Linie 192, zum Flughafen

Homosexueller Alltag Was passiert in Polen, wenn Volker Beck nicht da ist. Ein Mosaik der Gefühle

Vor ein paar Tagen meldete sich in dem Nachrichtenmagazin Wprost Ewa Sowinska, die polnische Ombudsfrau für Kinderfragen zu Wort. Sie sagte, es sei der Verdacht an sie herangetragen worden, der violette Teletubbie betreibe Propaganda für Homosexualität. "Man muss die Sache aufklären. Und wenn sich da irgendeine Form von Werbung für unangemessene Einstellungen findet, müssen entsprechende Schritte unternommen werden." Die Mitglieder der seit zwei Jahren amtierenden polnischen Regierung benutzen oft diese Wendung, "Werbung für Homosexualität". Sie sind davon überzeugt, dass man schwul werden kann, weil man der - ihrer Meinung nach - allgegenwärtigen homosexuellen Propaganda erliegt wie einem Sonderangebot im Supermarkt.

Am 21. April fand in Krakau im Rahmen der lesbisch-schwulen Kulturtage der Marsch für Toleranz statt. Maria, eine Teilnehmerin: "Ungefähr 250 Personen waren da. Es gab Schreie, Proteste, aber eigentlich ist das Ganze ohne Störungen verlaufen. Ich habe viele Bekannte vom Theater getroffen. Wir haben den Leuten zugewinkt und danach sind wir in eine Kneipe gegangen." Wie in den vergangenen Jahren warnten Plakate auf den Straßen die Einwohner von Krakau vor dem Marsch: "Schluss mit Kulturwahnsinn!". Auf einem Foto sieht man zwei Männer in mit Pailletten besetzten Höschen, darunter steht geschrieben: "Sie wollen dein Kind adoptieren." "Warum haben sie dann keine Telefonnummer angegeben?", fragt Piotr süffisant, Barkeeper in einer Krakauer Kneipe. Er liebt das Plakat, verteilt Kopien an seine Gäste, es hängt an der Küchentür. "Worum geht es eigentlich? Ich will doch gar keine Kinder haben." Ich frage, ob er das Plakat für ein politisches Problem hält. "Politisch? Es ekelt mich vor der Politik. Vielleicht schaffe ich es, im September zu meiner Familie nach Australien zu fliegen. Und danach werde ich wahrscheinlich nach London umziehen. Du weißt, dort ist es normal." "Aber hier hast du Arbeit. Und außerdem helfen dir deine Eltern", sage ich. Piotr erwidert, er möchte normal leben, sich nicht verstecken. Er wendet sich ab, um einem Kunden Bier einzuschenken. Angewinkeltes Handgelenk und eine leicht quietschende Stimme. Obwohl das keine Schwulenkneipe ist, stört es niemanden. Es bemerkt keiner.

Auf der Internetseite der polnischen Abteilung des Schwulennetzwerks Lambda lese ich einen Bericht über die Situation der Homosexuellen in Polen. Fast ein Fünftel wurde bereits körperlich angegriffen, meistens in der Öffentlichkeit. Ich frage Piotr, ob er schon einmal geschlagen wurde. "Ich nicht, aber mein Ex-Freund. Der wurde von Säufern in einer Blocksiedlung verprügelt. Er ist umgezogen." Der Lambda-Bericht informiert, dass über die Hälfte der Befragten bereits psychische Gewalt erfahren haben, also Beleidigungen, Spott, verbale Angriffe. 70 Prozent davon mehr als dreimal im letzten Jahr.

Ich bringe Bücher zur Universitätsbibliothek zurück. Herr Marek unterbricht die Lektüre von Dziennik, einer vom Springer-Konzern herausgegebenen Tageszeitung, konservativ und regierungsfreundlich: "Na, wird wieder etwas über Schwuchteln gesucht?" Vor ein paar Tagen habe ich das Bibliothekspersonal mobilisiert, weil ich für mein Studium ein Werk analysieren sollte, in dem ein Schwuler oder eine Lesbierin auftritt. Ich fragte, wie ein solches Werk zu finden sei. Gibt es irgendein Verzeichnis? "Ja, natürlich. Und was darf´s sonst noch sein?", sagte Herr Marek. Glücklicherweise gibt es das Internet.

Soll man seine homosexuelle Orientierung verheimlichen? 35 Prozent der Befragten tun das laut Lambda in Polen, über die Hälfte erzählt davon nur bestimmten Personen. Mehr als 60 Prozent sprechen darüber nicht vor ihren Vorgesetzten im Beruf. Marcin, Betriebswirt in der Buchhaltungsabteilung eines großen Konzerns: "Bei einem Kollegen, der an dem Schreibtisch neben mir arbeitet, habe ich einmal auf dem Bildschirm die orangefarbene Website von gaydar.co.uk erkannt. Er hat die Seite schnell geschlossen und mir in die Augen gesehen. Nach einer Stunde bekam ich von ihm die Mail: ›Uhm, du hast ja sogar Aufnahmen.‹" In Krakau haben sich 410 Menschen auf der Seite registriert - jeder Dritte, auch Marcin, hat sein Foto veröffentlicht. "Es gibt ein paar von uns im Büro. Einige habe ich im Club gesehen, bei zwei anderen ist es nur eine Vermutung. Wir sprechen nicht miteinander. Manchmal ein Lächeln. Zuletzt habe ich im Club einen Nachbar aus meinem Heimatdorf getroffen." Nach fünfjährigem Studium verfügt Marcin in Krakau über einen Kreis von schwulen Freunden. Er hatte einige Beziehungen, die letzte dauerte fast ein halbes Jahr. Aber wichtiger ist der fristlose Arbeitsvertrag. Marcin möchte seine Orientierung lieber nicht offenbaren, obwohl die Kollegen vielleicht etwas ahnen. "Weißt du, wann in diesem Jahr die Pride London ist? Vielleicht schaffe ich es dorthin, um ein bisschen Freiheit zu genießen."

Auf der Parade der Gleichheit in Warschau treffe ich Kuba, der englische Philologie studiert. Wir haben uns im Internet kennen gelernt, ein Profil ohne Foto. "Ich habe meinen Bekannten eine SMS geschrieben. Ich habe nicht gedacht, dass so viele kommen. Ich suche sie gerade". Ich schlage vor, dass wir die Gruppe gemeinsam suchen. "Nein, jeder von ihnen ist mit jemand anderem gekommen. Ich suche sie einzeln auf." Unser Gespräch über die Geheimhaltung von Bekanntschaften unterbricht Kuba, indem er einem Fotografen entschlossen verbietet: "Keine Aufnahmen!" Es stellt sich heraus, dass der Fotograf sich nicht für Kuba, sondern für den Wagen hinter uns interessiert. In dem schwarzen Wagen aus fünfziger Jahren sitzt ein hübscher, braunhaariger Fahrer. Auf dem Rücksitz bunt gekleidete Frauen - die Elite der polnischen Frauenbewegung. Wieder knipsen Fotoapparate, ich finde Kuba nicht mehr.

Aus dem Lambda-Bericht geht hervor, dass es zwischen den berufstätigen und studierenden Homosexuellen große Unterschiede gibt. Ein Fünftel der Studenten spricht ohne Scheu über die eigene Sexualität. "Unsere Generationen sind unterschiedlich", stellt Michal fest. Er ist 35, Englischlehrer in Warschau. "Ich kann mich erinnern, dass während meiner Studienzeit in Krakau Treffen unter Schwulen in der Nähe des Café Zakopianka organisiert wurden. Im Winter war es die Bibliothek in der Franziskanerstraße. Und heute? Ich habe homosexuelle Bekannte in der ganzen Welt. Wir wechseln Briefe und diskutieren über Marianne Faithfull." Ist das der einzige Unterschied? "Junge Leute möchten sich auf der Straße küssen, Händchen halten. Ich möchte meinen Freund lieber in unserer Wohnung umarmen." Meine Bekannte Magda verwundert das nicht. Nach sechs Monaten Paris fällt ihr der Unterschied zwischen polnischen und französischen Vorstellungen von Sittlichkeit auf. "Bei uns hat die sexuelle Revolution am Ende der sechziger Jahren nicht wirklich stattgefunden. Gespräche über Sex? Immer noch mit gedämpfter Stimme. Das ist ein privates Problem, das wir selbst mit unseren besten Freunden nicht teilen. In Paris ist der Bürgermeister schwul, in Berlin auch. Und bei uns?" Bei uns sagen einige, der Regierungschef sei schwul, aber das sind natürlich nur Gerüchte. Ich erinnere mich an den Besuch bei Michael in Den Haag. Ein Abendessen mit Freunden. Plötzlich wird das Gespräch auf tea bagging gelenkt, eine erotische Stellung. Selbst die heterosexuellen Freundinnen von Michael haben zu diesem Thema viel zu sagen. Ich werde rot. "Was ist das Problem? Das ist doch menschlich, oder?", fragt Michael.

Halb zwei nachmittags sammeln sich die Leute in Warschau vor dem Sitz des Parlaments für die Parade. Unter den Bäumen stehen bunt gekleidete junge Menschen. Eine Frau in Regenbogenperücke bietet ihren Bekannten Bonbons an, ein paar Jungen in engen T-Shirts. Eine hochschwangere Frau steuert vorsichtig ihren Kinderwagen über den hohen Bordstein. Der Junge im Wagen winkt fröhlich mit einem Regenbogenfähnchen. Man hört nicht nur polnisch, sondern auch englisch, spanisch, französisch. Im Gedränge vor dem Parlament verteilte eine Gruppe Deutscher grüne Aufkleber mit der Aufschrift "Solidarnoos´c´". Die beiden Os sind ineinander verflochten und mit Pfeilchen versehen, Symbole für das männliche Geschlecht. "Schön", sagen die Jungs in den engen T-Shirts und pappen die Aufkleber auf ihre Mützen, Rucksäcke und Hosen. Von der anderen Straßenseite hört man das Gebrüll der Skinheads und Neofaschisten. Wirksamer als der Polizeikordon schützt uns die Menge der Berichterstatter. Ein Wald der Fotoapparate, aus dem permanent ein Klicken schallt. Man hört Go West, aber nicht die Version der Pet Shop Boys. Das Lied erklingt aus 200 heiseren Nazi-Kehlen. Volker Beck lächelt breit und sagt mit Blick auf den Straßenrand: "Ja, ja, ich fahr´ ja wieder, schon morgen nachmittag". Mir ist nicht zum Lachen.

Marcin habe ich im Internet kennen gelernt. Eine Zeit, in der es Kontaktbörsen wie gayromeo oder gaydar noch nicht gab, kann ich mir nicht vorstellen. Das erste Mal verabredeten wir uns im Club Queer, den es mittlerweile nicht mehr gibt. Damals überraschte ihn der Anblick eines Mädchens in grünem Top und sehr kurzem Minirock. "O Gott, sie ist in meiner Gruppe an der Uni." Er ging zu ihr hin, und als er zurückkam, erklärte er mir: "Ich habe gesagt, ich sei mit dir gekommen, weil du schwul bist, was ich gerade erst erfahren habe, und dich nicht traust, alleine hierher zu gehen." Welch originelles Alibi! Später setzte sich das Mädchen zu uns: sechs Kerle, die in einem schwulen Klub sitzen, Bier trinken und Spaß haben. Dieser Anblick machte Marcins Geschichte unglaublich glaubwürdig. Fünf Jahre später hat Marcin keine Angst mehr, in Clubs zu gehen. Weder allein noch in Begleitung.

Seit der ersten Parade der Gleichheit in Warschau hat sich viel verändert. Im Jahr 2001 gingen ungefähr 300 Personen auf die Straße, 2004 und 2005 erhielten die Organisatoren keine Erlaubnis von der Stadtregierung. In diesem Jahr gab es 4.000 Teilnehmer. Die Einstellung der Medien hat sich auch verändert: Diente der Marsch früher als exotische Unterhaltung, ist er nun ein Symbol im Kampf für die bürgerliche Gesellschaft. Vor uns liegt der lange Weg, um das zu erreichen, was man in Westeuropa für Normalität hält.

Im Studentenheim saß sie üblicherweise auf dem Fensterbrett vor meinem Zimmer. Immer mit einem Jungen. Jeden Monat mit einem anderen. Fast immer konnte man sie in der Küche treffen. Sie kochte Reis mit Soße und ab und zu briet sie Buletten auf einer geliehenen Bratpfanne. Vor einer Woche sind wir uns auf dem Markt über den Weg gelaufen. Sie war stolz, gestern habe sie die Magisterprüfung in polnischer Philologie bestanden. "Und das ist deine Magisterarbeit?", frage ich und zeige auf die schwere Tasche, die sie hinter sich her schleppt. "Das ist alles, was ich nach fünf Jahren Studium besitze." Wir bestellen zwei Kaffee zum Mitnehmen und setzen uns auf einer Bank. "Eigentlich hat mich niemand aufgehalten. Mama hat gefragt, ob ich anrufen werde. Papa hat gesagt, es sei schade. Die Nachbarn meinen, seine Tochter sei verrückt geworden, denn sie habe schon lange nicht mehr mit einem Jungen geschlafen. Oma hat ein paar Dollar geschickt." Sie greift nervös zur Tasche. Ein Zettel mit der ausgedruckten Buchungsbestätigung eines Billigfliegers: einfaches Ticket nach Manchester. "Vom Flughafen holt mich meine Doris ab." Engländerin? "Nein, Amerikanerin. Wir haben uns im Internet kennen gelernt, sie hat mich besucht und ich sie. Es dauert schon ein paar Monate." Ich wünsche ihr alles Gute und helfe ihr, die Tasche zum Bus zu tragen. Linie 192, Richtung Flughafen.

Aus dem Polnischen übersetzt von Magdalena Jatowska

Szymon Wróblewski, geboren 1983, studiert Dramatologie in Krakau. Im letzten Jahr war er mit seinem Stück Puzzle beim Heidelberger Stückemarkt zu Gast, er schrieb Bühnentexte für das Nationaltheater Krakau, das Theater TR Warszawa und die Berliner Schaubühne. Zuletzt arbeitete er in Warschau mit dem deutschen Autorenregisseur René Pollesch für dessen Inszenierung Ragazzo dell´Europa zusammen.


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00:00 08.06.2007

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