Liebeserklärung an die Kleinen

Buchmesse Viele kleine Verlage kämpfen vom breiten Buchmarkt kaum bemerkt ums Überleben. Doch wer genau hinsieht, findet eine Welt der Nischen und seltenen Blüten

Was für eine Hitliste. 1. Eduardo Galeano, Fast eine Weltgeschichte, 2. Dorothee Markert, Wachsen am Mehr anderer Frauen, 3. Günther Debon, Qualitäten des Verses, 4. Christian Mürner/Udo Sierck, Krüppelzeitung. Brisanz der Behindertenbewegung, 5. Daniel von Fromberg/Mikiya Heise, Gramscis Theorie des Politischen.


Literaturbesprechungen zur Leipziger Buchmesse:

Grässliches Bulgarien: Sibylle Lewitscharoffs bösartig-grotesker Roman "Apostoloff"

Vom Ende des Traums: Joseph O'Neills glänzender Gesellschaftsroman "Niederland"

Ronald und seine Freunde: Matthias Frings' redselige Biografie über Ronald M. Schernikau

Das Ich behaupten: Bücher von Ana Novac und Traude Litzka zum Leben im und nach dem Holocaust

Mit voller Kraft voraus: Fareed Zakarias Buch "Der Aufstieg der Anderen"

Geborener Verräter: Susanne Schädlichs "Die Stasi, der Onkel und ich"

Unter uns die Knochen: Daniela Danz überschreitet den "Pontus" zwischen Antike und Moderne


Zugegeben, die fünf ersten Titel der Spiegel-Bestseller Sachbuch sind das nicht, nein, diese Hitliste ist frei erfunden. Die Bücher gibt es allerdings schon, und es eint sie, dass sie in kleinen deutschen Verlagen erschienen sind. Die Verlage heißen Schmetterling, Spak, Christel Göttert, Elfenbein und Peter Hammer; Hunderte von ihnen existieren in Deutschland. Viele davon haben einen Stand auf der Leipziger Buchmesse, für andere lohnt es sich nicht. Rund 2.000 Aussteller sind diese Woche in Leipzig vertreten, 430 davon präsentieren sich und ihre Werke auf weniger als sieben Quadratmetern, sie dürften mehrheitlich zu den Kleinverlagen gehören.

Aber die Kriterien sind variabel. Ein Umsatz von meist deutlich weniger als 1.000.000 Euro und völlige Unabhängigkeit in der Programmgestaltung machten einen Verlag zu einem kleinen oder „freien“, meint ein Experte. Anders gesagt: Viele kleine, freie Verlage leben am Rande des Ruins und in permanenter Selbstausbeutung. Verlagssitz ist die eigene Wohnung, Verlagsziel das Überleben. So will es das Klischee, und es ist nicht ganz falsch. Ein gestandener Kleinverleger, der Name tut nichts zur Sache, wirkte im Gespräch schon sehr verbittert. Er verlegt rund 25 Bücher im Jahr und in einer Auflage zwischen 300 und 1.000 Exemplaren, aber das Publikum sei „zögerlich“ geworden, sich „mit guten Büchern einzudecken“. Nun wird man einwenden, dass er schon dem Publikum überlassen muss, was es lesen will und was nicht. Und tatsächlich wird ja vieles verlegt, das einfach zu dürftig ist, um einen großen Verlag zu finden. Anderes ist toll, aber speziell. Die Buntheit der Verlagswelt entspricht der Buntheit der Bücherwelt. Es ist eine Welt voller Nischen und seltenen Blüten, man muss sie nur sehen wollen, und das ist nicht ganz leicht.

Die üblichen Verdächtigen

Gewiss hält das Internet für die Kleinverlage neue Möglichkeiten bereit, auf sich aufmerksam zu machen, aber bei Amazon geschweige denn in der analogen Welt der Großbuchhandlungen erkennt man sie kaum. Und auch auf der Messe springt anderes zuerst ins Auge: der mit je 15.000 Euro dotierte Preis der Leipziger Buchmesse für Belletristik, Sachbuch und Übersetzung. Wer einmal nicht auf die Namen der Nominierten achtet, sondern auf die der Verlage, wird vergebens nach einem Ausschau halten, der nur annähernd so rührend klingt wie Schmetterling. Er wird die üblichen Verdächtigen finden, Hanser, Suhrkamp, Piper und so weiter. Das ist durchaus in Ordnung, zumal die seltenen Blüten bei der Leipziger Buchmesse schon auf den zweiten Blick hervorscheinen. Dazu trägt vor allem der Kurt-Wolff-Preis bei, der diesen Freitag verliehen wird. Im Jahr 2000 von Staatsminister Michael Naumann gegründet und mit 26.000 Euro auch nicht schlecht dotiert, zeichnet er mutige, kleine, freie Verlage aus.

Dieses Jahr geht der Preis an den Peter Hammer Verlag aus Wuppertal, der sich auf afrikanische und lateinamerikanische Literatur spezialisiert hat. Ich besitze ein wunderbares Buch aus diesem Verlag, einen echten Hammer, wenn man so sagen darf, Eduardo Galeanos Der Ball ist rund. Bisher war mir ehrlich gesagt ziemlich egal, wer diesen Klassiker der Fußballprosa den deutschen Lesern zugänglich gemacht hat. Aber unter dem Eindruck dieser einmaligen, bedrohten Verlagslandschaft, habe ich mir vorgenommen, in Zukunft doch
etwas mehr auf diese vermeintliche Marginalie zu achten.

06:00 12.03.2009

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