Lieferdienste

A–Z Deliveroo gibt auf: Bis auf weiteres ist Lieferando der deutsche Platzhirsch in der Branche für Liefer-Essen. Unser Wochenlexikon
Redaktion | Ausgabe 34/2019
Lieferdienste

Foto: Peter Morris/Fairfax Media/Getty Images

Der scheidende Konkurrent hinterlässt über 1.000 Fahrer. Warum die es schon vorher nicht leicht hatten und was man sich hierzulande sonst noch alles bringen lässt, weiß unser Wochenlexikon

A

Ausbeutung Die überraschendste aller Auswirkungen der Digitalisierung ist wohl die Wiederkehr alten und sehr alten Brauchtums in neuem Gewand. Der Pranger und die Herrschaft des Pöbels erleben dank der sozialen Medien eine neue Blüte und mit den elektronischen Applikationen diverser Lieferdienste reiht sich auch der gute alte Dienstbote ein in die Lebensformen vergangener Zeiten. Ohne Anstellung hangelt er sich von Auftrag zu Auftrag und verschafft im Moment der Übergabe seiner Kundschaft an der Tür einen Augenblick lang die Zugehörigkeit zur großherrschaftlichen Klasse.

Danach müht er sich auf seinem meist klapprigen Fahrrad wieder im Straßenverkehr ab (Verkehr), gefangen im Netz der Mikroökonomie. Ein Relikt der Ausbeutung wie aus einem Dickens-Roman, allerdings ausgestattet mit einem elektrischen Auftraggeber, der ihn zum nächsten Kunden scheucht. Marc Ottiker

E

Enttäuschung Mein bester Freund und ich wollten unser Wiedersehen nach turbulenten Wochen zelebrieren. So besannen wir uns auf eine zentrale Stütze unserer Freundschaft: Das gemeinsame Burgeressen. Weil es regnete, entschieden wir uns, unseren Burger nicht im Restaurant zu verspeisen, sondern uns das Essen auf die Couch liefern zu lassen (Lauwarm). Ich komponierte online: Gebackener Seitan. Frittierte Zucchini. Guacamole. Klingt das geil!? Ich konnte es kaum erwarten, dieses kulinarische Monument genussvoll zwischen meinen Zähnen zu zermalmen. Wir drückten voller Vorfreude auf „Bezahlen“. Als Vermittler sollte Lieferando dienen. Der Rest ist kurz erzählt: Zwei Stunden warteten wir auf unsere Burger. Unser unbefriedigtes, urzeitliches Bedürfnis ließ uns allmählich zu Bestien werden. Letztendlich riefen wir beim Restaurant an. Man wusste dort von nichts. Die Bestellung war nie angekommen. Und es war spät geworden. Wir gingen hungrig ins Bett. Lieferando hatte versagt. Josa Zeitlinger

G

Gras Eine in Würzburg spielende Kiffer-Komödie von Christian Zübert mit Lucas Gregorowicz und Moritz Bleibtreu avancierte 2001 zum Publikums-Knüller: Die Geschichte vom Pizza-Bringdienst Lammbock, dessen spezieller Service selbst angebautes Gras (versteckt unter eine Salamischeibe der Pizza Gourmet) war. Die Charaktere Stefan und Kai backen, packen und liefern die Ware aus.

Auffällig ist die insbesondere aus Kai sprechende Verachtung für die zeitgenössische Marihuana-Kultur. Die beiden nehmen das Anbauen und Kiffen ernst, kämpfen gegen Blattläuse und verdeckte Drogenfahnder (Koks) und wollen mit schlechten Stereotypen wenig zu tun haben. An einer Stelle sagt Kai zu einem seiner Abnehmer: „Ey, sorry, aber ‚Motherfucker‘ zu sagen, das hat keinen Stil. Würd‘ ja noch geh‘n, wäre der Rest nicht noch so Homeboy-Klischee-Scheiße.“ Das Lexikon des internationalen Films meint, der Film beziehe sich auf keine „greifbare Wirklichkeit“. Lammbock ist nicht wirklich große Kunst, hat aber manche wirklich lustige Szene und ist immerhin so etwas wie ein deutscher Slacker-Film, dem man ansieht, dass der Regisseur Zübert damals Kevin Smith und Tarantino verehrte. 2017 kam der (weniger witzige) Nachfolger Lommbock in die Kinos. Marc Peschke

K

Koks Irgendwann muss man damit aufhören, sich durchzuschnorren. Daher hat man als anständiger Bürger natürlich die Nummer eines Kokstaxis. Aber dann hat man‘s mal wieder übertrieben und reuevoll die Nummer gelöscht. Doch dann ist der Abend so schön und die Luft so lau und mit einer bestimmten Zutat wär‘s noch viel schöner. Daher senden die Bürger nachts einander lässig klingende, aber in Wirklichkeit verzweifelte SMS: „Hast du mal ne Nummer?“

Wenn sie Glück haben, bekommen sie eine, unter Auflagen: „Nicht anrufen, nur Whatsapp!“, (oder umgekehrt) „Sag, dass du sie von mir hast!“, „Sag nicht, dass du sie von mir hast!“ Gefühlte Ewigkeiten später ist das Auto da. Vorher dehnte sich die Zeit, danach zieht sie schnell dahin. Am Morgen fühlen sich die anständigen Bürger wieder schlecht genug, um die Nummer zu löschen. Ruth Herzberg

L

Lauwarm Es wird mir immer ein Rätsel bleiben, warum es ein erfolgreiches Geschäftsmodell sein soll, den Leuten lauwarmes, pampiges, bereits zusammengefallenes Essen nach Hause zu bringen. Der Verdacht steht im Raum, dass es vielleicht gar nicht um die Nahrungsaufnahme geht? Dass vielmehr das Losschicken einer Person eine Befriedigung verschafft (Ausbeutung)? Womöglich wird ein ganz anderer Hunger gestillt? Das Gefühl der Erhabenheit über den schnöden und trivialen Alltag, das mit einem Trinkgeld erkauft werden kann? Marc Ottiker

M

Meile Oft wird geschimpft über die DHL, die fürs Austragen ihrer Pakete gerne Sub-und Subsubsubunternehmer beauftragt. Aber niemand wird Logistikweltmeister, wenn er sich um die berüchtigte letzte Meile, jene Strecke, die vom Verteilcenter zum Kunden führt, kümmert. Hier müssen Kleinststraßen angefahren, Kinderwagen umfahren und unendliche viele Treppen gestiegen werden. Das braucht Manpower. Die kostet (Ausbeutung). Deswegen gilt auf der letzten Meile das berüchtigte Pareto-Prinzip: 10 Prozent der Strecke, 90 Prozent der Kosten. Oder so. Abhilfe? Der Kunde übernimmt die letzte Meile. Ist meist nicht weiter als bis zum Nachbarn, der das Paket in Empfang genommen hat. Herr Meier, übernehmen Sie! Marlen Hobrack

P

Provision Lieferdienste verlangen circa 30 Prozent Provision pro Auslieferung. Das ist ganz schön happig und setzt die Gastronomen unter Druck. Die Monopolisierung des Lieferbusiness macht die Gebundenheit noch größer. Wohin das führt, zeigt die Hotelbranche, wo die Hoteliers von zwei großen Buchungsportalen abhängig sind. Viele Gastronomen erhoffen sich durch Teilnahme am Liefergeschäft höhere Umsätze, Reichweite und Bekanntheit. Dazu müssen sie Alleinstellungsmerkmale entwickeln, damit der Kunde wegen ihnen bestellt und nicht, weil er irgendeine Pizza oder einen Burger mampfen will.

Zudem kann die Qualität im Lokal leiden. Onlinebestellungen werden zum Teil vorgezogen, damit die Lieferbedingungen eingehalten werden können (Lauwarm). Auf Dauer werden es die Gäste nicht goutieren, wenn sie aufs Essen warten, während die Lieferleute ein- und ausgehen. Daher spricht schon die Benachteiligung der eigenen Stammkunden gegen die Dienste. Tobias Prüwer

R

Rohrpost Pneumatik – sie spielte in Franz Kafkas Leben eine wichtige Rolle. „Komme ich nach Wien, schreibe ich Dir einen Rohrpostbrief – ich könnte niemanden sehn außer Dir, das weiß ich – vor Dienstag gewiß nicht“, schreibt er am 23. Juni 1920 an seine Freundin Milena Jesenská. Immer wieder finden sich Stellen in seinen Briefen und Tagebüchern, in denen der aus Prag stammende Schriftsteller diese heute wenig bekannte Form der Kommunikation erwähnt – Briefe in kleinen, zylindrischen Behältern, die mittels Druckluft zugestellt werden.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgekommen, gibt es bald nicht nur in europäischen Städten Anlagen von teils mehreren hundert Kilometern Länge, die im Laufe der Jahre wieder stillgelegt wurden. Wie Rohrpost funktioniert, kann man auf wunderbare Weise in François Truffauts Film Baisers volés (1968) nachvollziehen: Hier sehen wir, durch welche Rohre unter den Straßen von Paris der Liebesbrief rast, den die Hauptfigur Antoine Doinel der Ehefrau seines Chefs geschrieben hat. Behrang Samsami

S

Start-ups Ich habe seit bald vierzehn Jahren eine eigene Firma. Und schon bevor das Wort „Fachkräftemangel“ auf Stehparties die Münder pingponartig wechselte, klappte mir oft der Unterkiefer runter, was Arbeitnehmer in Start-ups mit sich machen lassen; wenn denn nur der Frame um die Firma herum stimmt. Da wird eine Marke und eine Dienstleistung um wirklich jeden Preis aufgeladen, dass es einem fast einen statischen Schlag versetzt, kommt man dieser zu nahe. Man knechtet junge, noch leichtgläubige Menschen zu einer unsicheren, unterbezahlten Arbeit, und ködert sie mit der gleichen Wurst, mit der Versicherungsvertreter bereit sind, ihren Freundeskreis in Schutt und Asche zu beraten. Titel, Ruhm, Exit. Blabla. Sie brauchen keinen Langenscheidt für Worthülsen, gehen Sie zu einem Start-up – da bekommen Sie ein Coaching der Vakuumklasse.

Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen, sagte einst Helmut Schmidt. Er meinte das kokett, doch den Aspiranten der elendig hippen Start-up-Butzen kann man das nur dringend raten. Denn mit Bedeutung kann man weder Miete noch Rente zahlen. Unsere Kollegin Maxi Leinkauf führte mit der französischen Autorin Mathilde Ramadier das Interview „Leben im Bullshit“ (der Freitag 3/2019). Ramadier beklagt in ihrem Buch Bienvenue dans la nouvelle monde die (selbst erfahrenen) prekären Arbeitsbedingungen in Start-ups. Ich sage Ihnen: Egal ob auf dem Lieferfahrrad oder im Thinktank: Bullshit, das trifft es genau. Jan C. Behmann

V

Verkehr Das viele Online-Bestellen sorgt nicht nur für den Arbeitsplatzabbau im Einzelhandel und das Absterben der Ladenzeilen. Der Onlinehandel – in den letzten 15 Jahren hat er sich fast verzehnfacht – hat auch gravierende Folgen für den Verkehr und die Städte (Meile).

Die im vergangenen Jahr vorgestellte Studie Verkehrlich-städtebauliche Auswirkungen des Online-Handels prognostiziert vor allem zweierlei: Stau und Stress. Sie basiert auf der Annahme, dass sich das Sendungsaufkommen bis 2030 verdoppelt. Dieses Ansteigen plus zunehmende Ansprüche bei den Kunden – Termingenauigkeit und Schnelligkeit – würden den Lieferverkehr stark ansteigen lassen. Mit der Verstopfung der Städte, Falschparken der Lieferwagen und steigendem Unfallrisiko ist zu rechnen. Feinstaub- und Stickstoffemissionen immerhin würde der Einsatz von E-Mobilität minimieren. Innerstädtische Logistiklager könnten den Verkehrsstress abbremsen, allerdings konkurrierten entsprechende Flächen mit dem Wohnungsbau. Tobias Prüwer

Z

Zurück oder Return to Sender – wie Elvis Presley einst klagte – gehen in diesen Zeiten immer mehr Warenlieferungen. Sechs von zehn Sendungen werden zu Retouren, und es werden immer mehr. Es gibt keine „zweite Chance“, denn, wie Medien berichten, werden die nicht akzeptierten Waren einfach entsorgt, weil das billiger ist. Pauschale Kritik daran wies der Versandhandel zurück und startete eine Kampagne, die auf Warenspenden für Bedürftige statt Entsorgung verweist. Dass Retouren wenig kontrolliert werden, hat Betrüger auf den Plan gerufen, die Markenwaren behalten, billiges Zeug ins Retourpaket stecken, das zurück überwiesene Geld einstreichen und die Sachen weiterverkaufen. Magda Geisler

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06:00 15.09.2019

Ausgabe 32/2020

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