Lila gibt es nicht

Popmusik aus Afrika Mdou Moctar ist der Prince der Sahelzone, Gitarre spielte er auf alten Bremszügen. Kürzlich ist sein zweites Album erschienen
Lila gibt es nicht
Mdou Moctar: „Mei­ne Musik macht Menschen nicht nur glücklich, durch sie kann ich ihnen helfen.“

Foto: Imago Images/Prod.DB

Wie kann man auch nur davon träumen, Musiker zu werden, wenn die eigene Familie und die religiösen Führer das strikt ablehnen, man am Rande der Sahara lebt und sich kein Instrument leisten kann?

Es hilft, wenn man wie der Tuareg-Musiker Mdou Moctar aus Niger nicht so leicht zu entmutigen ist. Da er sich keine Gitarre kaufen konnte, baute er sich selbst eine aus einem Stück Holz mit den Bremszügen eines alten Fahrrads als Saiten und lernte heimlich, darauf zu spielen. „Ich traute mich nicht, meinen Eltern davon zu erzählen. Sie hätten gedacht, ich werde kriminell, trinke Bier und nehme Drogen“, erzählt er. Die nächste Herausforderung bestand darin, ein Publikum zu erreichen. Moctar, geboren im Dorf Abalak im Norden von Niger, begann auf Hochzeiten aufzutreten und sang in Tamasheq, der Tuareg-Sprache. Sein erstes Album Anar, das von einer verlorenen Liebe handelte, nahm er 2008 in Nigeria auf. Moctars einfacher, roher Gitarrensound und seine eindringlichen Texte sind dem lokalen „assouf“-Stil verpflichtet, ein Wort, das nicht leicht zu übersetzen ist, am ehesten vielleicht mit Wüsten-Blues. Anar wurde nicht offiziell veröffentlicht, aber es verbreitete sich über Bluetooth-Swaps von Handy zu Handy.

Durchkreuzung der Wüste

2011 wurde der Song Tahoultine auf dem Sampler Music from Saharan Cellphones vorgestellt. Zusammengestellt hatte ihn Christopher Kirkley, Kopf des Labels Sahel Sounds, der es zu seiner Mission machte, Moctar aufzuspüren. „Er wusste, dass ich Linkshänder bin, also schickte er mir eine Linkshänder-E-Gitarre.“ Kirkley machte Moctar außerdem zum Star einer Hommage an Prince’ Musikfilm Purple Rain. Da es in Tamasheq kein Wort für „lila“ gibt, heißt der 2015 erschienene Film Akounak Tedalat Taha Tazoughai: „Regen in der Farbe Blau mit einem Hauch Rot“. Er erzählt die Geschichte eines Musikers aus Agadez, der sich gegen Rivalen und den konservativen Vater durchsetzen muss und auf einem lila Motorrad die Wüste durchkreuzt. Kirkley musste wegen des traditionellen muslimischen Hintergrunds seiner Schauspieler einige Änderungen an der Prince’schen Lovestory vornehmen. Kein Kuss auf der Leinwand, keine Umarmung. Aus dem alkoholabhängigen Vater, der seine Frau schlägt, wurde ein strenggläubiger Muslim, der die Gitarre seines Sohnes verbrennt, um die Seele des Jungen zu retten.

Moctars neues Album heißt Ilana (The Creator). Die E-Gitarre hat seinen Sound verfeinert, er klingt jetzt gefühlvoller und komplexer. In den komplexen Riffs sind westliche Einflüsse zu hören – Moctar nennt neben Prince Jimi Hendrix und Van Halen als Vorbilder – und der Bass kommt stärker zum Einsatz, ohne die traditionelle Grundstimmung zu übertönen. Die Texte thematisieren alles von der Liebe bis hin zu Anschlägen auf französische Industrieanlagen in Niger. Moctar ist ein erklärter Kritiker der französischen Einflussnahme auf die ehemalige Kolonie, die 1960 unabhängig wurde. „Frankreich baut seit 48 Jahren Uran in unserem Land ab. Trotzdem gibt es noch keine Straßen, keine Medikamente, und an vielen Orten gibt es weder Wasser noch Strom“, sagt er. „Wir haben genug davon, was Frankreich uns antut.“

Er selbst plant in seinem Ort den Bau einer Schule und eines Krankenhauses. „Meine Musik macht Menschen nicht nur glücklich, durch sie kann ich ihnen helfen.“

Info

Ilana (The Creator) Mdou Moctar Sahel Sounds 2019

06:00 12.05.2019

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