Liebling, woran denkst du jetzt?

Sportplatz Kolumne

Alle tun es. Mein Freund Leo morgens in der Bahn, Jana bei ihrer Fortbildung unter der Bank. Meine Mitbewohnerin Therese beim Frühstück, man darf sie nicht ansprechen, wenn sie mit ihrem Sudoku-Gesicht da sitzt. Mit Sudoku sei das so, sagt sie. Ich könne das als Nicht-Sudoku-Spieler nicht verstehen. Wahrscheinlich kann ich das auch nicht. Vermutlich denken Paare mittlerweile beim Liebesspiel an ihr liegen gebliebenes Sudoku-Rätsel. "Liebling, woran denkst du jetzt?", fragt sie warm, wenn sie beieinander liegen und sich sehr, sehr nahe sind. Er sagt es nicht. Es ist besser so.

Als Nicht-Sudoku-Spieler frage ich mich: Was ist mit meinen Freunden los? Was ist Sudoku? Ein Kreuzworträtsel? Oder etwas noch Rätselhafteres?

Meine Mitbewohnerin erklärt es mir: Sudoku sind erstmal ein paar Zahlen von 1 bis 9, hin geworfen auf ein quadratisches Gitter. Die Regeln gehen so: In einem mit 3 x 3 x 3 x 3 - also, nachgerechnet 81 - Feldern besetzten Quadrat sind einige mit Zahlen ausgefüllt. Mit Zahlen von 1 bis 9. Diese Felder müssen so ergänzt werden, dass längsseits, quer und innerhalb der Reihen jede Zahl von 1 bis 9 genau einmal vorkommt. Noch Fragen?

Das Beste daran, sagt Therese: Man muss nicht mal rechnen können. Was beispielsweise der Umstand beweist, dass der deutsche Kopfrechnen-Weltmeister Gert Mittring bei der diesjährigen Sudoku-Weltmeisterschaft in Lucca in Italien nur den drittletzten Platz erreichte.

Also ein blödes Spiel, entgegne ich. Nicht ahnend, dass ich genau in die Falle getappt bin, die Therese mir gestellt hat. Sie triumphiert. Phantasielose West-Männer. Als wenn Rechnen die einzige Form von Intelligenz sei. Bei Sudoku geht es darum - sie macht ein wichtiges Gesicht - gleichzeitig mehrere Ebenen zu denken. All diese Reihen jederzeit im Kopf zu behalten. Denn sie kreuzen sich ja. Klar? Sudoku kommt aus dem fernen Osten, sagt sie. Woher? Therese weiß es nicht.

Ich muss los. Ha, ha, denke ich hämisch. Dann kann ich also Eindruck schinden, wenn ich sage: Ich bin Anhänger von Sudoku. Das klingt wie: Ich meditiere täglich stundenlang über einer Kerze. Oder: Pass auf, ich kann Karate! Später setze ich mich an den Rechner und suche ein bisschen im Netz. Sudoku. Siehe da. Therese mit ihrem Fernostquatsch. Sudoku, stellt sich heraus, stammt aus keiner jahrhundertealten Hochburg spiritueller Versenkung, sondern wurde von intelligenten Westmännern ausgetüftelt.

Die ersten Vorläufer von Sudoku wurden schon im 18. Jahrhundert erdacht, unter dem Namen "carré latin" (Lateinisches Quadrat) - und zwar von dem bekannten Schweizer Mathematiker Leonhard Euler. Das heutige Sudoku (mit Unterquadraten), das erstmals 1979 in einer amerikanischen Rätselzeitschrift erscheint, stammt wahrscheinlich von einem Architekten - von Howard Garns. Erst Mitte der achtziger Jahre taucht das Logikrätsel in Japan auf. Unter der japanischen Abkürzung von "Súji wa dokushin ni kagiru" - was soviel heißt wie "alle Zahlen müssen genau einmal vorkommen" - wird es dort rasch populär. Dann druckt es die Londoner Tageszeitung Times. Dann erobert Sudoku die westeuropäischen Tageszeitungen, eine nach der anderen. Keine scheint dauerhaft vor dem Rätsel sicher zu sein. Ob Handelsblatt, Tagesspiegel, Stern, Zeit, Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Morgenpost oder Berliner Zeitung - überall erscheint das Sudokurätsel. Pessimisten sehen bereits ein Menetekel für den Zustand des Zeitungsmarktes darin: Irgendwann müssen Auflagen mit Rätseln gehalten werden. Rätselfieber verdrängt Tagesinformation. Nimmt man dem Leser sein Spielzeug weg, läuft man Gefahr, dass er böse wird und die Zeitung abbestellt. Die Faszination scheint enorm zu sein. Der Leser hängt an seinem Stoff, seinem Rätselstoff, seinem Sudoku.

Irgendwo lese ich: "Der klar umrissene, von überflüssigem Sinn entleerte Zeitraum des Rätsel-Lösens scheint für seine Anhänger einen Ausgleich zu den verschwenderisch weitläufigen Gedankenspielen des Tages zu schaffen." Da haben wir es. Gehirnwäsche. Ein klar umrissener von überflüssigem Sinn entleerter Raum. Das klingt ganz klar nach Sekte. Therese. Leo. Jana. Man hätte sie vielleicht bewahren können, wäre es gelungen, ihnen einen Sinn zu vermitteln. Oder den Sinn zu ordnen. Meine Freunde sind Opfer der Informationsgesellschaft. Des Zuviel an Eindrücken, Wissen, Zusammenhängen. Deshalb brauchen sie ihn - diesen sinnentleerten Raum. Sudoku. Mir fällt Therese ein, wie sie sagt: Man muss nicht mal rechnen können. Natürlich!

Therese, ich bitte dich - lass es sein! Wir melden uns beim Karatekurs an! Wenn du willst, meditieren wir sogar, täglich ein paar Stunden, wenn du willst, über einer Kerze.


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00:00 10.11.2006

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