ich deshalb natürlich wieder trinken. Glaub mir, das hat es mir doch ein wenig leichter gemacht, mit dieser Geschichte fertig zu werden, das heißt es hat es allen Anwesenden - meine armen Eltern natürlich ausgeschlossen - ein wenig leichter gemacht, dann konnten sie die Köpfe schütteln und sich zuflüstern: "Ach so, die war ja nur, die ist ja eine Trinkerin."

Merke auf!, Rudi, hier haben wir wieder welche Lehre ziehen können? Natürlich: Trinken gibt Antworten, Sterben stellt Fragen.

Oder auch: Sterben setzt uns großer Unsicherheit aus, Trinken verhilft uns zu Sicherheit.

Ich bin des weiteren der festen Überzeugung, dass man mit dem eigenen Tod grundsätzlich besser umgehen kann als mit dem von anderen. Wenn es also soweit ist, dann möchte ich einfach nur denken: "Gottseidank trifft es diesmal mich, das ist wahrhaft ein Glück, denn DAMIT kann ich umgehen", und wenn ich richtig gesegnet bin, dann läuft auch dieser vielzitierte Film des eigenen Lebens nicht mehr vor meinen Augen ab, denn da könnte ich eh nur raushauchen: "Kann mal bitte jemand auf schnellen Vorlauf drücken, das ist ja kotzlangweilig!"

Naja, wir werden sehn und wir müssen alle durch, da gibt es kein Pardon.

Ansonsten wünsche ich viel Glück zur WM.

Also Tante Käthe, gehab Dich wohl und bedenke: AUCH DU BIST STERBLICH!

Mit fairen Grüßen,

Deine Nici

Nici Halschke ist 1969, also im Jahr der Mondlandung, im Baden-Württembergischen Leonberg geboren. Heute lebt sie in Hamburg, veröffentlicht in Schlag und in der einmaligen Ausgabe von Der Pudel und hält zahlreiche Lesungen, die sie in den Erfolg stauchen.


00:00 28.05.2004

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