Liebste Sophie!

Laudatio Der Theaterregisseur René Pollesch findet, dass die Schauspielerin Sophie Rois schon auch ein Wunder ist – und erklärt, warum es aber nicht um Bewunderung geht

Wie schön eigentlich, dass wir beide uns bis zu diesem heutigen Tag nicht mit dem belästigen mussten, was man Paaren wie uns so gerne andichtet: mit Anbetung. Ich war einmal dabei, als ein junger Mann sich in einem Hotdogladen, in dem wir gerade standen, vor dir auf die Knie warf, und ich dachte nur, hoffentlich glaubt er nicht, dass ich das vor dir auch so mache. Das Tückische – nicht in Hotdogläden, aber in Theaterräumen – ist ja, dass wenn sich ein Autor vor einer Schauspielerin auf die Knie wirft, alle automatisch denken: „Er betet sie an, gleich wird er wieder einen Text für sie schreiben.“ Oder um genauer zu sein: „Gleich wird sie wieder einen Text von ihm sagen müssen.“ Die weitverbreitete Bedeutung von „Einen Text für jemanden schreiben“ ist ja vor allem, dass die- oder derjenige gezwungen ist, ihn entgegenzunehmen. Und an genau diesem Punkt haben wir beide, du und ich, zusammen angefangen, andere Entscheidungen zu treffen. Gegen solche Asymmetrien. Wir haben eine eigene Praxis gefunden, und ich glaube, wir beide sind sehr stolz auf sie. Wir haben so gute Regeln gefunden, wenn wir miteinander arbeiten.


Wir hatten eigentlich nie Zeit, uns gegenseitig zu huldigen. Einmal, als wir mit den Proben zu Cappuccetto Rosso* anfingen, kam einer der Beteiligten kurz darauf zu sprechen, dass jemand meinte, das, was du auf der Bühne machst, wie du spielst, das wäre ein Wunder. Praktisch, wie wir nun mal sind, haben wir das nicht weiter vertieft, sondern kamen sofort auf die Idee, ein Stück über eine Schauspielerin zu machen, die ihren Zauber verloren hat. Aber es ist schon auch – und bei unseren eigenen Proben war eben gar keine Zeit, sich damit zu beschäftigen – ein Wunder. Nicht unsere Arbeit, die ist ja kein Zauberkasten. Aber auch über unsere Arbeit hast du einmal gesagt, als wir nicht weiterwussten: „Die Frage ist vielleicht nicht, warum etwas nicht funktioniert. Die bessere Frage ist ,Warum hat es jemals funktioniert?‘ “

Vielleicht sollte ich mich jetzt mit dem Wunder beschäftigen, ich weiß ja auch sehr gut, was man im Zusammenhang mit dir damit meint. Ich seh es ja auch nur bei dir, und als das Wort im Zusammenhang mit dir aufkam, war auch gleich allen klar: Es gibt da keine weiteren Bewerber. Hier ging es nicht um eine Meinung. Das Wort war so stark! Wir mussten es in Cappuccetto Rosso auch durch das Wort Zauber mildern, um das Stück universeller zu machen. Nein, das war jetzt nur Spaß. Wir machen Gott sei Dank keine universellen Stücke. Also, ich seh das Wunder zwar nur bei dir, aber ich seh es bei dir auch in Interviews, die du gibst, ich seh es in Gesprächen mit dir, auf Fotos von dir, in Filmen und wenn wir auf Proben erst einmal gemeinsam am Tisch sitzen. Es ist tatsächlich immer da. Ich seh es nicht nur auf der Bühne. Ich kann dieses Wunder also nicht so angehen, dass am Ende dieser Rede nur eine besonders charismatische Figur erscheint.

Die einzelnen Moleküle

Ich hatte das mit dem Wunder, das du auf der Bühne bist, einmal hilfloserweise so ausgedrückt: Dass ich, wenn ich dir zusehe, das Gefühl hätte, jedem einzelnen Molekül deines Körpers folgen zu können. Ich könnte sie alle sehen. So war das in den Zehn Geboten* oder in Die Zofen* und in den Dämonen*. Aber die Körper haben ja leider keine Sprache. Und ich werde den Teufel tun, hier von Charisma zu reden.

Es sind die Entscheidungen, die du auf einer Bühne triffst, die für mich ein Wunder sind. Ich war so beglückt, das in der Kameliendame* zu sehen. Es ist das, wofür du dich auf der Bühne entscheidest und was du entschieden machst, da ist irgendwo das Wunder zu Hause. Dass du deinen Körper nicht mit dem Herumtragen von unbenutzbarem Sinn belästigst. Und wenn es stimmt, was Wolfgang Pohrt sagt, dass die Welt völlig unbrauchbar geworden ist für die Menschen und unsere Tätigkeiten verunstaltet sind und entstellt, da immer nur nach Maßgabe des Ganzen entschieden wird, dann gibt es bei dir und dem, wofür du dich auf einer Bühne entscheidest, doch etwas, was so selbstverständlich nützlich ist, dass man es, wie man an dir sieht, guten Gewissens tun kann. Und das ist nicht der Vollzug eines Werkes oder dass da jemand auch noch den letzten Tropfen Mehrwert aus einem harten trockenen Knochen presst. Das Wunder ist, du belästigst deinen Körper nicht mit Lesbarkeit, mit Sinn. Dein Körper ist der Sinn.

So ein Werk leugnet ja immer die Körper, und deinen seh ich ja. Wie keinen anderen auf einer Bühne. Weil du dir so viel vom Leib halten kannst. Es prallt eben alles an dir ab, dieses „Du musst es so machen, sonst versteht niemand was.“

Ohne Aktualisierung

Man kann eben sehen, was du da oben machst, und muss nicht bei einem Wunder stehen bleiben, so schön es auch wäre, dich als ein Wesen zu beschreiben, das ich noch nie vorher und nie mehr danach auf einer Bühne gesehen habe und alle um mich herum auch nicht.

Ich liebe es, in der Kameliendame zu sehen, wie genau und sorgfältig und immer in Gefahr vor dem üblichen Missverständnis, dass das Geld die Liebe vergiftet, du und Clemens Schönborn einen Dumas- und Balzac-Klassiker tatsächlich werktreu in unsere Welt setzt, also ein Werk, in dem das Geld noch Glamour hat und die Reichen ihre Privilegien noch für eine beneidenswerte Existenzweise nutzen, in dem die Liebe, im Elend und ohne Möbel, etwas Unbegreifliches ist, hinein in unsere heutige Welt, in der Millionärinnen sich in Fernsehsender einkaufen, um das größtmögliche Kunstwerk abzuliefern, das sie sich vorstellen können: einen Polizeiruf. Und zwar macht ihr das ohne Aktualisierung. Wie sollte man zwischen diesen Welten denn auch vermitteln?

Du sagtest in einem Interview anlässlich der Kameliendame, an den Klassikern sollte uns das interessieren, was eben vorbei ist. Wir können sie ansehen und sagen, „das gibt es jetzt nicht mehr. Aber wie seltsam war das, womit sich die Menschen damals beschäftigten.“ Mit der Gier, und nicht zum Beispiel mit der Kreativität und dem Entsetzen und der Verzweiflung über Flexibilität und Mobilität. Ja, so war das damals. Die Gier war schon eine merkwürdige Sache. Aber bitte erklärt mir die Gegenwart nicht damit. Das, was ihr da gemacht habt, ist ein großes „Ja“ zu der Kluft, die eh im Raum ist. Gerade wenn da oben die Klassiker aktualisiert werden und sie ausgepresst werden, bis etwas für ein Heute dabei herausspringt, ist diese Kluft im Raum, die aber gleichzeitig dauernd verneint wird. Es wird so getan, als gäbe es sie nicht. Im Grunde wird dauernd gesagt: „Dieses Stück ist 400 Jahre alt, nein, ist es nicht!“ Es ist zum Verrücktwerden.

Unsere Eltern, die Klassiker

Plötzlich fing sogar ich an, mich für einen Klassiker zu interessieren. Weil ihr die einzig einleuchtende Idee im Gepäck habt, einen 200 Jahre alten Text aufzuführen: Weil wir nicht mehr so sind, weil wir nichts mehr mit ihm zu tun haben. Du hast es auch neulich in einem Interview über die Ehe gesagt, die ja auch so ein Klassiker ist, deine Eltern hatten ganz andere Vorstellungen von einem Zusammenleben, und wir müssen uns die beiden als einen Klassiker vorstellen. Sie haben, wie du sagst, „zusammen einen Laden geschmissen und drei Kinder großgezogen und hatten natürlich andere Prämissen für die Ehe als die meisten Menschen heute. Bei ihnen war die Ehe auch ein ökonomisches Projekt, heute heißt das Projekt: immerwährende gegenseitige Begeisterung.“

Wir haben also nichts mehr mit den Klassikern zu tun, die unsere Eltern sind. Auch die Liebe, die uns so angetragen wird, die große romantische Liebe, kann von uns ja gar nicht beantwortet, also aktualisiert werden. Wir sind natürlich immer gleich weg, wenn es kompliziert wird, oder wie die Therapeuten sagen: wenn es ungesund wird. Und was sollte auch eine Aktualisierung bewirken? Dafür sorgen, dass wir wieder sterben können, wenn eine Beziehung zu Ende geht? Natürlich nicht. Aber wir könnten sie uns ansehen und sagen, merkwürdig, wie die Menschen einmal waren. Sie sind wegen der Liebe gestorben.

Verzogene Strumpfnaht

Ich kann hier nicht über deine Erscheinung reden, dein Charisma, ich kann dich hier nicht als Körper beschreiben. Im Gästebuch auf einer Seite von mir im Internet hat jemand mal geschrieben: Sex hat mein Leben verändert, der mit Sophie Rois. Jetzt hab ich schon wieder ein Interview zitiert. Das heißt, ich lese wahnsinnig gerne Interviews von dir. Und du hast es neulich erst wieder in einem Interview gesagt: Das erste Theatergesetz ist – bloß nicht langweilen. Du hast nie gelangweilt. Mich nicht, deine Freunde nicht und auch niemals das Publikum. Unterhaltsam ist eben, wie du dem Journalisten in einem Interview erzählst, dass du nicht interessiert daran bist, eine zusammenhängende Figur zu spielen, sondern jede Szene für sich. Und unterhaltsam ist es eben auch, wenn du das auf einer Bühne machst.

Die einzig schöne Szene im Film Rettungsboot von Hitchcock gibt es gleich am Anfang. In den ersten fünf Minuten geht ein Schiff unter, man sieht Großaufnahmen von Wrackteilen, und dann einen Ozeanausschnitt mit Treibholz und leblosen Körpern, und am Ende der Einstellung eben sieht man eine elegant gekleidete Frau in einem Rettungsboot, die gerade nachsieht, ob sich ihre Strumpfnaht verzogen hat. Danach gibt es leider nur noch Überlebende zu sehen mit ganz viel nassem und ölverschmiertem Mehrwert im Gesicht, die sich nicht vom Leib halten können, spielen zu müssen, woher sie gerade kommen.

Wie du das in dem Spiegel-Interview sagst, die andern am Set von Drei wussten immer, wer diese Hanna war. Es ist genau das, was du verweigerst: Dir irgendetwas auszudenken, was dir vermutlich gar nicht gefällt, nur um an den Sinn heranzukommen, an das Verstehen, das hält uns ja immer davon ab, etwas guten Gewissens zu tun, weil es vielleicht nützlich ist.

Wenn wir in Interviews versuchen, von unserer Praxis zu erzählen, zum Beispiel dass der Text bei den Proben entsteht, dass zuerst eine Besetzung zustande kommt und dann der Text und dass der von anderen nicht nachgespielt werden kann, dann wird immer folgende Frage gestellt „Haben Sie den Text für die Schauspielerin X oder den Schauspieler Y geschrieben?“ Und da man anscheinend nur Schauspieler kennt, die etwas entgegenzunehmen haben, verkennt man auch das Gute an der Idee, unsere Theaterabende nicht von anderen nachspielen zu lassen. Das erwähne ich hier, weil du mir neulich erst gesagt hast, dass das mit die beste Entscheidung gewesen wäre, die ich je getroffen hätte. Man liest es als Verbot. Und das ist es auch, das Verbot: Schauspieler auch wieder nur Texte entgegenzunehmen zu lassen. Ich bin eher fürs beklaut werden, dieses ordentliche Nachspielen fürs Feuilleton ist doch nur – das zu machen, was man allein kennt.

Being Frank Drebin

Liebste Sophie! Wir beide wissen doch, dass es eine viel bessere Idee ist, sein Werk und wahrscheinlich auch eine Laudatio eher seinem größten Feind zu überlassen. Also warum steh ich dann hier? Wir beide waren doch selbst einmal dabei, als jemand von seinen Freunden geehrt wurde – so dass man am Ende der Rede zwar die Namen aller Vorbilder des Preisträgers kannte, ahnte, dass er wohl ziemlich penibel und ehrgeizig sein muss, dennoch nur als Spieldose angesehen wird und im Moment, nach Meinung seiner Freunde im Theater, zu wenig zu tun hat. Aufgrund dieser verzweifelten, an mich selbst gerichteten Frage „Warum steh ich hier?“, gelang es mir, mich für einen Moment als deinen Feind vorzustellen, und dann fielen mir so Sachen ein wie, zum Beispiel die Rede hier aufzuziehen wie das Frank Drebin machen würde.

Du weißt, als Drebin sich darüber beklagt, keinen Alltag mit jemandem zu teilen und nicht jeden Morgen neben derselben Frau aufzuwachen, sondern stattdessen mit ganz vielen 20-Jährigen rumhängt, und während er das sagt, läuft dem Kollegen das Wasser im Mund zusammen. Du verstehst! Ich dachte, vielleicht bring ich hier eher Dinge zur Sprache, die ein schlechtes Licht auf dich werfen, bei denen aber jeder gleichzeitig denkt, wow, da wäre ich gerne dabei gewesen. Aber die gibt es natürlich nicht. Dinge, die ein schlechtes Licht auf dich werfen.

Und um noch mal auf die Preisverleihung zu kommen, bei der wir vor ein paar Jahren waren. Du hattest vorher mit mir einen Anzug gekauft, wir sind an einem toten Wal vorbei marschiert der auf einem Tieflader vor der japanischen Botschaft geparkt war. Du hattest dabei ebenfalls eine vom Aussterben bedrohte Tierart um den Hals hängen, fällt mir noch ein. Die Laudatio, die wir danach hörten, jagte mir immer wieder beim Verfassen dieser hier, jedes Mal, wenn ich mich daran erinnerte, einen Riesenschrecken ein. Ich kann mich aber erinnern, dass der Ausflug nicht ganz unproduktiv war, denn in unserem Abend an der Volksbühne L’Affaire Martin* bauten wir dann folgende Stelle ein:

"Ich bin neulich mit einer geschützten Tierart um den Hals geradewegs in eine Greenpeace-Veranstaltung geraten. Aber ich habe wenigstens auf der anschließenden Schauspieler-Ehrung nicht mit Kritik gespart. Ich konnte jede Menge austeilen und zwar so, dass jeder neue Zobel für mich in weite Ferne gerückt ist! Das nenne ich wahren Tierschutz!"

Zum Schluss wünschte ich nur, im Andenken an die Kameliendame und Balzac, den Zobel hätte ich dir gekauft. Damit meine Liebe nicht nur ein Lippenbekenntnis ist wie bei allen anderen. Ausgenommen natürlich die Stiftung Preußische Seehandlung, die, wie du schon sagtest, und wie gesagt, ich liebe deine Interviews, die Liebe mit Geld aufwertet: „Ein Liebesgeständnis nur mit seinem angeblichen Innenleben zu belegen, das kann jeder. Erst wenn er dafür zahlen muss, wird es interessant. Das muss nicht unbedingt Geld sein, das kann auch seine bisherige Existenz sein, seine Gesundheit oder sein Leben.“

Das ist aus deinem letzten Interview und ich liebe dich dafür.

* Inszenierungen an der Berliner Volksbühne, in denen Sophie Rois mitgespielt hat: Cappuccetto Rosso, Regie: R. Pollesch, 2005. Die Zehn Gebote, Regie: C. Marthaler, 2001. Die Zofen, Regie: L. Bondy, 2008. Dämonen, Regie: F. Castorf, 1999. Die Kameliendame, Regie: C. Schönborn, 2011. L'Affaire Martin, Regie: R. Pollesch, 2006

René Pollesch, geb. 1962, ist Theaterregisseur u.a. an der Volksbühne in Berlin. Bei dem Text handelt es sich um die Laudatio, die am 5. Mai im Haus der Berliner Festspiele anlässlich der Verleihung des Theaterpreises der Stiftung Preußische Seehandlung gehalten wurde

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12:00 10.05.2012

Ausgabe 40/2020

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