Linke Liebe

A–Z Eine Lehrerin in den USA forderte ihre Schüler zum Dating auf und gab ihnen dazu einen sexistischen Verhaltenskodex wie aus den 1950er Jahren. „Wir“ Linke lieben anders
Linke Liebe
Foto: Marco Bertorello/AGP/Getty Images

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Autonom, links Wie liebt, wer sein Leben dem Kampf gegen Staat und Kapital gewidmet hat? Bleibt zwischen schwarzem Kapuzenpulli, Sonnenbrille, Tränengas Platz für Romantik? Kann, wer hauptamtlich Prügel gegen Nazis und Polizisten austeilt, zärtlich sein? Fragt sich so ähnlich der irgendwie linke, meist harmlose Großstadtstudent. Die Antwort weiß die Rap-Gruppe Waving The Guns. Ihr zum Valentinstag 2015 (Heirat) veröffentlichtes Lied Du ist eine extrem lässige Ode an eine namenlose Linksautonome inklusive eingängigen A.C.A.B. im Refrain.

„All cops are bastards“, natürlich wird auf den Segen des Staats „geschissen“, das Standesamt zertrümmert, der dazugehörige Ring kommt nicht ohne das Präfix „Schlag-“ aus, und die Kinder heißen Ulrike und Wolfgang. Ach, Hass auf den Staat kann so verbindend sein, Gewalt so romantisch. Spätestens bei der Textzeile „Jeden Abend fickst du mich, als wäre ich die Polizei“ sehnt sich der hippe, linke Student nach so einer Partnerin. Denn er weiß aus eigener Erfahrung: Wer Nazis schlägt, potenziert seinen Sexappeal. Leander F. Badura

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Flirt Kein Date ohne Flirt, in Zeiten der Selbstoptimierung schießen entsprechende Angebote (Psychoanalyse) nur so aus dem Boden. Vieles ist grausig, zum Beispiel die durchs Land tourenden Pick-up-Artists. Manchmal ergibt Flirttraining aber wirklich Sinn und kann in ein linksliberales Weltbild passen. Flirtverhalten ist kulturell geprägt, und so wurde in Deutschland seit der verstärkten Zuwanderung der vergangenen Jahre immer wieder über, sagen wir mal, Missverständnisse im Flirtverhalten diskutiert.

Die delikate Thematik ging die Arbeiterwohlfahrt in Essen pragmatisch an. Sie engagierte den Flirttrainer Horst Wenzel – einstmals jüngster SPD-Ortsvereinschef Deutschlands, der geflüchtete junge Männer über deutsche Gepflogenheiten aufklärte, erstes Ansprechen, Dating-Apps, Körpersprache ( Zellteilung). Für Wenzel war das eine Form der Integration, die allerdings nur unter Polizeischutz stattfinden konnte. Denn viele „Flüchtlingsgegner“ hatten ihren Protest angekündigt. Benjamin Knödler

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Heirat Im Frühjahr 2015 hörte man, Oskar Lafontaine und Sahra Wagenknecht hätten geheiratet. Endlich Glamour in the house! Leider nein, die beiden hatten sich heimlich trauen lassen. Das ist bemerkenswert, denn Oskar Lafontaine hatte die Beziehung bei einer Rede 2011 öffentlich gemacht.

Die hochzeitliche Geheimniskrämerei hat vielleicht damit zu tun, dass die Linke auch als Partei einen eher hochzeitskritischen Kurs fährt: 2011 protestierte die Partei in Brandenburg heftig gegen die Fernsehübertragung einer Hochzeit im Hause Hohenzollern. Der Sender, lautete der Vorwurf, mache sich zum „Schleppenträger“ des Hohenzollernprinzen.

Legende, Liebe, Tod (Revolution) sprengen jede Programmatik-Erzählung, denkt man und denkt an die grüne Pazifistin Petra Kelly und den General Gert Bastian, Symbolfiguren des Friedens. Benjamin Knödler

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Komödie, tragisch Benutze Sex als Waffe, das ist das Motto der forschen Aktivistin Bahia. Die attraktive Tochter einer französischen Hippiefrau und eines algerischen Einwanderers setzt all ihre strotzende Kraft für Randgruppen der französischen Gesellschaft ein – und also gegen jeden, der politisch rechts steht. Diese versucht sie gezielt durch Sex zu „bekehren“. Einer etwa, der einst Jugendbeauftragter eines ultrarechten „Vereins“ war, sei danach Schafzüchter im Périgord geworden, verkündet sie einmal stolz.

Doch dann lernt Bahia, Hauptfigur des bei Publikum und Preisen erfolgreichen Films Der Name der Leute (2010) ihren Counterpart kennen: den unauffälligen Arthur, der für den Seuchenschutz arbeitet. Bahias Versuch, ihn „umzudrehen“, misslingt, denn Arthur ist bereits Linker, Anhänger von Ex-Premierminister Lionel Jospin – und Sohn einer französisch-griechischen Jüdin, die den Holocaust nur deshalb überlebt, weil sie eine neue Identität annimmt. Doch das verschweigt er Bahia, bis sie zufällig auf das Geheimnis stößt und seine Mutter auf das Tabuthema anspricht. Behrang Samsami

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Old School Dating ist eine zutiefst bürgerliche Institution. Eine Beschäftigung mit dem alleinigen Ziel, jemanden fürs Leben (Zellteilung) oder zumindest für einen großen Abschnitt davon zu finden. Dabei gibt es doch Wichtigeres zu tun! Zum Beispiel die Weltrevolution. Linke daten nicht, man trifft sich in Gesprächskreisen zum Kapital oder beim Transparentemalen für Demos. Beziehungen entstehen quasi als Nebenprodukt des Kampfs um die gemeinsame Sache.

Auch an meiner Uni wurde während der Proteste gegen den Bologna-Prozess nicht mit dieser Tradition gebrochen. Alle revolutionären Verbandelungen (Flirt) führten zwar nie zu längerfristigen Romanzen. Und weil ich hoffnungslos monogam bin, hatte ich trotzdem genau drei Dates, zwei davon ein Desaster. Mit dem dritten boykottierte ich das „Sommermärchen“, wir besuchten ein Programmkino. Nun sind wir verheiratet – in Bezug auf linke Beziehungsideale also grandios gescheitert. Sophie Elmenthaler

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Psychoanalyse Vorbei die Zeit, in der man die Neurosen und Perversionen des anderen peu à peu kennenlernte, bis sich der Traummann als psychisches Wrack offenbarte. Heute tischen mir Männer ihre sexuelle Devianz und ihre psychoanalytische Behandlungsdauer schon vor dem ersten Date (Romantik) auf. Vorteil: Kann man mit einem Narzissten nicht umgehen, muss man sich gar nicht erst in ein figurbetontes Kleid zwängen.

Zugleich muss es uns Sorgen bereiten, wenn sich zwanglose Flirts in eine Psychoanalyse verwandeln. Denn wer einer Frau, noch bevor er einen Drink geordert hat, unbekümmert chronische Beziehungsunfähigkeit oder Masochismus gesteht, erwartet auch von ihr absolute Ehrlichkeit bezüglich möglicher Vaterkomplexe oder sadistischer Neigungen. Kurz, die Psychoanalyse hat die Romantik getötet. Freud stellte bekanntermaßen die Frage: „Was will das Weib?“ Sie will doch nur ein Date. Marlen Hobrack

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Revolution Es gibt beim linken „Revolutionsversand“ ein Büchlein, dessen Titel neomarxistische Poesie ist. Es heißt The Hive Mind. Warum das Ende der Ideologie der monogamen Paarbeziehung die kommunistische Revolution begünstigt. Im Geiste der Kritischen Theorie wird dort die Monogamie als bürgerlich-religiöses Konstrukt hinterfragt. Das ist ein Rückgriff auf Friedrich Engels, für den die monogame Familie aus der Erfindung des Privateigentums entstand. Noch immer sind es vor allem Linke, die sich mit Fragen rund um das Geschlecht, die Liebe und den Sex beschäftigen. Die 68er hatten die freie Liebe, wer zweimal mit ... Heute gibt es mehr und mehr Menschen, die ihre Beziehung offen gestalten oder polyamorös fühlen – leider nicht immer im Hinblick auf eine Befreiungsutopie, sondern durch die kapitalistische Hintertür der Selbstoptimierung.

Oder sind Linke einfach ehrlicher als Konservative (Treue)? Nicht ganz: Hinter allem steckt natürlich und wie stets Herrschaftskritik. Und mit dem Ende des Kapitalismus, wenn es denn kommt, darf dann endlich frei (assoziiert) geliebt werden. It ain’t no revolution if you can’t fuck to it! Konstantin Nowotny

Romantik Schon klar, seit Sappho, der griechischen Dichterin aus Lesbos, die im fünften und sechsten Jahrhundert vor Christus lebte, weiß jedes gebildete Kind, dass die Rose die Königin der Blumen ist. Und mindestens genauso lang ist sie ein Symbol für die Liebe. Vom Altertum über Goethe bis in die Moderne hat das Gewächs den Status eines Liebessymbols bewahrt – mit einem kurzen Abstecher in die Heilkunde bei Germanen und mittelalterlichen Mönchen. Die Rose steht auch für Verschwiegenheit (in Beichtstühlen mal auf Rosenschnitzereien achten). Und heute? Pustekuchen: „Rose“ fix in eine bekannte Internetsuchmaschine eingetippt, lautet der erste Treffer „Rose Bikes“, eine Fahrradfirma aus Bocholt. Welchen Charme die Fahrradbude bei der entsprechenden Internetfirma hat spielen lassen, um dieses relevante Suchergebnis vor Liebe und Botanik zu setzen? Es bleibt Spekulation.

Weniger kokett ist die Geschichte der Arbeiterbewegung. Zwischen Fabrik und Partei war selbstverständlich kein Platz für Romantik, also wurde die Rose kurzerhand zur Blume der Revolution erkoren. Nelken waren jedoch im Knopfloch bereits etabliert – und viel billiger. Schade, heute hat die Rose einen spießigen, bürgerlich-konservativen Ruf in linken Kreisen. Der Geliebten eine angedeihen zu lassen, wirkt nicht nur uncool, es kommt beinahe einem patriarchalischen Akt (Heirat) gleich. Vielleicht hilft es, sie nicht in Papier, sondern in der geballten Faust zu überreichen (die Dornen vorher behutsam präparieren). Gemeinsamer Kampf verbindet ja auch. Und wenn dann die rote Fahne weht, ist auch wieder Zeit für Liebe. Leander F. Badura

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Treue „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“, goss Drafi Deutscher den Glauben an die ewige Liebe in Liedform. Er unterschätzte die destruktive Kraft des Politischen. Das legt zumindest eine Befragung der Onlinepartnerbörse Elitepartner nahe, die zur Bundestagswahl 2013 unter knapp 15.000 Internetnutzern durchgeführt wurde. Demnach waren die Wähler von CDU und CSU zu 94 Prozent der Meinung, dass Treue in Beziehungen Pflicht sei, bei der FDP waren es 85 Prozent. Anders in der Praxis: Da gab jeder vierte FDP-Wähler an, bereits einmal untreu gewesen zu sein. Bei den Anhängern der Union und der SPD war etwa jeder Sechste schon einmal in einem fremden Bett. Und wie sieht es bei Linken und Grünen aus, denen man bei Treuefragen eine größere Entspanntheit nachsagt? Diese Gruppe befindet sich mit einem Wert von 20 Prozent im Mittelfeld.

Bei aller Ernüchterung, für Romantiker (Komödie, tragisch) kann die Liebe manche Grenzen vielleicht doch überwinden. Zumindest temporär. Denn FDP- und Linke-Anhänger glauben am ehesten an serielle Monogamie. Vielleicht begegnen sich ja einmal zwei. Zumindest für eine kurze Zeit. Benjamin Knödler

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Zellteilung Als Henryk M Broder noch wirklich witzig war, also ungefähr vor 15 Jahren, kolportierte er das Gerücht, dass die Schweizer sich durch Zellteilung vermehrten. Gemeint war: Eros war es nicht, der das Land so reich gemacht hat. Als Ausnahme nannte Broder das Botschafterpaar Borer-Fielding.

Er, Thomas Borer, jüngster Botschafter der Schweiz, hatte einen schwierigen Deal mit den Amis in Sachen Raubgold glänzend hingekriegt und dafür Berlin als Posten geschenkt bekommen, sie, Shawne Fielding, Psychologin, ehemalige Miss Texas, Erzrepublikanerin. Kennengelernt hatten sie sich auf einem Empfang (Old School) in ihrer Heimat Texas.

„In diesem Moment schüttelte die Frau ihre blonde Mähne und drehte sich in meine Richtung. Unsere Blicke begegneten sich, und mich überrollten zwei Güterzüge auf einmal“, erinnert sich Thomas Borer. Wem bei diesen Worten die Schamhaare zu Berge stehen, dem sei gesagt: Im Reich des Begehrens gibt es keine Korrektheit. Versuche, das zu ändern, münden in, unter anderem, Bankenherrschaft, Terror, Faschismus oder Lügen (Treue). Michael Angele

06:00 08.02.2017

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