Lied von der Titanic

Robinson: Libanesisches Tagebuch Ein Jahr nach dem Krieg

Es ist ein Jahr her. Am 12. Juli 2006 dringen israelische Truppen auf libanesisches Gebiet vor, nachdem zuvor die schiitische Hizbollah bei Gefechten zwei israelische Soldaten in ihre Gewalt gebracht hat. Bis Premier Olmert am 31. Juli die Kampfhandlungen für beendet erklärt, werden dieser Invasion mehr als 1.600 Menschen zum Opfer gefallen und eine Million Libanesen zu Flüchtlingen im eigenen Land geworden sein.

Das israelische Oberkommando unter General Dan Halutz lässt tagelang die libanesische Hauptstadt bombardieren, verhängt eine Luft- und Seeblockade und lässt die Infrastruktur zwischen Beirut und dem Süden nahezu komplett zerstören. Das strategische Ziel des Feldzuges jedoch, die Hizbollah zu zerschlagen und eine Sicherheitszone im Südlibanon einzurichten, wird nicht erreicht.

Ein Jahr danach ist der Libanon noch immer ein gezeichnetes Land, ein Großteil der Kriegsschäden nicht behoben. Viele Libanesen denken an Auswanderung. Die Kämpfe zwischen der radikalislamischen Fatah al-Islam und der libanesischen Armee im palästinensischen Flüchtlingslager Nahr al-Bared sind nur ein Indikator für eine explosive Lage, die sich jederzeit in einem Bürgerkrieg entladen kann.

Die Journalistin Anke Spiess hat den Libanon zwei Wochen lang bereist und Tagebuch geführt.

Beirut, im Mai 2007. Zwei Wochen im Libanon kommen mir vor wie ein halbes Jahr. Ein intensives und im wahrsten Sinne des Wortes explosives Land, in dem die Menschen wie atemlos leben. Alles erinnert ein bisschen an Lateinamerika und ist doch ganz anders. Im Gegensatz zur Türkei sehe ich in Beirut keine einzige Frau, die bis auf die Augen schwarz verschleiert umher läuft. Auch im Süden soll es Tage darauf nicht anders sein.

Aber der Reihe nach: Als ich in der libanesischen Hauptstadt ankomme, fällt mir sofort die Militärpräsenz auf. Bewaffnete Soldaten vor Häusern, viele Panzer an Kreuzungen. Es gibt die große Furcht, höre ich später immer wieder, dass es wie im Irak zu einer Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten kommen könnte, an der sich dann auch Christen beteiligen. Die Erinnerung an den 1975 ausgebrochenen Bürgerkrieg, der das Land über Jahre paralysierte, ist nicht verblasst. Deshalb zeigt sich das Militär besonders in den Vierteln mit einer religiös gemischten Bevölkerung. Eine Kollegin meiner Freundin Suna ist Christine, sie will mit ihrem schiitischen Freund zusammenziehen, doch beide wissen nicht wohin, in welchen Bezirk. Sie haben Angst. Sollte es zu einem Ausbruch der Gewalt kommen, könnte die Wahl des Wohnviertels ein Todesurteil sein. Wo ist man sicher?

Es gibt viele solcher Geschichten, Rashid, ein 26-jähriger Libanese, den ich in einem Café kennen lerne, ist tief traurig, weil er am nächsten Tag nach Kuwait auswandern wird. Fast zehn Jahre hat er in einer Computerfirma gearbeitet. Dort sei die Mehrheit regierungstreu, erzählt er, und gegen die Hizbollah. Rashid ist von Geburt her Schiit, so wird ihm unterstellt, er müsse doch irgendetwas mit der schiitischen Hizbollah zu tun haben - Rashid wird solange gemobbt, bis er aus Verzweiflung kündigt. Seit Monaten ist er nun schon arbeitslos und hat sich entschieden, das Land zu verlassen. Es gäbe keine Perspektive für ihn. Jedenfalls nicht im Libanon, wo mit neuen Unruhen zu rechnen sei. Deshalb geht er jetzt nach Kuwait, dort lebt bereits seine Schwester. Wie viele andere auch sieht er keine Zukunft für sich im Spiel der vielen Interessen, die den Libanon bestimmen.

Fast jeder, mit dem man spricht in Beirut, hat Familie und Freunde im Ausland. Viele waren selbst oft schon Jahre draußen, auf der Flucht, wegen eines Studiums oder einer Arbeit. Die meisten sprechen englisch und französisch und mixen die Sprachen im Alltag.

Es gibt in der Stadt eine reizvolle Alternativszene - Künstler, Fotografen, Filmemacher, Poeten, Journalisten, Musiker, Schauspieler. Ein Bekannter hat das erste und einzige arabische Musikarchiv in Beirut gegründet, damit alte und neue Kostbarkeiten nicht verloren gehen. Andere arbeiten in Hilfsorganisationen mit palästinensischen, inzwischen auch irakischen Flüchtlingen. Allein 350.000 Palästinenser leben im Libanon, dazu kommen 70.000 Iraker. Eine vergleichbar geringe Zahl, wenn man bedenkt, dass seit dem amerikanischen Einmarsch in Bagdad fast zwei Millionen Iraker nach Syrien geflohen sein sollen.

Unglaublich, im Nahen Osten sind Millionen auf der Flucht, und in Europa redet kaum jemand darüber. Auch der Krieg im Libanon vor einem Jahr mit mehr als 1.600 Toten (davon ein Drittel Kinder) und mehr als 10.000 Verletzten und Verstümmelten scheint vergessen. Aber es explodieren noch immer Streubomben in Kinderhänden.

Die israelische Armee hat während der letzten Kriegstage Ende Juli 2006 im Süden ihre Cluster-Munition abgeworfen. Bis heute würden den Vereinten Nationen die vollständigen Abwurfkarten verweigert, damit endlich geräumt werden könne, sagen die Leute.

Gesucht, aber nichts gefunden
Im Süden, 19. Mai

Für zwei Tage bin ich mit Jamil, einem libanesischen Bekannten, der seit 30 Jahren in Deutschland wohnt, in seinem Heimatort, etwa zehn Kilometer vor der israelischen Grenze entfernt. Mehrere Dörfer in dieser Gegend sind vor einem Jahr komplett zerstört worden, auch das Haus von Jamils Familie. Sechs Menschen, drei Kinder darunter, sagt Jamil, seien "pulverisiert" worden. Von ihnen sei nichts übrig geblieben, die Leute hätten nach der Bombardierung tagelang gesucht, aber nichts gefunden.

Zum Glück gibt es eine große Solidarität im Dorf, doch kommen die Leute nicht zur Ruhe. Immer wieder, so erzählen sie, dringen israelische Kampfjets in den libanesischen Luftraum ein und donnern im Tiefflug über das Land. Außerdem hat der ganze Süden nur wenige Stunden am Tag Strom, weil im Krieg die Elektrizitätswerke zerstört worden sind. Es ist bedrückend, derart hautnah zu spüren, was dieser Feldzug hinterlassen hat. Auch sämtliche 14 Brücken der Autobahn in Richtung Süden wurden von den Israelis bombardiert und sind zum Teil bis heute nicht wieder aufgebaut. Das bedeutet Stau, Verkehrschaos und Umwege.

Von reichen Libanesen angemietet
Altstadt von Beirut, 20. Mai

Es gibt in Beirut einen Luxus, den ich aus Deutschland nicht kenne, etwa in Gestalt gestylter Strandclubs, die an Eleganz kaum zu überbieten sind. Und es sind gar nicht so wenige, die sich dieses Vergnügen leisten können. Oder die Altstadt von Beirut, die schön, aber tot restauriert wurde, und wo man bei Gucci oder Armani einkaufen gehen kann. Dieses Quartier wirkt ansonsten menschenleer. Früher soll hier auf den Märkten und in den kleinen Geschäften das Leben pulsiert haben. Der vor zwei Jahren ermordete, korrupte Ex-Premier Hariri hat dann aber einen großen Teil der Innenstadt aufgekauft, egal ob die Hausbesitzer wollten oder nicht, und daraus eine von Sicherheitsdiensten gut bewachte Kunstwelt bauen lassen, von der die Beiruter Taxifahrer sagen: Tut uns leid - die Gegend ist für uns gesperrt.

Jetzt flanieren dort wohlsituierte Männer in langen weißen Gewändern aus den Emiraten am Golf und sind auf der Suche nach käuflichen Frauen. In ihren Ländern herrschen strenge religiöse Gesetze, so kommen sie hierher, um sich auszutoben. In den Städten des Libanon begegnen mir immer wieder junge Asiatinnen in blau-weiß gestreiften Kitteln. Sie arbeiten für wohlhabende Libanesen, aber auch für Europäer und UN-Personal. Für 100 Dollar im Monat sind sie quasi leibeigen.

Während die Herrschaften speisen, tragen die Mädchen in ihrer blau-weißen Kluft den nächsten Gang auf. Sie begleiten ihren "Arbeitgeber" zum Einkauf auf dem Markt, um anschließend volle Einkaufstüten nach Hause zu schleppen. Oder sie kümmern sich um die Alten und Kranken der Familie, die gepflegt werden müssen. Es ist auch nicht weiter schwer zu erraten, wer im Land den Müll wegschafft und die Straßen fegt - in der Regel afrikanische, zuweilen syrische oder kurdische Arbeiter.

Ein trauriger Abend
In Damaskus, 21. Mai

Zwei Stunden dauert es mit dem Auto von Beirut bis Damaskus, eine wunderschöne alte Stadt. Weil die Präsidentenwahl ansteht, hängen überall Fahnen und Plakate. Letztere freilich nur mit dem Konterfei eines einzigen Mannes: Bashir al-Assad, der mit seiner Wiederwahl rechnen darf. Auch Damaskus widerspricht sofort meinen - wodurch auch immer beeinflussten - Erwartungen: Ich habe mit vielen Frauen in schwarzen Gewändern gerechnet, doch es gibt sie nur vereinzelt.

Der größte und schönste Suk präsentiert Unterwäsche, die es in sich hat. Ein wunderbarer Markt mit Teeverkäufern im traditionellen Gewand, dazu viele kleine Bars, in denen Männer und Frauen entspannt ihre Wasserpfeifen rauchen. Stände mit Bauchtanzkleidern und fachkundiger Beratung. Von Prüderie und Scham keine Spur. Das passt so gar nicht in mein Syrienbild, obwohl ich ja wusste, dass es ein säkularer Staat ist.

Mein Begleiter Baset ist in Deutschland geboren, die Mutter kommt aus Syrien, der Vater aus dem Irak. Erst jetzt, nach 20 Jahren Freundschaft mit ihm und seiner Familie, sehe ich wie stark die arabischen Wurzeln sind, wie wichtig die Herkunft für eine Identität sein kann. Baset kennt den alltäglichen Rassismus in Deutschland und wird schon mal Ali gerufen.

An diesem Tag hat er eine Nachricht seines Vaters erhalten: Einige Verwandte seien aus Bagdad geflohen und jetzt in Damaskus. Wir sollen sie noch am gleichen Abend treffen: Basets schon recht betagten Onkel und einen älteren Cousin. Beide sind so traurig und niedergeschlagen, dass man es kaum aushalten kann. Sie haben alles zurückgelassen, ihre Familien, ihr Zuhause, ihre Freunde, ihr Leben. Als ehemalige Mitglieder der Baath-Partei hätten sie damit rechnen müssen, umgebracht zu werden, erzählen sie. Ihre Häuser seien bereits mit einem Zeichen markiert gewesen. Der Hinweis, dass man bald verschleppt, gefoltert und irgendwann mit aufgeschnittener Kehle gefunden wird. Ein kleiner Cousin von Baset ist Anfang des Jahres entführt worden. 18 Jahre alt. Die Familie hatte von überall das Lösegeld zusammengetragen. Den Jungen fand man zwei Tage nach der Geldübergabe mit 13 Kugeln im Leib in einem Straßengraben. Übersät mit Folterspuren. Bagdad ist die Hölle, sagt Basets Onkel.

Die Frauen der beiden Flüchtlinge sind im Irak geblieben, um Geld zu verdienen und ihre Männer im Ausland zu unterstützen, denn die dürfen in Syrien nicht arbeiten. Auch wenn es ihnen erlaubt wäre - es gibt keine Arbeit für zwei Millionen irakische Flüchtlinge. Wer in Europa oder den USA spricht über diese Schicksale?

Alles ist für diese Menschen zerstört. Ihre Familien, die auseinander gerissen sind, ihre Lebensperspektive, die geliebte Stadt, von der jeden Tag ein Stück mehr in Schutt und Asche versinkt.

Auch die Geschwister Usam und Sabah, gleichfalls Verwandte von Baset und gleichfalls Flüchtlinge aus dem Irak, hat der Krieg aus der Bahn geworfen. Die 30-jährige Sabah verlässt die kleine Wohnung in Damaskus nur selten. Was soll sie draußen, ohne Freunde, ohne Geld in einer fremden Stadt? Geheiratet hat Sabah nie, es blieb keine Zeit zwischen den Kriegen. Jetzt hat sie Angst, allein und ohne Kinder zu bleiben. Ihr Bruder war Dozent in Bagdad, auch er hatte andere Pläne als ein Asyl in Syrien. Alles vorbei. Nicht nur der Staat Irak ist aus den Fugen geraten, es sind die Leben vieler Millionen Menschen. Über die oft beschämenden Bedingungen, unter denen sie leben, liest man wenig. Wer beziffert eigentlich diese Kriegsfolgekosten, und wer kommt dafür auf? Und wer denkt darüber nach, was die vielen Flüchtlinge für ein Land wie Syrien bedeuten?

Der irakische Horror kommt bei uns nur noch in den nackten Zahlen eines erneuten Selbstmordanschlags an. Während Basets Onkel dies als täglichen Schrecken in Bagdad schildert, laufen über den Fernsehsender al Jazzeera Bilder von Kämpfen im Libanon und der Detonation einer Autobombe in Beirut.

Die Kehle durchgeschnitten
Wieder in Beirut, 23. Mai

Wir entscheiden uns, nach einer durchwachten Nacht direkt nach Beirut zurückzufahren, dort scheint sich die Stimmung schlagartig verändert zu haben. Die Armee greift ein palästinensisches Flüchtlingslager bei Tripoli an, in dem sich eine al-Qaida verbundene, radikale Palästinenser-Gruppe - sie nennt sich Fatah al-Islam - mit etwa 200 Kämpfern verschanzt haben soll. Der libanesische Geheimdienst wisse schon seit Monaten davon, habe aber nichts unternommen, heißt es. Seit Tagen wird nun das Lager beschossen, nachdem die Fatah-Milizen 20 libanesischen Soldaten im Schlaf die Kehle durchgeschnitten haben sollen.

In dem umkämpften Lager Nahr al-Bared leben 40.000 palästinensische Flüchtlinge. Wie viele Tote es schon gab, weiß man nicht. Es scheinen absolut chaotische Zustände zu herrschen. Palästinensische Organisationen, die Hizbollah und andere Religionsführer haben die Aktionen von Fatah al-Islam bereits verurteilt.

Wir wollten Damaskus auch deshalb schnell wieder verlassen, weil das Gerücht kursiert, die Grenze zum Libanon könnte geschlossen werden. Wie zu erwarten, nutzen die Taxifahrer die angespannte Lage und verlangen für die Rückfahrt nach Beirut mehr Geld. Von der libanesischen Grenze an sehen wir überall Panzer- und Polizeisperren. In Beirut angekommen, lässt sich die Angst sofort spüren, die über der Stadt liegt. Viele gehen nicht mehr aus dem Haus. Auch die Kneipenbesitzer in unserer Gegend entscheiden sich, ihre Lokale zu schließen, da es Gerüchte gibt, das Viertel Gemmaizeh könnte bedroht sein, sollte es in Beirut Attentate geben. Es herrscht eine seltsame Stimmung - sobald die Dunkelheit hereinbricht, ist keiner mehr auf der Straße. Nur private Sicherheitsdienste streifen umher. Alle befürchten, dass die Lage eskaliert und es wieder zu einem Bürgerkrieg kommen könnte.

Springbrunnen, himbeerrote Kissen
Beirut, 24. Mai

Heute war endlich einmal besseres Wetter mit blauem Himmel. Ich habe mir einen Tag am Meer gegönnt. Ja, wirklich gegönnt. Eine solche Anlage habe ich noch nie gesehen. Ein Luxus sondergleichen mit sieben verschiedenen Pools, wunderschönen Gärten, Springbrunnen, weichgepolsterten Liegen mit himbeerroten Kissen in den verschiedensten Formen. Es ist pervers. Karibisches Flair "nur" getrübt durch die Ölklumpen im sonst so klaren Meer. Eine Erinnerung an das israelische Bombardement der Öltanks letzten Sommer. Nach dieser furchtbaren Zeit haben die Menschen so sehr gehofft, dieser Sommer würde friedlich sein. Sie könnten ausgehen, über die Strandpromenade flanieren und sich erholen. Es sieht im Moment nicht danach aus. Nur 20 Kilometer entfernt gehen die blutigen Kämpfe in Tripoli weiter. Eine andere Welt. Der Libanon ohne Pools, Fontänen und himbeerrote Kissen.

Bewohner, die aus dem umkämpften Lager Nahr al-Bared fliehen konnten, berichten von erschütternden Zuständen. Die Fatah al-Islam habe die Bewohner einfach als Geiseln genommen. Verletzte könne man nicht versorgen, weil auch das Rote Kreuz angegriffen werde. Die knalljungen Soldaten der libanesischen Armee schießen angeblich auf alles, was sich bewegt, ohne Rücksicht auf Verluste. Tote sollen auf den Straßen in Nahr al-Bared liegen. Und die Milizen der Fatah al-Islam kündigen an, bis zum Ende kämpfen zu wollen - was immer das heißen mag.

Alles schreit durcheinander
Flüchtlingslager Beddawi, 26. Mai

Ich habe die Gelegenheit, mit einem Konvoi nach Beddawi zu fahren. Ein palästinensisches Lager in Tripoli, dorthin fliehen die Leute aus Nahr al-Bared. Mit 17.000 Menschen war dieser Ort bereits hoffnungslos überfüllt - jetzt kommen noch Tausende hinzu, die vor den Geschützen der libanesischen Armee und den Scharfschützen der Fatah al-Islam fliehen. Die Lage ist unbeschreiblich, auf den Straßen gibt es kein Durchkommen, alles schreit durcheinander. Als Ausländer wird man sofort belagert, weil jeder über das sprechen will, was ihm widerfahren ist.

Und alle verbinden ihre Berichte mit dem eindringlichen Appell, die Wahrheit zu berichten und nichts als die Wahrheit. Viele Flüchtlinge sind in den Schulen des Lagers untergebracht. Sie essen auf dem Fußboden und stehen Schlange, um Schaumstoffmatten zu ergattern und nicht auf dem blanken Fußboden schlafen zu müssen. Die meisten konnten nichts mitnehmen, haben keine Kleidung, keine Hygieneartikel. Manche sind in den Sog der Flucht geraten und wissen nicht, was aus Angehörigen geworden ist. Viele Frauen sitzen einfach nur stumm auf dem Boden und blicken ins Leere. Andere weinen. Einige beschreiben fast mit stoischer Ruhe, wie ihr Haus von Raketen getroffen wurde und einstürzte. Und es klingt, als würden sie einen Film nacherzählen, den sie vor einiger Zeit gesehen haben. Das scheint eine Form von Traumatisierung zu sein, von der auch die Kinder nicht verschont bleiben. Viele Jungen sind völlig überdreht und spielen sich in den Vordergrund. Andere Kinder sitzen apathisch herum und starren vor sich hin.

Die zwölfjährige Rama erzählt von der Angst, als die Schüsse immer näher kamen. Nachts um vier sei sie aufgewacht. Sie hat ein Gedicht darüber geschrieben:

"Ich bin aus einem Traum erwacht. Ich bin aufgewacht, aber ich hätte mir gewünscht, nie erwacht zu sein. Denn ich hatte geträumt, zwischen den Bäumen zu spielen, mit meinen Freunden in Nahr al-Bared. Mein Traum ist von der ersten Explosion zerstört worden. Nichts mehr wird so sein wie früher."

Sie erzählt, wie sie plötzlich angefangen habe zu zittern, ihr sei ganz kalt geworden, sie konnte sich nicht mehr kontrollieren. Ihre Zunge sei wie wild in ihrem Mund herumgetanzt. Während sie davon spricht, gerät sie fast wieder in diesen Zustand, sie will aber trotzdem weiter schildern, was sie erlebt hat: Das Haus einer Cousine wird beschossen und getroffen. Die junge Mutter rennt mit ihrem Baby heraus. Das Kind ist tot. Rama weiß das und sagte es der Cousine. Aber die will es nicht wahrhaben - die Kleine schläft nur und wird bald aufwachen. Sie wiegt das Kind noch stundenlang in ihren Armen.

Rama erzählt von der Angst um ihren Vater, der losging, um nachzuschauen, ob das Auto intakt ist, um die Familie in Sicherheit bringen zu können. Nur so scheint es noch möglich, Nahr al-Bared zu verlassen. Während der Vater unterwegs ist, wird plötzlich geschossen, doch er kehrt unverletzt zurück. Neun Personen quetschen sich schließlich in den alten Wagen. Der bleibt zwischen den Fronten plötzlich stehen. Soldaten helfen - die Flucht gelingt.

Viele in Beddawi glauben, dass sie nicht in ihr altes Leben zurückkehren können. Durch den Beschuss seien ganze Häuserzeilen von Nahr al-Bared dem Erdboden gleichgemacht worden, berichtet ein Mann, der seine Frau und seine vier Kinder sucht. Er ist verbittert und schimpft auf die Fatah al-Islam. Wir haben mit denen nichts zu tun, sagt er, im Gegenteil, sie würden von Allah reden und dann einfach unschuldige Menschen erschießen. Der Mann entschuldigt sich dafür, dass er seit Tagen nicht geduscht hat. Es gab kein Wasser mehr in Nahr al-Bared. Auch jetzt hat er weder Handtuch noch Seife. Es geht ihm wie den meisten anderen Flüchtlingen. In Beddawi fehlt es an allem.

Die Hilfe läuft sehr schleppend an und ist gering. Auf der Herfahrt habe ich auf der Autobahn nur einen Hizbollah-Konvoi voll mit Hilfsgütern gesehen. Aber auch Psychologen werden gebraucht, die sich der traumatisierten Menschen annehmen. Gerade die halbstarken Jungen sind voller Hass und wollen zurückschlagen: Schuld für ihre miserable Lage und ihre Not sei allein Israel.

Monikas Archiv
Beirut, 27. Mai

Es gibt Gerüchte, dass sich 800 weitere Fatah-al-Islam-Kämpfer in Beirut und im gesamten Land aufhalten. Es sei mit Bombenattentaten gegen christliche Schulen und Universitäten zu rechnen Um die Situation weiter anzuheizen? Man weiß es nicht. Fest steht, dass die Menschen ihre Kinder nicht mehr zur Schule schicken und abends ihre Häuser nicht verlassen. Auch so kann man ein Land lähmen. Wer hat ein Interesse daran? In Betracht kämen viele. Wieder einmal stellen sich viele Libanesen die Frage, ob es nicht längst an der Zeit sein könnte, ihr Land zu verlassen.

Abends bin ich auf einer Ausstellungseröffnung. Eine Deutsche, sie heißt Monika, und ihr libanesischer Mann (ein Schiit, das muss man wohl inzwischen immer dazu sagen) wohnen mitten in einem der Vororte Beiruts, die im Luftkrieg vor einem Jahr ständig bombardiert wurden, weil sie als Hizbollah-Hochburgen galten. Bis heute trifft man hier auf ein unglaubliches Bild der Zerstörung, derart viele Hochhäuser sind beschädigt worden. Allein die Hizbollah hat die Sozialarbeit in die Hand genommen und unterstützt die Menschen dieser Viertel, hilft ihnen, neue Wohnungen zu finden, versorgt sie mit Kleidung und Geld.

Monika sagt: Der Krieg hat die Menschen spürbar radikalisiert. Mit ihrem Mann war sie seit Jahren dabei, ein Archiv über diesen Teil der Stadt aufzubauen, um daran zu erinnern, wie es während des Bürgerkrieges bis in die achtziger Jahre hinein hier aussah. Wer vertrieben wurde, welche Massaker es in den nahen Palästinenser-Lagern gab. Dafür konnte sie Zeugen, Geschichten, Fotos, Filme und Interviews sammeln.

Auch wenn die Bomben vor einem Jahr einen Teil des Archivs vernichtet haben, ihre Arbeit soll dazu beitragen, dass sich möglichst viele irgendwann über Täter und Opfer klar werden, damit es nicht ewig so weiter geht. Beide sind davon überzeugt, zu Situationen wie in diesem Augenblick werde es immer wieder kommen, solange die Vergangenheit - besonders die des Bürgerkrieges - nicht aufgearbeitet werde.

Ich habe Monikas 110-minütigen Streifen Massaker über die Täter von Sabra und Shatila gesehen. Eine erschütternde Dokumentation über die unbegreifliche Rohheit junger Libanesen, die als Falangisten im September 1982 in diesen beiden Palästinenserlagern am Rande von Beirut mehr als 1.000 Menschen, fast nur Frauen und Kinder, in einem Amoklauf der Gewalt umbrachten. Einige der Täter - sieben, um genau zu sein - hat Monika aufgespürt und dazu gebracht, von ihren Motiven und Gefühlen während dieses Infernos zu sprechen. Bei keinem ist auch nur im entferntesten so etwas wie Reue zu spüren. Im Gegenteil. Genüsslich schildern sie ihren Blutrausch und ihre Lust, andere zu foltern und zu töten. Alle diese Kerle laufen frei herum - sie wurden nie zur Rechenschaft gezogen, wie so viele andere Mörder und Anstifter aus Bürgerkriegszeiten auch. Manche sitzen sogar in der Regierung. Das macht eine Gesellschaft kaputt.

Im Libanon alt werden und sterben
Abschied von Beirut, 28. Mai

Am Abend gehe ich noch einmal ins Baromètre. In dieser Bar kommen alle zusammen, ungeachtet ihrer Religion. Einige Abende habe ich hier verbracht und rauschende arabische Feste erlebt. Heute geht es eher verhalten zu. Ein paar Leute tanzen zu der wunderbaren arabischen Musik. Die faszinierenden Bewegungen der Männer und Frauen sind so schön anzusehen. Als ich Bier hole, fragt mich der DJ, wo ich herkomme. Aus Deutschland, sage ich, und er antwortet in akzentfreiem Deutsch. In Halle hat er studiert und gearbeitet. Deutschland gefiel ihm. Aber er liebe sein Land und könne nur hier leben, trotz der ständigen Gefahr. Im vergangenen Jahr sei ausgerechnet seine Wohnung von Raketen der Israelis getroffen worden, eine riesige Sammlung deutscher Biere und europäischer Alkoholfläschchen gäbe es nicht mehr. Er müsse heute noch weinen, wenn er daran denke. Ein Stück seines Lebens sei damit verloren. Er spricht noch ein bisschen über Krieg, Angst und Bomben, als wäre das etwas ganz Normales, Alltägliches. Trotzdem werde er bleiben, er wolle hier im Libanon alt werden und sterben.

In der gleichen Nacht geht mein Flugzeug. Der Libanon hat etwas Besonderes, aber ich weiß nicht, was es ist. Es ist ein Gefühl, als hätten die Menschen von mir Besitz ergriffen. In der nächtlichen Abflughalle des Beiruter Flughafens tönt aus den Lautsprechern die Musik zum Film Titanic. Mir kommen die Tränen.

Die Autorin arbeitet als freie Radio-, TV- und Printjournalistin unter anderem für den WDR. In den achtziger Jahren war sie fast drei Jahre in Nicaragua, danach für die Koordinierungsstelle der bundesdeutschen Solidaritätsbewegung mit Nicaragua tätig. Später war Anke Spiess dann bei Medica mondiale beschäftigt, einer Organisation, die sich des Schicksals vom Krieg traumatisierter Frauen in Bosnien annahm.


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00:00 06.07.2007

Ausgabe 42/2021

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