Linkes Denken

A-Z Basiswissen Die Börsen sind ein Trauerspiel, die USA pleite. Und Konservative fragen sich plötzlich, ob Linke doch recht haben. Aber was sagen die eigentlich? Ein Einführungslexikon

Anfang

War Jesus schon links? Nein, die Linke gibt es erst seit etwas mehr als 200 Jahren. Der Begriff geht zurück auf die Sitzordnung der ersten Französischen Nationalversammlung im Jahr 1798. Die republikanischen Revolutionäre saßen links, die Anhänger der Monarchie auf der rechten Seite. Demokratie und ➝ Fortschritt können somit als die ersten linken Werte gelten. Das Links-Rechts-Schema setzte sich anschließend auch in anderen Ländern durch. Im Deutschen Bundestag sitzt – vom Rednerpult aus gesehen – die FDP ganz rechts, weil sie bei der ersten Wahl im Jahr 1949 als rechtsliberal galt. Als die Grünen 1983 ins Parlament einzogen, akzeptierte die SPD keine Partei links von sich. Die Grünen sitzen bis heute zwischen Sozialdemokraten und der Union. Seit 1990 sitzt die (damals noch PDS) Linkspartei ganz links. Felix Werdermann

Badiou und Žižek

Wer Negri und Hardt verstehen will, wird bald auch an Alain Badiou und Slavoj Žižek verwiesen. Noch im Streit miteinander geht es ihnen um dasselbe: eine primär philosophische Neubegründung des Kommunismus, zugleich aus dem und gegen den Geist der ➝ Postmoderne. Wenden sich die Erstgenannten dazu neben Marx an Nietzsche, Heidegger, Psychoanalyse, Poststrukturalismus und Feminismus, bringen Badiou und Žižek diese Wendung noch mit Lenin und Mao zusammen: also nicht nur mit den „Kräften des Rausches“, sondern auch mit dem „Diktatorischen der Revolution“ (so Walter Benjamin, im Grunde der Fünfte im Bunde). Überschätzt Žižek dabei die Macht der Provokation, erneuert Badiou die ursprüngliche Geste der Philosophie und macht die Wahrheit wieder zum Kriterium der Entscheidung zwischen „einem wirklich subjektiven und erfüllten Leben, soweit es dies sein kann“, und „einem Leben, das in der Animalität verharrt.“ Wem das akademisch erscheint, den hat der Tahrir-Platz hoffentlich eines Besseren belehrt. Thomas Seibert

Emanzipation

Sich aus der Knechtschaft zu befreien, ist des Menschen höchstes Ziel. Was ursprünglich für freigelassene Sklaven galt, macht das Bürgertum zum individuellen Selbsterziehungsprogramm: Für Hegel gibt es nichts Edleres als den „emanzipierten Menschengeist“. Mit der Herausbildung von Nationalstaaten emanzipierten sich dann ganze Völker und mit ihnen auch die Juden. Marx und Engels stellten den Begriff sozusagen vom Kopf auf die Füße und in den Dienst der Befreiung der Arbeiterklasse (➝ Proletariat). Politökonomisch gewendet bedeutet das nichts Geringeres, als dass das Joch, das die Arbeiter gefangen hält, selbst für deren Emanzipation sorgt – durch die Entwicklung der Produktivkräfte nämlich. Monotone Arbeit wird überflüssig, am Ende bleibt die „emancipierte Arbeit“. Aus der Aufhebung der Herrschaftsverhältnisse durch Kopfarbeit ist vorerst leider nichts geworden. Gültigkeit dürfte aber noch immer der vom Frühsozialisten Charles Fourier übernommene Maßstab haben: Die Emanzipation der Frauen, dekretierte dieser, sei der Gradmesser allgemeiner Emanzipation. Ulrike Baureithel

Fortschritt

Zwar ist dieser linke Begriff kein originär tragender, dennoch spielt er im Denken eine wichtige und zugleich ambivalente Rolle. Grundsätzlich ist Fortschritt die notwendige Veränderung von Lebensumständen, um Letztere hin zu einer humaneren Gesellschaftsform zu verbessern. Die Folgen des technologisch-wissenschaftlichen Fortschritts hängen aber von der zugrunde liegenden Gesellschaftsform ab: Der blinde Glaube an einen durchweg positiven Fortschritt, der die Produktivität im Kapitalismus zugunsten des Profits steigert – als „rascher und anhaltender Fortschritt der Maschinerie“ – macht Marx zufolge den Arbeiter überflüssig, führt in die ökonomische Katastrophe und fällt auf die Umwelt zurück (➝ Ökologie). Fortschritt, auch technologisch-wissenschaftlicher, birgt jenseits des Kapitalismus aber zugleich die Möglichkeit, durch „kontrollierte Nutzung der hochentwickelten Produktivkräfte die menschliche Existenz zu befrieden und nachhaltige gesellschaftliche Naturverhältnisse zu etablieren“ (W.-F. Haug, T. Reitz, in Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 4, Argument-Verlag). Dieser Fortschritt findet derzeit allerdings nicht statt. Kathrin Zinkant

Hardt und Negri

Im Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert markieren die von Toni Negri und Michael Hardt geschaffenen Begriffe den Übergang vom Abbruch zum Neubeginn kommunistischer Bewegung. Dabei öffnet der Begriff des Empire (1) dem krisengetriebenen Prozess kapitalistischer Globalisierung die Perspektive seiner theoretischen wie praktischen Kritik. Das Wesen dieses Prozesses fasst der (Foucault und dem Feminismus entlehnte) Begriff der Biopolitik (2) als ➝ Fortschritt des ➝ Kapitals von der Subsumtion der Arbeit zu der der ganzen Welt (Raum) und des ganzen Lebens (Zeit). Der Begriff der biopolitischen Multituden (3) nennt die Kräfte, denen im Empire das Vermögen immanenter Negation zukommt; der Begriff der biopolitischen Militanten (4) spricht dann die Subjekte an, die sich „zum Organ derselben“ (Marx, MEW 4: 143) machen: zum Organ ihres Gemeinsamen. Im Begriff des Ereignisses (5), des Kairos, kommt beiden, Militanten und Multituden, die geschichtliche Bewährungsprobe ihrer weitesten Möglichkeit und Wahrheit zu. Thomas Seibert

Hegemonie

Dafür, dass staatliche Herrschaft sich allein durch Zwang nicht halten könnte (➝ Emanzipation), sondern immer auch auf Konsens angewiesen ist, sowie für die ausschlaggebende Rolle der Überzeugungskraft im politischen Machtkampf steht der Begriff Hegemonie. Hegemonial ist eine politische Kraft, wenn man ihrer Orientierung freiwillig folgt, sodass die Frage gar nicht erst aufkommt, ob man einen bloßen Vorschlag gebilligt oder sich einer Anweisung unterworfen hat (➝ Neoliberalismus). In demokratisch verfassten Staaten stellt sich Hegemonie als freier Streit um Lösungen dar, der aber nicht zuletzt die Funktion hat, eine vielleicht falsche Problemstellung zu befestigen. Solange zum Beispiel nur darum gestritten wird, wie sich wirtschaftliches Wachstum am besten herbeiführen lässt, ist die Wachstumsdoktrin hegemonial (➝ Proletariat). Michael Jäger

Kapital

Einem gängigen Marx-Verständnis zufolge ist Kapital einfach ein Geldvorschuss, mit dem neben Maschinen, Rohstoffen und Produktionsstätten die Ware Arbeitskraft eingekauft wird, die über ihren eigenen, durch Lohn abgegoltenen Wert hinaus einen „Mehrwert“ produziert, den sich der Unternehmer aneignet. Der Mehrwert steckt in den produzierten Waren, die der Unternehmer für mehr Geld verkaufen kann, als ihn die Produktionsfaktoren gekostet haben (➝ Neoliberalismus). Marx spricht aber von „Kapital“ erst dann, wenn solche Geldvermehrung immerzu wiederholt wird: „Das Kapital als solches setzt nur einen bestimmten Mehrwert, weil es den unendlichen nicht at once setzen kann; aber es ist die beständige Bewegung, mehr davon zu schaffen.“ Kapital muss daher immerzu wachsen und ist unvereinbar mit der ➝ Ökologie der Erde. MJ

Neoliberalismus

Der Begriff wurde in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts von einigen Ökonomen verwendet, um sich vom Liberalismus des 19. Jahrhunderts abzusetzen. Neoliberale zielten auf die Rolle des Staates: Er habe sich darauf zu beschränken, das freie Spiel des Marktes zu gewährleisten und einzugreifen, wenn Monopole und Ähnliches drohten. Man könnte also von einem Ultraliberalismus sprechen. Heute würde kein Ökonom sich selbst als neoliberal bezeichnen. Neoliberalismus meint nun eine Vielzahl von Fehlentwicklungen im Kapitalismus, im Grunde oft auch diesen selbst. In Meinungstexten hat das Zeichen „neoliberal“ darüber hinaus Signalfunktion. Es signalisiert, dass der Autor sich links verortet (➝ Hegemonie). Michael Angele

Ökologie

Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solchen Sieg rächt sie sich an uns. Jeder hat in erster Linie zwar die Folgen, auf die wir gerechnet, aber in zweiter und dritter Linie hat er ganz andere, unvorhergesehene Wirkungen, die nur zu oft jene ersten Folgen wieder aufheben. Die Italiener der Alpen, als sie die Tannenwälder am Südabhang vernutzten, ahnten nicht, dass sie damit der Sennwirtschaft die Wurzel abgruben; sie ahnten noch weniger, dass sie dadurch ihren Bergquellen für den größten Teil des Jahrs das Wasser abzogen, damit diese zur Regenzeit um so wütendere Flutströme über die Ebene ergießen könnten. F. Engels, Dialektik der Natur, 1876

Postmoderne

Nach dem Fall des Realsozialismus verbreitete der ➝ neoliberale Francis Fukuyama seine These vom Ende der Geschichte. Gemeint war jener marxistische ➝ Fortschrittsgedanke der Moderne, der sich vor allem im Versuch einer Verbesserung des Kapitalismus äußerte. Für Fukuyama war diese Idee tot und damit die Postmoderne eingeläutet. Die Paarung aus Demokratie und Kapitalismus sei die Krönung der Geschichte. Linke sehen das bis heute anders: Für sie ist die Demokratie eine den Kapitalismus lediglich verwaltende Demokratie, das heißt ein Instrument der Wirtschaft (➝ Hegemonie). Lukas Ondreka

Prekariat

Das Prekariat könnte getrost auch Sub- oder Lumpenproletariat genannt werden. Wird es aber nicht, weil das zu sehr nach Klassengesellschaft klingt. Man spricht von städtischem, akademischem, künstlerischem oder Hartz-IV-Prekariat und meint Menschen, die ungeschützten Arbeitsverhältnissen (Freiberufler, Leih- und Zeitarbeiter) ausgesetzt sind, gering entlohnt werden und am Rand oder unterhalb des Existenzminimums leben – in Deutschland laut DGB derzeit sieben Millionen Mitbürger. Viele müssen staatlich alimentiert (ALG II) werden, um über die Runden zu kommen. Wie das ➝ Proletariat zur Industriegesellschaft des 19. und 20. Jahrhunderts gehört das Prekariat zur Dienstleistungsgesellschaft von heute. Lutz Herden

Proletariat

Einst bestand Hoffnung, je länger der Kapitalismus dauert, desto mehr wird das Proletariat von „der Klasse an sich zur Klasse für sich“ reifen. Wenn es so weit ist, wird es den Klassenfeind Bourgeoisie besiegt und dabei nicht mehr verloren haben als seine Ketten (➝ Emanzipation). So sagt es die klassische linke Theorie, so steht es bei Marx und Engels. Die übertrugen im Kommunistischen Manifest (1848) dem Proletariat die historische Mission, den Kapitalismus zu stürzen und die klassenlose Gesellschaft zu errichten. Doch anstatt diese Mission zu erfüllen, fiel das Proletariat auf seinen Klassenfeind herein. Die Bourgeoisie hielt ihm gut gefüllte Fleischtöpfe vor die Nase und versprach, selbst nur noch Gras zu fressen, sollte es einmal anders kommen. LH

Zitate

"In der Familie ist der Mann der Bürger und die Frau der Proletarier." (Engels) - "Die Praxis ist das Kriterium der Wahrheit." (Mao Tse Tung, gilt aber generell!) - "Die Wahrheit in den Tatsachen suchen" (Mao) - „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“ (Lenin) – „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ (Marx und Engels) – „Hasta la victoria siempre!“ (Che Guevara) - "Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche." (Che) - "Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker." (Che) - "Die Revolution ist großartig. Alles andere ist Quark." (Rosa Luxemburg) - "Holger, der Kampf geht weiter!" (Rudi Dutschke) - "Ein Gespenst geht um in Europa - das des Kommunismus." (Marx und Engels)

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13:00 01.09.2011
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Ausgabe 32/2020

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