Liebesbeweis

Im Kino Das iranische Kino hat ein Herz für afghanische Flüchtlinge - "Baran" von Madjid Madjidi

Das Schweigen des Mädchens hat mehrere Gründe: zum Beispiel will sie sich nicht verplappern. Als Junge verkleidet, muss sich das afghanische Flüchtlingsmädchen Baran in der harten Männer- und Arbeitswelt einer Teheraner Baustelle durchschlagen. Doch auch Blicke genügen - Lateef, ein junger Bauarbeiter, der zunächst gegen den Konkurrenten intrigiert, erblickt irgendwann die lange Haarpracht, und wird von derart ritterlich-romantischen Gefühlen überwältigt, dass er schließlich sogar sein letztes Hemd opfert - ganz in der Tradition orientalischer Liebesbeweise.

Mit Baran erreicht nach Zeit der betrunkenen Pferde wieder ein Film aus der sozialen Peripherie des Iran unsere Kinos, und folgt damit dem Erfolgsrezept vieler iranischer Filme. Madjid Madjidis romantisches Filmmärchen ist als einfache Parabel erzählt. Geschichten von Solidarität, Freundschaft und Gottvertrauen in einem harten sozialen Milieu stehen in der besten Tradition des italienischen Neorealismus. Neben einem Oscar für Kinder des Himmels setzt solch naiver Humanismus Madjidi schon länger auch dem Vorwurf aus, auf der Grenze zum Sozialkitsch zu wandeln. Mit seiner Bemerkung, Künstler "sollten sich besser durch Kunst als durch politische Aktionen ausdrücken", mag er überdies als linientreuer Moralist den Gegenpol zu dissidentischen Querulanten wie den Regie-kollegen Makhmalbaf, Milani und Farmanara darstellen.

Gleichwohl darf man Baran künstlerisch als seinen wohl ausgereiftesten Film bezeichnen: Die melancholisch-blaue Bühne der Großbaustelle, die virtuose Kamera und eine filigrane Soundmontage, dazu die überzeugenden Laiendarsteller schaffen einen besonderen, entrückten Zauber. Dabei fällt dem westlichen Betrachter die beinahe körperlose - und eben: stumme - Umsetzung der Liebesbeziehung auf. Diese Zurückhaltung, nur zur Hälfte dem berüchtigten Zensurkanon der iranischen Kulturbehörden geschuldet, wurzelt tatsächlich auch in traditionellen Verhaltensweisen. Madjidi selbst vertritt eine Spielart islamischer Mystik, der zufolge wahre Liebe dem Physischen enthoben ist, und reine Seelen sich in einer ort- und zeitlosen Sphäre begegnen.

Dennoch, zwischen Märchen und Sozialstudie, Romantik und Askese eröffnet Baran eine ungewohnt realistische Perspektive auf den Iran: Zunehmend gerät das Land der Mullahs vom Westen her als Nuklear- und Schurkenstaat ins Visier; in der Region selbst bildet es, vergleichsweise demokratisch und wirtschaftlich stabil, schon seit den Zeiten der sowjetischen Besatzung das begehrte Ziel afghanischer Flüchtlinge. Nach britischen und US-amerikanischen Demokratisierungsbomben ist deren Zahl nun auf 2,3 Millionen angestiegen. Der Iran versucht sich an einer progressiven Flüchtlingspolitik, die ihnen die Möglichkeit auf Schulbildung und berufliche Qualifikationen eröffnen soll.

Dadurch wächst eine Generation heran, die zwar den Verlust der Heimat beklagt, doch angesichts ungewisser Zukunftsaussichten nicht an Rückkehr denken mag. Bereits 2000, noch unter den Taliban, wurde so zusammen mit dem Flüchtlingshilfwerk der Vereinten Nationen, neben dem Repatriierungs- ein Integrationsprogramm verabschiedet. Andererseits sind die Bewohner der Flüchtlingslager Restriktionen unterworfen, was Freizügigkeit und Berufsausübung betrifft, und so strömen viele von ihnen auf den Schwarzmarkt, was gerade auf den Baustellen der Neun-Millionen-Metropole Teheran zu Spannungen mit den angestammten Iranern führt.

Madjidis Baran, 2001 gedreht, gibt trotz aller Esoterik die Nöte der Illegalen überzeugend wieder: Xenophobie, die Razzien der Bauinspektoren, Unglücksbotschaften aus der Heimat. Das Schweigen des Mädchens Baran mag dabei auch die lange Sprachlosigkeit des afghanischen Volkes wie seiner Frauen symbolisieren.

Iranische Filmemacher sind schon länger mit der Thematik befasst: Bereits 1988 zeigte Mohsen Makhmalbaf einen afghanischen Fahrradfahrer, und 2001 errangen zwei Filme über junge Afghanen aus dem Grenzland wichtige internationale Preise (Delbaran, Djomeh). Auch in den gerade neueröffneten Kinos von Kabul möchte der Iran vertreten sein, doch da hat Bollywood die Nase vorn. Und die afghanische Bildermaschine selbst läuft wieder an: wo unter den Taliban Kino als Häresie und Götzendienst galt, soll dieser Tage - erstmals nach 10 Jahren - eine Eigenproduktion fertiggestellt werden. "Skandal"-Regisseur Seyd Farough Heybat verlor bei seinen letzten Drehs durch sowjetische Raketenangriffe acht Teamkollegen. Jetzt hat er Mohammad Eram Khorram dabei, einen Altstar, der wild darauf ist, mitzuspielen "egal in welcher Rolle ..." Allmählich macht sich das Land wieder sein eigenes Bild.

00:00 28.02.2003

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