LIFE ACCORDING TO BfA

Berliner Abende Ich öffnete den Briefkasten und wusste sofort Bescheid. Dieser Umschlag mit der unfreundlichen Aura musste einen amtlichen Inhalt haben. So war es: ...

Ich öffnete den Briefkasten und wusste sofort Bescheid. Dieser Umschlag mit der unfreundlichen Aura musste einen amtlichen Inhalt haben. So war es: Eine offizielle Anfrage von der Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Den Ton empfinde ich als streng. Mir wird geboten, mein Zeitkonto zu klären! Ich habe ein Zeitkonto! Und nichts davon geahnt. Blauäugig war ich durch meine Jugend geschlendert. Aber jeder einzelne verträumte und verdämmerte Tag ist in Wahrheit zu Buche geschlagen. Das hatte ich nicht gewusst. Ein unerwarteter Schlag ins Kontor. Was habe ich überhaupt gemacht? Den Monat Mai zum Beispiel, hatte ich oft damit verbracht, ins täglich dichter und grüner werdende Blätterdach des Baumes vor meinem Fenster zu starren. Besonders wenn der Frühlingsregen darüber rauschte, wurden meine Blicke von der feuchten, schmatzenden Fruchtbarkeit eingesaugt. Stundenlang sah ich hinaus. Ich belauschte die fallenden Tropfen und rührte mich nicht. Währenddessen trocknete die Tinte in meinem Füllfederhalter. Blütenstaub rieselte in die aufgeschlagenen Bücher. Wie soll ich diesen Zustand erklären? In welcher Sprache, mit welchen Argumenten sind die amtlich Bestellten von seiner existenziellen Notwendigkeit zu überzeugen? Warum überhaupt bestürzt mich die Post von Amtswegen so? Tritt in diesem beklommenen Augenblick zum ersten Mal der Gedanke ins Licht der Erkenntnis, dass das Leben verdient werden muss? Dass eine Zeit kommen wird, wo der Maienregen auf mich herniederrauschen wird. Und ich mich nicht von der Parkbank rühren kann, weil mein knackendes und bröselndes Gebein es nicht erlaubt?

Was habe ich die ganze Zeit gemacht? "I wasted time and now doth time waste me", teilt Shakespeare mit. Ich habe meine Zeit verschwendet. Am soundsovielten habe ich meine Memoiren erlebt. Aufgeschrieben habe ich sie nicht. Ich fühle mich noch nicht reif. Zwischen März und September 1973, wollen Sie wissen, was habe ich da gemacht? Warten Sie, Frau Schmidt. Da sangen Cindy und Bert: "Immer wieder Sonntags ...". Das Radio stand auf einem schmalen Bord über zwei riesigen Spülbecken aus Granit. Ein Berg von Tortenreifen mit dicken Kuchenresten verklebt, türmte sich im einen, im anderen stapelten sich die fettigen Kuchenbleche. Ein ausgemergelter Bäckergeselle, schmuddliges Unterhemd, schmuddliges Schiffchen, Kippe im Mundwinkel, grinste mir zu. Asche stäubte in den Teig. Frau Konditor Haupts führte ihrer ungelernten Spülkraft vor, wie Sektgläser korrekt aus der Maschine zu greifen und zu trocknen sind. An diesen langen, langen Nachmittagen lernte ich fürs Leben; doch leider nicht verbrieft und nicht gesiegelt. Sonst würde ich sofort erfahren, ob es sich um Beitrags-, Berücksichtigungs-, Anrechnungs- oder Ersatzzeiten handelt.

"Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung, dubbidubbidubdubdubdu..." Lägen die Tage nur alle so vor mir geordnet wie ein chinesischer Fächer. Wie übereinander stürzende Dominosteine. Schwarz und weiß. Für Frau Schmidt vom Amt und zu meinem Besten. Aber wenn ich nur ein bisschen grabe, Frau Schmidt. Es war einmal, da unterrichtete ich Putzfrauen. Sie waren seit Jahren schon arbeitslos. Jetzt sollten sie wieder in die Hände spucken und ich sie fit machen. Ich sollte ihnen zeigen, wie man sich bewirbt, einen Lebenslauf schreibt, zum Beispiel. Putzen konnten sie ja schon. In einem muffigen Umkleideraum, zwischen abgeschabten Metallschränken saßen wir an einem Tisch. Das Institut für berufsbezogene Erwachsenenbildung hatte ihnen neue Putzkittel geschenkt. Hier im Keller an der Grenzallee wollten sie sitzen. Die vier Treppen zur hellen Fabriketage waren ihnen zu hoch gewesen. Und alle fürchteten sie sich vor Kreuzberg. Denn sie wohnten in Rudow und im lieben Britz. Zwei sprachen kein Deutsch. Nur Türkisch. Ich sprach auch kein Türkisch. Zwei konnten weder lesen noch schreiben. Eine Bekannte von Wolfgang Neuss erzählte kurzweilige Anekdoten vom Mann mit der Pauke. Sie kam bedauerlicherweise nur alle drei Tage. Dann legte sie mir ein Papier aus ihrer Charlottenburger Stammkneipe vor. Jawoll, sie habe sich um eine Stelle als Tresenkraft bemüht. Das sei hiermit beglaubigt und gestempelt. Ich bin sicher, sie hat ihr Konto lückenlos geklärt.

Ich fuhr zur BfA mit einer Sammlung raschelnder Papiere in der Tasche. Aus einem großen Wartesaal mit vielen nervösen Menschen, wurde ich gerufen. In einem Labyrinth von kleinen grauen Kunststoffzellen saß Frau Schmidt. Sie war so jung und lächelte freundlich. Keinerlei Vorwürfe über mein schrecklich ungeordnetes Leben. Sie nahm sich dies und das. Das war´s und ich war froh. Am nächsten Morgen hatte ich wieder Post. Froh öffnete ich und las: "Wir senden Ihnen einen weiteren Antragsvordruck mit der Bitte, die noch offenen Fragen zu beantworten."


00:00 28.11.2003

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