Lieblingspolitiker

A–Z Huch, da haben wir doch glatt den Antihelden des Sondierens vergessen, Christian Lindner! Für den hätte Herbert Wehner sicherlich tolle Schimpfwörter gehabt. Das Lexikon
Lieblingspolitiker

Foto. Gian Filippo Oggoni/AP/dpa

A

Angela Merkel Ich liebe sie. Nein, nicht wirklich, nicht „leidenschaftlich“ und schon gar nicht wie „Mutti“, aber als Symbol für die Kunst des Nichtkönnens. Sie kann nicht regieren, meinen viele, aber ich sehe ihr gern dabei zu. Sie kann nicht mit Hunden, aber Wladimir Putin hat seinen Hunden den Kontakt mit ihr trotzdem gestattet. Sie kann nicht reden, aber alle, die auf sie hören müssen, sind hinterher völlig fertig. Mode kann sie nicht – aber dafür gestaltet sie meisterhaft die Monotonie ihrer Dienstkleidung. Sie kann nicht mit Leuten (Die Suffragetten), schießt Selfies mit den Falschen, streichelt die falschen Köpfchen im falschen Moment – aber ich hoffe immer, dass sie mal dem Altmaier übers Köpfchen streicht. Später, wenn es klappt mit der GroKo, auch noch dem Schulz.

Sie kann nicht mit Messer und Gabel essen, enthüllte Helmut Kohl, aber vielleicht kann sie über den Löffel balbieren. Sie hält einfach nichts durch, diese Frau, außer langen Verhandlungsnächten. Sie „eiert“ herum, sagen manche, aber sie kann segeln wie Bismarck: „Meine Gegner werfen mir vor, ich stelle die Segel nach dem Winde. Darin besteht ja gerade die Kunst des Segelns!“ Magda Geisler

Arbeiterkaiser Einmal besuchte ich ein Seminar über sozialdemokratische Parteien. Während viele Kommilitonen es kaum abwarten konnten, die SPD von heute in Bausch und Bogen zerlegen zu können, hielt ich mich noch ein bisschen in der Vergangenheit auf – um anschließend die SPD zu zerlegen. August Bebel war und ist mein Lieblingssozialdemokrat, vielleicht sogar mein Lieblingspolitiker (Gerhard Schröder). In seinem Hauptwerk Die Frau und der Sozialismus schreibt er von seiner „Überzeugung, daß das Ziel erreicht wird, wie immer die dem Fortschritt der Menschheit feindlichen Mächte sich dagegen wehren und sträuben mögen“. Was für ein Mann! Vater der Sozialdemokratie, Agitator der guten Sache, der für seine Prinzipien einstand – und einsaß. Bebel blieb bis zu seinem Tod 1913 ein Kaiser. Aber nicht so einer wie Wilhelm oder Beckenbauer. Sondern ein richtiger Kaiser. Dorian Baganz

C

Claudia Roth Seit bei CDU und Grünen zusammenwächst, was zusammengehört, ist Claudia Roth (CR) mit ihrer Unverwüstlichkeit eine Perle der Unverzichtbarkeit. Pragmatische Kurzhaarfrisur, selbstbewusst und voller Lust. Was die studierte Theaterwissenschaftlerin aus ihrer Jutetasche auf den Verhandlungstisch zaubert, sind keine ideologischen Versatzstücke, sondern Toilettenartikel gegen die Bedarfslücke: Zahnpasta, Zahnbürste und Schminkzeug habe sie dabei, ließ sie jüngst vor einer Sondierung die ob dieses Bekennermutes ergriffenen Medienvertreter wissen. Eine Decke käme dazu, damit sie zu später Stunde im Umgang mit den Freunden von der Union kein Kuschelmuffel (Wehner) sein müsse, teilte sie noch mit und verriet den strategisch munteren Vorausblick. Bei Frau Roth sei die Durchhalteparole „Mensch“, schrieb einmal jemand und hatte sich nicht getäuscht.

Eigentlich sollte CR nach der letzten Wahl in das EU-Parlament weggelobt werden. Aber das hätte sich mit den grünen Liebeserklärungen für Europa schwer vereinbaren lassen. Also blieb sie Vizepräsidentin des Bundestages. Lutz Herden

D

Die Suffragetten Als sich Emily Davison 1913 beim Epsom Derby vor das Pferd König Georgs V. warf, erreichte der Kampf der englischen Suffragetten um das Wahlrecht seinen Höhepunkt (Zuviel). 1864 aus Protest gegen Zwangsuntersuchungen von Prostituierten entstanden, stehen die Suffragetten für einen der längsten politischen Kämpfe, der bis 1918 immer verzweifelter geführt wurde. Erst 1928 rang sich das Empire durch, Frauen endgültig das Wahlrecht zu gewähren. Wer sich heute über den „Genderwahn“ beschwert, sollte sich überlegen, ob das in 100 Jahren nicht genauso bizarr ignorant wirkt wie die Verweigerung politischer Teilhabe der Hälfte der Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhunderts. Marc Ottiker

G

Gerhard Schröder bleibt mein Kanzler! Mit Wehmut blicke ich auf die Bundestagswahl von 1998 zurück. Da erschien uns dieser Mann aus Hannover, der bei jedem seiner Wahlkampfauftritte mindestens so viele Hemden verschliss wie Jack Kerouac beim Schreiben von On the Road, der mit seinen zwei besten Freunden die Avantgarde deutscher Musik- und Unternehmerkultur um sich scharte. Er hat uns nie enttäuscht (Traum). Nachdem er 2002 sogar fast allein das Hochwasser in Sachsen bezwang, opferte er sich schließlich für sein letztes großes Projekt: den Versuch, den Sozialstaat abzubauen und gleichzeitig das Gefühl für ihn zu erhalten. Tilman Ezra Mühlenberg

H

Harvey Milk darf getrost als Erfinder des durchaus fragwürdigen Outings bezeichnet werden. Als 1975 in San Francisco von einem schwulen Bekannten Harveys ein Attentat auf US-Präsident Gerald Ford vereitelt wurde, ließ der gerade als Stadtrat kandidierende Milk keine Gelegenheit aus, der Öffentlichkeit mitzuteilen, dass der Held der Stunde ein gay hero sei. Milk war der erste offen schwule Politiker der USA. Er wusste die Szene zu mobilisieren, verstand es, breite Bündnisse zu schmieden, etwa mit der sogenannten „Macho-Gewerkschaft“ der Feuerwehr. Er wusste wirtschaftliche Interessen mit dem Kampf gegen Diskriminierung zu verweben. Und das in einer Zeit, wo selbst ein Blowjob noch einen Straftatbestand darstellte. 1978 wurde er von einem sich aus beruflichen Gründen zurückgesetzt fühlenden Ex-Stadtrat erschossen. 2009 gewann Sean Penn mit seiner Verkörperung den Oscar in dem mitreißenden Spielfilm von Gus Van Sant. Marc Ottiker

P

Punk „Island ist so groß und so tot wie die DDR“, schrieb Oliver Maria Schmitt, der bekanntlich der Satirepartei Die Partei nahesteht. Die war vermutlich Vorbild für die vom isländischen Künstler und Anarchisten Jón Gnarr gegründete Spaßtruppe „Besti flokkurinn“ („Die beste Partei“), die bei den Wahlen zum Reykjaviker Stadtparlament 2010 auf Anhieb 35 Prozent der Stimmen erhielt (Sensationen). Vermutlich profitierte man von der vorangegangenen Finanzkrise, die alle anderen politischen Parteien ihre Glaubwürdigkeit kostete. Gnarr zog ins Rathaus ein, wo er vier Jahre blieb, koalierte mit den Sozialdemokraten (er machte exzellente Kenntnisse der US-Fernsehserie The Wire zur Bedingung für Koalitionsverhandlungen), sanierte den maroden Haushalt der Stadt, verschlankte die Verwaltung und ordnete den öffentlichen Nahverkehr neu. Heute geben sogar Skeptiker zu, die zuvor noch gegen ihn gewettet hatten, dass er als Bürgermeister ein Glücksfall war. Elke Allenstein

S

Sebastian Kurz Im ehemaligen Schlafgemach von Maria Theresia reiht sich die Noch-Regierung zur „Abgelobung“ in der Hofburg auf. Kurz positioniert sich rechts außen. Ihm brennt ein Witz unter den Fingernägeln. „Was ist das Gute daran, dass die Grünen aus dem Parlament geflogen sind? Dass der Präsident jetzt parteilos ist. Van der Bellen (Claudia Roth), vom eitlen Kurz, der auf Neuwahlen gepocht hatte, genervt, schiebt ihm einen Zettel über den Tisch und sagt: „Da, wo Titel steht, lassen S’ einfach frei.“ Das Video ist echt, der Inhalt dazugedichtet. Das Wiener Satire-Trio maschek formuliert das aus, was sich so mancher denkt. Nachdem Martin Schulz ein Video über sich gesehen hat, sagt er: „Wesentlich inhaltsreicher sind die Gespräche dort tatsächlich nicht.“Vera Deleja-Hotko

Sensationen Während der langen Jahre des Berlusconismus (Sebastian Kurz), gegen den in Italien zwischen 1994 und 2011 kein Kraut gewachsen schien, trat in unregelmäßigen Abständen immer wieder dasselbe Phänomen auf: ein neuer Hoffnungsträger der Linken, der die verzweifelten Wähler begeisterte, weil sie gegen alle Wahrscheinlichkeit glauben wollten, dass er Berlusconi nicht nur besiegen, sondern den Geist des Berlusconismus austreiben könnte. Die Hoffnung fand immer neue Projektionsflächen, Walter Veltroni, Sergio Cofferati, Pier Luigi Bersani, sie alle ließen die Hoffnung leidenschaftlich entflammen, nur um sie jedes Mal von neuem zu enttäuschen. Desillusion – entweder wegen Streit in den eigenen Reihen oder der nächsten Wahlniederlage. Der Einzige, der Berlusconi besiegen konnte, war Romano Prodi, kein Mann, der je Begeisterungsstürme hervorgerufen hätte. Man nannte ihn „la mortadella“, wie die Brühwurst, weil er so dröge war. Pepe Egger

T

Traum Eitelkeit, Egomanie, Basta-Mentalität: Die mediale Linse wirkt wie ein Vergrößerungsglas, unter dem Politiker vor allem auf ihre Mängel hin seziert werden. Wie aber sähe denn eine politische Lichtgestalt aus? Sie wäre stoisch wie Merkel, verfügte aber über beißenden Zynismus, für den Jürgen Trittin als vorbildhaft zu gelten hätte. Das populistische Geschick eines Gregor Gysi, gepaart mit der Schnoddrigkeit eines Peer Steinbrück, verspräche entzückende politische Rede. Fehlt noch die Denkschärfe einer Sahra Wagenknecht, die nicht unberührt bliebe von einer depressiven Aura à la Willy Brandt. Das augenfällige Problem eines solchen Traumpolitikers? Therapiebedürftige Schizophrenie. Marlen Hobrack

W

Wehner Er gehört zu den Sternstunden der parlamentarischen Debatte, zum Inventar der alten Bundesrepublik: Herbert Wehner. Der Zugang zu hohen Ämtern blieb ihm als ehemaligem KPD-Funktionär verwehrt, doch seine Karriere als – so Heiner Geißler – „größte parlamentarische Haubitze aller Zeiten“ gelang ihm umso mehr. Den Rekord von 58 Ordnungsrufen erarbeitete er sich mit einem lauten Stimmorgan, Unverschämtheit (Punk) und ordentlich Kreativität. Ob „Übelkrähe“, „Hodentöter“ oder einfach „Düffeldoffel“ – wenn ihm wer missfiel, tat er das kund. Dass er auch anders konnte, bewies er im März 1950: Der Antisemit Wolfgang Hedler, Abgeordneter der DP, wurde von Wehner und Genossen des Ruheraums des Parlaments verwiesen und zog sich dabei „leichte Verletzungen“ zu. So viel Konsequenz und Talent findet man heute selten. Das von Wehner geprägte geflügelte Wort „Wer rausgeht, muss auch wieder reinkommen“ mag man indes den Jamaika-Unterhändlern mahnend mitgeben. Leander F. Badura

Z

Zuviel Alexander Langer war nie Berufspolitiker, wollte nicht Macht, sondern „Brückenbauer, Mauerspringer, Grenzgänger“ sein. Als Südtiroler schloss er sich nach anfänglichem Liebäugeln mit der Idee, Franziskanermönch zu werden, der 68er-Bewegung in Italien an, wurde Friedens- und Umweltaktivist, Mitbegründer der italienischen Grünen, schließlich deren Europa-Abgeordneter. Für mich war er der erste Politiker, der das Bestehende nicht einfach hinnahm, sondern unentwegt versuchte, dem Utopischen in die Wirklichkeit zu helfen.

Mit einer Intensität und einer Leichtigkeit, einer Poesie der Rede und des Wortes, selbst noch gegen den Krieg in Jugoslawien. Erst als sich die Nachricht von seinem Suizid verbreitete, 1995, die Worte in seinem Abschiedsbrief, „Ich kann nicht mehr“, kam die Erschütterung, dass es für einen Menschen zu viel war. Pepe Egger

06:00 04.12.2017

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