Liebling der Kritik

Ausgezeichnet Den Büchnerpreis 2016 erhält Marcel Beyer. Wie kein Zweiter bringt er Pop und Wissen zusammen
Liebling der Kritik
Poeta doctus des Popzeitalters: Marcel Beyer

Foto: Gezett/Imago

Es ist ein gutes Gegengift zum Büchnerpreisträger des vergangenen Jahres, Rainald Goetz. Mit Marcel Beyer zeichnet die Darmstädter Jury nun einen Autor aus, der die Medienkultur und ihre Oberflächen nicht performativ mitschreibt wie Enfant terrible Goetz, sondern der sie literarisch seziert wie ein Poeta doctus des Popzeitalters. Beyer verfügt über eine enzyklopädische Bildung von Alteuropa bis Spex, über die kritische Urteilsfähigkeit des parteilichen Intellektuellen und insbesondere über eine umfassende Kenntnis der literarischen Tradition, von der er wirkungsvoll Gebrauch macht.

Die Poetikvorlesungen

Beyer ist ein Liebling der Kritik und der Literaturwissenschaft (selber war er ein vielversprechender Literaturwissenschaftler, der mühelos die akademische Karriere hätte verfolgen können). Einen Bestseller, einen Buchpreisshortlistspitzentitel hat er bislang nicht vorgelegt. Dafür ist er schon in der Mitte seines Lebens zum Schulbuchautor aufgestiegen (mit seinem berühmtesten Roman Flughunde von 1995).

Und er hat so viele Poetikvorlesungen gehalten wie kein anderer deutscher Autor. In Göttingen sprach er 2014 über eine Fehlleistung der Literaturkritikerin Elke Heidenreich, die im Schweizer Fernsehen aus Empörung über Heidegger vermeintliche antisemitische Zitate aus den Schwarzen Heften vorlas, die es aber gar nicht gab, sondern die sie unbewusst der früheren Lektüre einer Hetzschrift von Louis-Ferdinand Celine entlehnte. In Köln diskutierte er unter anderem mit der Comiczeichnerin Ulli Lust über die grafische Adaption von Flughunde (1995) und über seine Arbeit als Librettist für den Komponisten Enno Poppe. Und bei den Frankfurter Poetikvorlesungen 2016 sprach er über die diskursive Bedeutung öffentlich geweinter Tränen – jener „Kullertränen“ Adornos nach dem Busenattentat 1969, an die sich außer dem berühmten TV-Historiker, der sie verbürgt, kein anderer Zeitzeuge erinnern kann.

Beyers Medienarchäologie bringt diese diskursiv erzeugten und tv-öffentlich immer weiter ausgemalten Tränen Adornos mit Heintjes Abschiedsträne und der Tränenhitparade von 1968 in Zusammenhang (Es geht eine Träne auf Reisen). Die Vorlesungen zeigen Beyers poetisches Verfahren präzise, was auch die Darmstädter Jury würdigte: „Er hat den Sound der Straße im Ohr, er kennt die Testgelände der ästhetischen Avantgarden, er ist vertraut mit der tückischen Magie der Medien.“

In Flughunde erfindet Beyer einen NS-Akustiker, der als Wachmann im Führerbunker, bewährt mit Aufzeichnungsgerät, hinter den Stimmen der Goebbels-Kinder her ist – bis zu ihrer Ermordung. In seinem nächsten Roman Spione (2000) spürt die Enkelgeneration des Nationalsozialismus anhand von lückenhafter Überlieferung im Fotoalbum der verschwiegenen Vergangenheit der Großeltern nach und erfindet sich im Zuge der eigenen Ermittlungsarbeit ein fantasmatisches Familiengedächtnis. Kaltenburg (2008) wiederum, der bislang letzte Beyer-Roman, arbeitet deutsche Geschichte aus der DDR-Perspektive auf: Hauptfigur ist ein nach dem Vorbild von Konrad Lorenz modellierter Ornithologe, dessen Vorgeschichte als NS-Mitläufer vom Ich-Erzähler nur gegen starke Widerstände thematisiert werden kann, die mit der charismatischen Wirkkraft der Figur auf den Erzähler zu tun haben. Mithin erprobt auch dieser Roman ein Modell der literarischen Zeitgeschichtsschreibung, dessen Verfahren man nicht zuletzt in dem Erzählungsband Putins Briefkasten (2012) studieren kann. In der Titelerzählung sucht der Ich-Erzähler den letzten Dresdner Wohnort Wladimir Putins auf und liefert ein mikrohistorische area study der sowjetischen Hinterlassenschaften. Es bleibt zu hoffen, dass Marcel Beyer im Gefolge des Büchner-Preises auch von den Leserinnen bald so geschätzt werden wird wie bislang von Kritik und Wissenschaft.

Jörg Döring ist Professor für Neuere deutsche Philologie, Medien- und Kulturwissenschaft in Siegen

10:54 29.06.2016

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