Literarisches Ikonen-Update

Sachlich richtig Der Vorwärts-Proust, zwei getriebene Frauen sowie mal wieder die Manns: Literaturprofessor Erhard Schütz befasst sich mit Biografischem und Heldenverehrung

Am liebsten hätte ich ja hier was über Prousts Mantel geschrieben, genauer über das wunderbare kleine Büchlein von Lorenza Foschini dazu. Aber das hatten wir im Freitag schon. Schreibe ich halt über einen noch – und hoffentlich länger – lebenden Großautor, einen Vorwärts-Proust. Einer, der so schnell zu sein pflegt, dass die Wirklichkeit es öfters aufgibt, ihm überhaupt noch folgen zu wollen. Ja, genau: Alexander Kluge. Es wäre natürlich undenkbar gewesen, wenn er zu dem völlig erneuerten Band über ihn selbst in Text + Kritik nicht selbst hinreichend beigetragen hätte. Prominente im Schlepptau, the late Friedrich Kittlers Laudatio auf ihn für den Adorno-Preis, sein kongenialer Gesprächspartner ­Joseph Vogl mit einer kleinen, luziden Text­exegese, dazu noch ein paar ­hand­feste Einführungsaufsätze, aber ­naturgemäß auch etwas angestrengtes Jungmannengeschwurbel. Insgesamt aber der Kluge von gerade eben up to date!

Und nun zu etwas ganz anderem, nämlich zu zwei Promi-Damen, die unterschiedlicher nicht scheinen könnten, die eine für gewöhnlich vervampt, die andere verrucht, die aber Karin Wieland in einer Doppelbiografie nicht zusammenzwingt, sondern überzeugend als ähnlich erkennt: Marlene Dietrich und Leni Riefenstahl. Wiewohl erstere eine vorbildlich Emigrierte und Kultfigur eher der schwulen Szenerie, letztere eine Nazi-Affine und gar Spätikone des Feminismus, zeigt Wielands voluminöses Buch, waren die beiden sich nicht nur im Gebrauch von Männern als Karrieremittel ähnlich. Zwei Neue Frauen, Süchtige, Getriebene und Treibende der Kinoära. Ein Zeitbild weit über die bemerkenswerten Biografien ­hinaus!

Mal wieder die Manns. Diesmal der satirische Französling und Verehrer draller Weiber sowie sein irrlichternder, drogensüchtiger und schwuler Neffe. Das Buch dazu, so der Klappentext, „füllt eine Lücke in der Jahrhundertchronik der Manns“. Es ist aber kein Lückenfüller oder gar -büßer, sondern ein ganz eigenes Stück deutscher Literatur-, Kultur- und Politikgeschichte. Es enthält den Briefwechsel beider, faktisch seit 1933, Tagebuchauszüge des notorischen Notiziars Klaus Mann über den Onkel sowie dessen anrührenden Nachruf auf den Neffen. Dazu ein Doppelporträt, geschrieben von den Herausgebern. Zusammen ergibt das ein nicht ganz neues, aber komplexeres Bild der literarischen Bewunderung des Neffen für den Onkel wie von des Onkels gut gemeinten, aber später nicht mehr sehr hellsichtigen politischen Optionen. So vieles wäre von ihnen wiederzulesen angebracht! Nicht bloß der ewige Untertan und der freche Mephisto. Hier findet man hinreichend Grund dafür.

Und noch eine Ikone, für Jungmädchenzimmer wie Bars für einschlägig Interessierte gleichermaßen, noch immer: Audrey Hepburn. Fast könnte man hinzusetzen: alias Holly Golightly. Denn wohl nichts hat ihr Bild so an alle Wände und in alle Köpfe fixiert wie ihre Rolle in Frühstück bei Tiffany. Der Filmhistoriker Sam Wasson hat ihr, dem Film, Truman Capote, der ein dünnes Mädchen mit „flachem, kleinen Busen“ wollte, dazu Tiffany und New York ein eher nüchtern geschriebenes, aber höchst lesenswertes Porträt gewidmet. Das ist, zumal so verlockend sorgfältig und schön als Buch aufgemacht, nicht nur für Hepburnians und Cinephile, sondern mindestens für alle Nostalgiker der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. (Ach je, wie fern sich das anhört!)


Alexander Kluge Text + Kritik, Heft 85/86 München 2011, 155 S., 26

Dietrich Riefenstahl. Der Traum von der neuen FrauKarin Wieland Hanser 2011, 630 S., 27,90

Klaus Mann Lieber und verehrter Onkel HeinrichInge Jens u. Uwe Naumann (Hg.) Rowohlt 2011, 300 S., 19,95

Verlieben Sie sich nie in ein wildes Geschöpf. Audrey Hepburn und Frühstück bei TiffanySam Wasson Steidl L.S.D. 2011, 253 S., 16

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11:15 06.02.2012

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