Lies dies, Seehofer

Flachland Handelt von Heimat, ist aber mitnichten provinziell: Jan Böttchers „Das Kaff“ ist ein Roman für Landeier und Städter

Das Muster ist nicht neu. Der Glückssucher, einst aus bedrückender Enge ausgezogen und in der großen Welt herumgekommen, kehrt zurück. Zunächst widerwillig und auf Konfrontation gebürstet, erlebt er die kleine Welt, die einst seine Heimat war.

Dass die Rückkehr in frühere Ordnungen auch scheitern kann, wissen literarische Texte ebenso gut; Thomas Manns Double Tonio Kröger muss weiterziehen; Max Frischs Bildhauer Stiller landet im Gefängnis; die Fotografin Elisabeth in Ingeborg Bachmanns langer Erzählung Drei Wege zum See findet den Pfad nicht mehr.

Im neuen Roman von Jan Böttcher ist es der Architekt Michael Schürtz, der für Studium und Arbeit aus einer Kleinstadt in der norddeutschen Tiefebene in die Großstadt Berlin ging und nun als Bauleiter in das „Kaff“ zurückkehrt. Die provinzielle Kleinstadt in der Nähe von Hamburg ist noch immer eng; wie früher gibt es das Käseblatt und den Fußballplatz, vielleicht ist die Tapas-Bar dazugekommen. Michael Schürtz trägt dazu bei, diese Welt zu verändern: Aus seinem Berliner Architektenbüro herausgemobbt, koordiniert er im Kaff den Bau von 16 doppelgeschossigen Townhouse-Riegeln. Dabei muss er die Investoren CMA (Christ, Meckels, Ahrens) zufriedenstellen und sich mit Eigentümern und Handwerkern herumärgern. Zugleich sitzt ihm seine Vergangenheit im Nacken: In der kleinen Welt des flachen Landes, in der er geboren wurde und die er nie wieder betreten wollte, leben Bruder und Schwester sowie alte Freunde und Bekannte; die tote Mutter muss endlich auf dem Friedhof besucht und postum versöhnt werden; der Fußballverein, in dem er früher spielte, möchte ihn als Trainer einer Jugendmannschaft gewinnen. Schließlich taucht die rothaarige Carla auf ...

Diese Konstellationen geben Weichenstellungen vor, die leicht in die Abgründe einer glückseligen Coming-Home-Story führen könnten. Doch Jan Böttchers Roman vermeidet schlichte Lösungen. Und zwar durch Figurenkonstruktionen und Erzählweisen, die es in sich haben. Organisierendes Zentrum ist der Ich-Erzähler Michael Schürtz, der sich einst in der Kleinstadtschule mit dem militanten Geschichtslehrer anlegte und danach beim Handwerker Sancho das Tischlern lernte, bevor er Architektur studierte und im Berlin der frühen 1990er Jahre an der Verdrängung alter Einwohnerschichten mitwirkte.

Mit hoher sinnlicher Intensität wird dieser Rückkehrer im ersten Kapitel eingeführt: Im heimatlichen Kaff angekommen, radelt er zum Flüsschen Ull, schwimmt im kalt strömenden Wasser, behauptet sich gegen halbstarke Pubertiere. Das ist eindrucksvoll gemacht: Die Macht der Erinnerung wird ebenso fassbar wie die Unausweichlichkeit von Veränderung – man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.

Aus Begegnungen und Erinnerungen setzt sich allmählich eine Familiengeschichte zusammen, die paradigmatischen Charakter trägt. Die Mutter Siegrid, die stets für andere und nie für sich selbst sorgte, ist an Krebs gestorben. Der Bruder Nuss hat ein Eigenheim gebaut, dessen dunkelrote Dachglasur den familiären Haussegen nachhaltig erschüttert; die Schwester Julia lebt mit ihrer Freundin zusammen und kümmert sich um Flüchtlinge, die noch in Zelten auf der Wiese leben.

Der in diese Verhältnisse nur widerwillig zurückgekehrte Michael hat keine Familie. Er verkörpert den Aussteiger beziehungsweise Aufsteiger, der für soziale Mobilität den Preis bezahlt. Er hat im heruntergekommenen Osten Berlins gelebt und ein Büro mitaufgebaut, dessen Eigentümer ihn schließlich nicht mehr brauchten. Alle diese Momente unserer singularisierenden Moderne zeigt der Roman mit faszinierend unscheinbaren Mitteln. Der Bauleiter weiß um die exorbitanten Gewinnspannen der bauenden Investoren und er registriert die überheblichen Manieren der reichen Hamburgerinnen. Zugleich findet der Text beeindruckende Bilder für die Bewegungen eines Einzelgängers, der zum Familientier und Ersatzvater wird und seiner Fußballmannschaft so etwas wie Gemeinschaftssinn gibt. Wenn der designierte Heimatminister Horst Seehofer nicht nur Kabinettsvorlagen lesen würde, sollte dieses Buch unbedingt auf seiner Agenda stehen.

Jan Böttcher zeigt mit seinem Roman aber nicht nur, wie genaue Beobachtungen und präziser Ausdruck zueinanderfinden. Er demonstriert auch, wie gerade die literarischen Inszenierungen der Rückkehr in die Provinz einen deutschen Sonderweg beschreiten.

Doppelte Nichtzugehörigkeit

Dieser abweichende Charakter des neuen deutschen Heimatromans wird deutlich, wenn man Jan Böttchers Text vor dem Hintergrund jener Sozialautobiografien der unmittelbaren Gegenwart liest, die den Verwerfungen unserer spätkapitalistischen Moderne als teilnehmende Beobachter nachgehen. Ihr Pionier ist bekanntlich Didier Eribon, dessen autobiografischer Bericht Rückkehr nach Reims über die Wiederbegegnung mit seinem Herkunftsmilieu im französischen Nordosten zu einem veritablen Markterfolg wurde.

Noch tiefer hinab stieg die im Sommer 2016 erschienene Hillbilly Elegy von J.D. Vance, die sofort auf der Bestsellerliste der New York Times landete: Der aus Unterschichtsverhältnissen in Ohio kommende Autor – der es erst zu den Marines und dann nach Yale schaffte – berichtet in einer Mischung aus vergegenwärtigender Erzählung und historischer Erinnerung die Geschichte seiner Familie zwischen chaotischer Arbeitslosigkeit, alkoholisierter Armut und aggressiver Verzweiflung.

Sowohl Eribon als auch J.D. Vance dokumentieren Erfahrungen jener sozialen Gruppen, die die Soziologie als „Transclasses“ beschreibt. Zentral für deren Mentalität ist hier das Gefühl einer „doppelten Nichtzugehörigkeit“ bei gleichzeitiger Bindung: „Du kannst den Jungen aus Kentucky rausholen, aber du kannst nicht Kentucky aus dem Jungen rausholen“, heißt es in Vance’ Hillbilly Elegie.

Ein ähnliches Gefühl umkreist auch der Romantext von Böttcher. Sein Held leidet an seiner Desintegration; und das ist stark, sinnlich, konkret beschrieben. Doch irgendwie wird dann alles wieder gut. Fast zu schön, um wahr zu sein.

Info

Das Kaff Jan Böttcher Aufbau Verlag 2018, 269 S., 20 €

Die Bilder des Spezials

Zuerst ist da ein leeres weißes Blatt Papier mit unendlichen Möglichkeiten, bald findet sich darauf eine absurde Welt der Abstraktion. Zu sehen sind fiktive Gebäude, unendliche Tunnel, lauernde Treppen. Es gibt rätselhafte Hinweise. Nur: Nie führen diese zur Auflösung des Rätsels.

Die Illustratorin Pia-Mélissa Laroche, Jahrgang 1985, zeichnet surreale Welten. Sie will die Macht der Suggestion hinterfragen. Sie sagt: „Wie die Krypten der christlichen Kirchen oder Nabateans Gräber sind diese architektonischen Strukturen direkt in den Boden gehauen. Sie drängen sich durch Subtraktion auf, um unzerstörbar und mehr als je zuvor zu werden. Mit einer extremen Haltbarkeit trotzen die ,Hyper Residenezen‘ Zeit und Raum.“ Laroche lebt und arbeitet in Paris.

06:00 16.03.2018

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