Literarisches Quartett

Buchmesse Vier Leser und Kritiker unterhalten sich über drei Neuerscheinungen dieses Herbstes: Bücher von Judith Zander, Martin Mosebach und Andreas Maier

Michael Angele

: Frau Dieckmann, Sie laufen hier unter Protest auf.

Dorothea Dieckmann

: Ja, indem die Bücher, die wir besprechen wollen, aus der Longlist des Deutschen Buchpreises gewählt wurden, richten wir uns nach den Kriterien des Marktes. Das finde ich schade. Und dann hätte es auf der Longlist auch packendere Titel gegeben. Aber ich tröste mich damit, dass ich den gehobenen Mainstream aus diesem Grund mal gelesen habe.

Angele

: Okay, aber man darf doch sagen, dass zwei von den gewählten Büchern nun nicht mit auf der Shortlist gelandet sind. Darunter Mosebach, den wahrscheinlich viele auf der Rechnung hatten.

Dieckmann

: Ich denke, es ist auch Strategie, den Mosebach nicht zu nehmen. Der hat den Büchner-Preis, also kriegt er keinen Buchpreis. Ganz einfach.

Frank Fischer

: Solche Entscheidungen so zu kommentieren, ist zwecklos. Das ist wie damals, als das ZDF Die größten Deutschen ermitteln wollte. Und dann haben weniger Leute für Goethe ange­rufen als erwartet, und Steffen Seibert hat vermeldet: „Goethe im Sinkflug!“ Mosebach ist wegen dieser Juryentscheidung natürlich überhaupt nicht im Sinkflug.

Angele

: Sie protestieren jetzt gegen den Protest, Herr Fischer?

Fischer

: Wir könnten jedenfalls nun mal anfangen.

Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten (dtv)

Dieckmann

:

Worum geht es? Anna Hanske ist gestorben, und ihre Tochter Ingrid kehrt zurück aus Irland. Sie war zur DDR-Zeit in den Westen ge­flohen und hat dort ihren Mann, einen Iren, kennengelernt. Den bringt sie mit, genauso wie Sohn Paul, der von den beiden Gymnasiastinnen Ella und Romy angeschwärmt wird. Zwischen den beiden und Paul, eine Art Wiedergänger von Paul McCartney, entspinnt sich eine Dreiecksgeschichte, dann sind da noch die prolligen Jugendlichen, die sich auf dem ehemaligen LPG-Gelände treffen, der Elpe.

Die Hauptstimme ist Ingrid, die im Du spricht. Sie hatte als Jugendliche eine Beziehung zum Bürgermeistersohn, der sie vergewaltigte, als sie sich von ihm trennen wollte. Die Geschichte von Traumatisierung und Schwangerschaft wird allmählich aufgedeckt. Bleibt anzumerken, dass der Roman deut­liche Bezüge zu Uwe Johnson hat, bei Bresekow denkt man an Jerichow, bei Ingrid an Ingrid Babendererde oder auch an Gesine Cresspahl. Folglich lässt Judith Zander Ingrids Mann auch über Uwe Johnson forschen.

Fischer

: Das ist aber immerhin sehr subtil, es wird nur mal am Rande erwähnt.

Angele

: Ich habe mich gefragt, ob es wirklich so subtil ist. Zander hat die Tendenz, eine unglaubliche Fülle von Motiven an allen möglichen und unmöglichen Stellen ihres Buches zu zitieren.

Fischer

: Dieser Uwe-Johnson- Forscher kommt überhaupt nicht durch bei den Einheimischen, wir kriegen von ihm auch nichts weiter präsentiert. Es ist, glaube ich, einfach ein literaturgeschichtlicher Scherz, von denen es einige im Buch gibt, Ulrich Plenzdorf kommt auch vor, sein Edgar Wibeau. Man kann diese Scherze verstehen, kann aber auch einfach über sie hinweglesen.

Magda Geisler

: Und die Puhdys kommen mal vor, bevor Paul gesteht, dass er auf der Elpe war.

Angele

: Dominierend sind allerdings die Beatles, neben der Sexualität die zweite Klammer in diesem Buch.

Fischer

: Das ist der Soundtrack zum Buch.

Dieckmann

: Nee, es passt häufig gar nicht. Gelungen finde ich die Beatles-Manie der Eltern. Dann gibt es die anderen, die die Beatles hassen, das ist eine schöne Perspektive auf die DDR-Geschichte. Aber als Klammer kann ich das nicht anerkennen.

Fischer

: Es gibt schon solche Gähn-Passagen wie die mit der zerbrochenen Beatles-Platte, das hab ich schon tausendmal gelesen, in

Geisler

: Das Drama der zer­brochenen Platte ...

Fischer

: Das Drama der zerbrochenen Platte, genau.

Dieckmann

: Das sehen Sie als ein schlichtes DDR-Klischee an?

Fischer

: Absolut, absolut.

Dieckmann

: Verstehe. Deren gibt’s offenbar viele.

Geisler

: Einige gibt es schon, aber insgesamt finde ich die Autorin in der Beurteilung der DDR zurückhaltender und gerechter als viele. Sie kommt nicht immer gleich mit der Stasi oder der Behörde. Der Druck, der auf den Leuten lastete, wird subtiler gezeigt. Das Elend der DDR war ja nicht, dass man jeden Tag dachte, jetzt kommen die Genossen um die Ecke und holen dich nach Hause, weil du frierst. Sondern dass sie sagten, denkt dran, es kann immer irgendwas sein. Auch ganz schrecklich: Die unendliche Langeweile und Öde, die diesen Landstrich bestimmt.

Dieckmann

: Da hab ich ja endlich einen Grund, warum ich nach 25 Seiten gedacht habe: Das schaffst du nicht. Und es wurde dann auch ungeheuer langweilig, Entschuldigung, pure Schwätz-Folter.

Fischer

: Sind Sie denn nun froh, dass Sie das Buch bewältigt haben?

Dieckmann

: Es hat mir nicht viel gegeben. Dabei dachte ich am Anfang: Das ist ein ganz sprachbewusstes Buch. „Hässliches Endlein der Welt“, heißt es über das Dorf, klasse Idee, mehr davon. Das war’s aber auch. Sicher finden sich an manchen Stellen virtuose Bilder, aber es kommen meines Erachtens krudeste Metaphernhäufungen vor, fürchterliche Bilder.

Fischer:

Das ist doch Rollenprosa!

Dieckmann

: Aber nicht aus der Perspektive der hehren, heiligen Ingrid. Seite 34 oben: „Unter diesem schweren Dach hast du keinen Schlaf gefunden, hast du sowieso nicht. Welcher von den Balken hat einen Hauch deines trostlosen Atems, eins deiner Moleküle gespeichert? Es muss alles gelöscht worden sein, als du begonnen hast, dieses Haus aus dir Schicht für Schicht zu lösen“ – neue Metapher – „bis es nur noch wie ein Abziehbild“ – dritte Metapher – „auf einem durchsichtigen Hintergrund klebte, wie die zarten, knittrigen Blumenbilder auf dem Spiegel in deinem Mädchenzimmer, bunter getrockneter Schneckenschleim“. Stopp, stopp, stopp. Das geht überhaupt nicht.

Fischer

: Ich habe wegen Ingrids Rückkehr ins Dorf erst gedacht, das wird jetzt ein Besuch der mittelalten Dame, die den großen Showdown plant, aber am Ende brennt dann nur die Elpe ab.

Geisler

: Die große Katharsis findet nicht statt, sondern es kommt ein versöhnlicher Ton rein, und gerade das hat mir gut gefallen.

Angele

: Das kann ja gar nicht anders sein, das Buch ist nicht dramatisch angelegt. Ich denke, es will ein großes Epos sein, eine Saga. Und da habe ich nun eben ein Problem. Die Ödnis, von der Frau Geisler gesprochen hat, hat viel mit Schweigen zu tun. Es ist ein Buch über die Provinz. Aber deren Leere und Langeweile zeige ich doch nicht dadurch, dass die Figuren alles zuquatschen. Es geht in diesem Buch um Ungesagtes, aber in unendlich vielen Worten. Ein fataler Grundwiderspruch.

Dieckmann

: Ich würde ja auch diese unendlichen Lesestrecken, wo fast nichts – ein verpatzter Geburtstag zum Beispiel – breitestgewalzt wird, ertragen, wenn sie nicht so hausbacken wären. Wenn da nicht dauernd „aufm Schlauch stehen“ und „übern Jordan“ oder „nicht die Bohne“ stünde. Das erinnert an Erich Kästner, eine Sprache der Vorkriegszeit. Ich hätte als Lektor gesagt: weg damit. Ich kürz das Ding auf 150 Seiten und lasse diesen Pseudodialekt weg.

Fischer

: Das ist überhaupt kein Pseudodialekt, der Dialekt ist sogar sehr gut getroffen, und ich finde das Buch als Rollenprosa insgesamt durchaus gelungen. Ich kenne keine Rollenprosa, wo nicht irgendein schiefer Ton drin wäre.

Dieckmann

: Ich habe mich nicht mehr gelangweilt, als die Elpe- Jugendlichen ins Spiel kamen.

Fischer

: Finde ich auch. Ecki, also Christian Eckhart, ihr Anführer, ist als Figur auf den Punkt gebracht. Irgendwie haben solche Halbstarken doch immer den Spitznamen Ecki, allein diese Namensgebung symbolisiert sehr treffend ein ganzes Milieu.

Geisler

: Ich fand gut, dass sie nicht als rechte Monster dämonisiert wurden – natürlich sind sie ge­fährdet. Die sind einfach in dieser Langeweile gefangen, die brüten aber nicht immer was aus.

Angele

: Komischerweise ist Ecki der Einzige, der mir als Charakter nahe gegangen ist. Er ist aggressiv und dumpf, aber manchmal flackert doch so etwas wie ein Interesse auf. Ich finde aber auch die beiden Mädchen nicht schlecht getroffen, besonders die eine, mit dem Nirvana-Poster im Zimmer und dem leichten Weltekel. Dem Weltekel von Gymnasiastinnen.

Fischer

: Nirvana taucht an einigen Stellen auf. So stellt sich also peu à peu heraus, dass das Buch 1999 spielt, es gibt die D-Mark noch, es ist eben kein Roman, der im Jahr 2010 stattfindet. Das Ganze ist also schon historisch, denn was vor elf Jahren Jugendsprache war, ist es heute nicht mehr. Das rettet die Autorin natürlich, weil sie nicht das „Wörterbuch der Jugendsprache 2010“ lesen musste, um irgendwie authentisch zu schreiben.

Geisler

: Eines noch zur Authentizität. Die DDR ist inzwischen, nicht nur in solchen Büchern, eigentlich mehr ein Versatzstück, eine Metapher für alle Arten von Ödnis geworden. Da behauptet ein österreichischer Rezensent, dass eine 30-Jährige, also Frau Zander, scharfe Bilder aus DDR-Zeiten geschaffen habe, die voll ins Schwarze treffen. Wie will er das beurteilen?

Dieckmann

: Ist die DDR ein Mythos geworden? Und: Haben die Pfarrer denn wirklich so gesprochen wie in diesem Buch? Das ist doch völlig gesponnen.

Geisler

: Die haben auf einer sozialistischen Uni Theologie studiert, die Pfarrer redeten nicht wie ein alter Pastor, da haben Sie Recht.

Angele

: Resümierend könnte man sagen, dass wir alle den Ruf von Frau Dieckmann nach dem Lektor teilen. Das Buch ist zu lang. Man muss aber auch bedenken, dass es ein Debüt ist und diese junge Autorin sich wahnsinnig viel vorgenommen hat. Respektieren sollte man vielleicht auch die Recherche, in dem Buch wird ja sehr viel Oral History verarbeitet.

Dieckmann

: Und Zander kommt vom Leipziger Literaturinstitut. Ich will damit nichts gegen das Leipziger Literaturinstitut sagen. Denn es ist alles spannend, es ist aus dem Leben geboren, eine starke Motivation offenbar, und eine tolle Erzählkonstruktion, eine wirklich überzeugende Struktur. Und dann wird so ein amorphes Riesenteil auf den Markt geworfen. Es ärgert mich, dass man die jungen Schreiber nicht mehr in Ruhe Schriftsteller werden lässt, sondern all das, was sie da in Fleißarbeit schreiben, druckt.

Fischer

: Sie wissen ja nicht, was weggelassen wurde.

Dieckmann

: Da haben Sie recht.

Martin Mosebach: Was davor geschah (Hanser)

Fischer

: Ich wollte mit meiner Mosebach-Lektüre warten, bis seine Gesammelten Werke in lateinischer Übersetzung vorliegen, bin jetzt aber froh, dass ich nun doch schon damit angefangen habe. In dem Roman passiert nicht viel, aber das gewaltig.

Geisler

: Das war jetzt erst mal der Inhalt.

Dieckmann

: War es gar nicht.

Fischer

: Genau, eher ein misslungener Klappentext. Fanden Sie den Mosebach jetzt eigentlich von den dreien am besten?

Dieckmann

: Ja, unter drei Nieten.

Angele

: Deswegen haben wir Sie eingeladen!

Geisler:

Ich bin ja nun bei Mosebach ein wenig voreingenommen. Dieser Katholizismus und diese verdruckste Erotik gehen mir manchmal auf die Nerven. Mein Kalauer vom Dienst ist bei so was: Neues von der Schöngeisterbahn. Er ist ein Ästhet. Er macht Art déco. Ich erkenne, dass dieser Roman durchkomponiert ist, aber ich würde gern mal in so ein Buch rülpsen. Ich stehe bewundernd davor, aber mir wird kühl.

Angele

: Na gut, aber diese gehobene Frankfurter Gesellschaft ist natürlich ein Milieu, in das der Marmor passt. Ich finde es auch nicht nur glatt, da sind Brüche drin. Nehmen Sie Hans-Jörg: Er benimmt sich unmöglich, er geht mit seiner Frau schlecht um, alle verachten ihn, aber nachdem ihn die Frau verlassen hat, schafft Mosebach es tatsächlich, dass man als Leser eine Sympathie entwickelt.

Fischer

: Das beginnt schon früher, Seite 90, schöner Satz: „Ist es nicht etwas Geheimnisvolles um Leute, die niemand mag?“

Dieckmann

: Ich möchte zustimmen, dass er das Storytelling beherrscht. Die Struktur hat mich, je mehr sich diese Patience entwickelt, beeindruckt. Ich finde auch, dass die Erzählergestalt funktioniert. Toll, wie er fast olympisch souverän zwischen den Perspektiven schaltet. Ehrlich. Bei den Figuren finde ich ein absolutes Abziehbild wie den alten Schmidt-Flex und dann wiederum eine Silvi, die mich unglaublich fasziniert hat. In die könnte ich mich sofort verlieben. Ich fand, diese Figuren leben, und er hat ein Talent zur Karikatur, wie Thomas Mann auch. Natürlich lange nicht so elegant.

Geisler:

Köstlich fand ich an Joseph Salam seinen Hang zum „Chmusen“. Auf der anderen Seite ist es auch so ein bisschen klischiert. Das Bild des Orientalen, der genau weiß, wie er mit den Frauen umgeht, also eigentlich gar nicht, er legt sie einfach flach.

Angele

: Ich konnte mir diese Figur sehr gut vorstellen, in seinen zu engen Anzügen, jovial, aber nicht unsympathisch. Wenn Frau Dieckmann sagt, dass seine Stärken in der Karikatur liegen, muss das schon auch für Ausländer gelten.

Dieckmann

: Letztlich denunziert er keine seiner Figuren, auch diesen Salam nicht, bis auf die Tatsache, dass er sie alle ganz schön karikiert, und das finde ich annehmbar. Aber ich muss nicht zu viel loben, ich muss sagen, nach 25, nach 20 Seiten hab ich gedacht, ich halt’s nicht mehr aus.

Angele

: Schon wieder nicht?

Dieckmann

: Die Mosebach’schen Stilblüten sind ein eigenes Kapitel. Da ist diese an sich tolle Szene im Pflegeheim. Wenn der gute Mann nicht immer „entfleischt“ sagen würde. Oder dass „in einer Sachlage herumgebohrt“ wird, oder „Salam wurde von einem, seinen imposanten Körper ergreifenden, aber geräuschlos bleibenden Gelächter ergriffen“. Sehr ergreifend!

Fischer

: Das ist schon der Stil des Buches, aber das ist ja nicht unbedingt schlecht.

Dieckmann

: Ein Beispiel noch, dann bin ich ruhig. Es geht um verführerische Weinflaschen. Die sehen aus, als ob man sie, „in sich hineinstrudeln lassen könnte“. Die Flaschen! Und zwar, „wie Austern das Meerwasser inhalieren“. Das sind doch Häufungen komplett schiefer Bilder.

Fischer

: Ich will jetzt nicht mit Thomas Mann kommen, den haben Sie ja bereits erwähnt, aber nehmen wir Pindar, der hat es nicht anders gemacht. Die berühmten „pindarischen Sprünge“, wo dann keiner mehr wusste, wie er eigentlich von dem einen zum anderen Bild gekommen ist, von den Flaschen zu den Austern.

Dieckmann

: Ich weiß nicht, wie viele Ausreden Mosebach verdient. Was bei Judith Zander nicht gehen soll, das soll nun bei Mosebach gehen? Das ist nicht Pindar, das ist verunglückt. Hier, die Bauherren, sie hatten „das Neue schon gerochen und zogen daraus ihre kapitalvermehrenden Schlüsse“. Daraus, woraus? Und dann dieses antiquierte Deutsch. „Hinwiederum“!

Fischer

: Wieso, das ist doch ein hervorragendes Wort. Was Sie hinwiederum gar nicht finden.

Dieckmann

: Ich finde es einfach wahnsinnig aufdringlich. Zusammen mit dieser verklemmten, verdrucksten Erotik stößt mich das ab. Ich finde, diese Literatur riecht nach Old Spice. Ich habe das sehr früh gedacht, und dann habe ich mich darüber gewundert, dass Geruch ein Leitmotiv ist in seinem Roman. Letztlich geht es allerdings um Geruchlosigkeit. Es soll appetitlich, reinlich, sauber sein.

Angele

: Na ja, er macht auch bewusst den Tabubruch, etwa wenn er von Schlampe spricht. Das Wort passt überhaupt nicht rein. Aber es ist kein Zufall, weil er genau weiß, an der Stelle provoziert er.

Dieckmann

: Nö, das ist doch das am wenigsten Provozierende, wenn er endlich mal normal spricht. Wenn er den Sex umschreibt mit „Eintritt in die höchste Gemeinschaftlichkeit“, dann ist mir das zu viel Goethegedöns. „Schlampe“, da freu ich mich.

Fischer:

Frau Dieckmann, Sie sind so überempfindlich, weil Sie den Mosebach schlecht finden wollten.

Dieckmann

: Nee, das glaube ich nicht. In bin an alles super positiv rangegangen.

Angele

: Das stimmt nicht. Da muss ich Ihnen leider ...

Dieckmann

: Ich habe nichts gegen katholische Neocons ...

Angele

: Ich bin gar nicht dagegen, das mit ins Lektürekalkül zu ziehen, doch dann zu sagen, das stimmt nicht, geht nicht.

Dieckmann

: Da muss ich mich entschiedenst wehren. Ich beurteile einen Autor nicht politisch. Ich finde Ernst Jünger einen fantastischen Autor. Ob Mosebach rechts oder links ist, ist mir egal. Ich glaube niemals, dass jemand, der politisch soundso steht, deshalb schlecht schreiben muss. Aber was ist verdammt nochmal ein schiefes Bild, was eine falsche Metapher? Darüber müssen wir uns unter­halten. Verunglückt ist Mosebach nicht aus politischen Gründen, sondern aus sprachlichen.

A

ngele

: Aber es wird doch dann ein politisches Argument. Ein konservativer Autor zeichnet sich durch Sprache aus, nicht durch ...

Fischer

: Handlung! Action!

Angele

: Genau. Aber es gibt doch noch einen anderen Grund, wieso man Mosebach liest: Dieses feine Spiel, von dem Herr Fischer und auch Frau Geisler gesprochen haben. Zum Beispiel diese fantastische Stelle: Rosemarie schreibt einen erpresserischen Brief an Hans-Jörg, weil sie Salam denunzieren will, und der Brief hat einen völlig anderen Effekt als intendiert. Er wird nicht wütend auf den vermeintlichen Absender, Salam, sondern ist dankbar, weil der Brief in ihm eine erotische Fantasie ausgelöst hat. Und am Ende schreibt er einen eiskalten Brief an Salam und entlässt ihn. Das ist sensationell. Das ist erzählte Literaturtheorie.

Dieckmann

: Stimmt, das ist toll.

Angele

: Also ich hab auch eine Liste mit unglaublich tollen Sätzen, wenn ich die nur fände.

Geisler

: Nehmen wir doch den Kakadu.

Fischer

: Ja, also Mosebach beschreibt über vier Seiten das Gefieder eines Kakadus, diese Stelle wurde schon weithin und völlig zu Recht bejubelt.

Dieckmann

: Da hat er auch kaum falsche Bilder, das ist ernsthaft eine gute Stelle. Aber darf ich Sie fragen: Was halten Sie von Bäumen, die „von den Lasten ihrer Laubmeere gebeugt“ sind? Steht auch noch auf der ersten Seite.

Fischer

: Jetzt hat die Duden-Redaktion ein schönes Belegwort.

Angele

: Wenn ich doch nur meine Liste fände!

Geisler

: Wir können natürlich jetzt keine Fahndung ausschreiben ...

Andreas Maier: Das Zimmer (Suhrkamp)

Geisler

: Andreas Maier lebt wie Mosebach in Frankfurt, und auch Maier ist ein Modernitätsverweigerer. Er beschreibt das Zimmer seines Onkels J., einer Figur, die wir schon aus anderen Texten des Autors kennen. Der Onkel lebt im hessischen Bad Nauheim, er ist eine Zangengeburt, ein bisschen zurückgeblieben, „im Paradies“, wie es heißt, und von der Familie so geduldet. Er wäscht sich selten. Eigen ist ihm die Schmerzfreiheit und ein mächtiger Sexualtrieb, dennoch ist er ein Mensch ohne Schuld. Der Ich-Erzähler blickt auf diesen Onkel mit einem Schrecken, er ist für ihn das „Urbild des Grauens“. Auf der anderen Seite ist da viel Empathie. Mit dieser Empathie werden seine Marotten geschildert, seine Liebe zu Ordnung und Unterordnung. Die Luis-Trenker-Filme, die Bergwacht.

 F

ischer

: Die schönste Stelle überhaupt, wenn der Onkel auf den Bildschirm zeigt und begeistert ausruft: „Eine Fünferseilschaft!“

Geisler

: Überhaupt ist der Onkel fasziniert von Technik aller Art. Die deutsche Vergangenheit ragt in diese Geschichte massiv hinein. Feldmarschall Rommel ist ein Held des Onkels. Die braune Vergangenheit stinkt überall ein bisschen durch in diesem Onkel, im Nazibraun seines VW Variants.

Fischer

: Der Onkel ist natürlich zuerst ein autobiografischer Aspekt für Maier, aber ihm gelingt beim Schreiben etwas ganz Großartiges: Er macht aus diesem persönlich erlebten und erlittenen Onkel einen Typus. Onkel J. ist plötzlich ein naher Verwandter der großen Sonderlinge der Literatur neben Oskar Matzerath, neben Steinbecks Lennie Small, neben dem Simplicissimus und dem Taugenichts. Es macht sehr viel Spaß, dieses traurige Buch zu lesen. Diese Stelle mit den Luis-Trenker-Filmen erzeugt eine absolut heitere Heimatstimmung. Maier trifft da genau den Ton zwischen unterhaltsamer Erinnerung und unangenehmer Traurigkeit.

Angele

: Es ist eine Traurigkeit, die gebrochen wird. „Mit einem Bein“ ist der Onkel eben im Paradies geblieben. Wir neigen manchmal dazu, über ihn zu lächeln, etwa wenn er umständlichst seinen VW aus der Garage fährt, aber es ist ein liebevolles Lächeln. Denn da ist dieses eine Bein. Herr Fischer, Sie haben ihn einen Typus genannt, aber er ist mehr: Er ist ein Medium der Weltwahrnehmung. Er ist keiner Schuld fähig und er hat in gewisser Weise kein Erinnerungsvermögen. Dadurch verwandelt er die Welt in den Stand der Unschuld zurück. Aber sie ist es natürlich nicht. Deswegen ist das braune Auto einerseits nicht ohne Bezug zum Nazitum zu denken, andererseits aber doch. An dem Onkel war nun einmal alles braun, wie es heißt.

Geisler

: Wenn eine Truppe durch die Straße zieht, etwa die Frei­willige Feuerwehr, dann läuft doch immer einer neben ihnen her, der mitpariert, mitgrüßt. Der alles nachmacht. Dieser Verrückte, dieser „Dorftrottel“, der da mitläuft, das ist der Onkel J.

Angele

: Exakt. Er hat nur verstärkt, was die anderen auch haben.

Geisler

: Genau, in ihren Sinnlosigkeiten und Dummheiten.

Angele

: Die anderen haben auch den Ordnungssinn, er hat ihn nur gesteigert. Die anderen haben auch den Sexualtrieb, er hat ihn nur gesteigert. Und so weiter.

Dieckmann

: Ach, die Jungs, die sich tierisch freuen! Ich will den begeisterten Lesern von Andreas Maier nichts unterstellen, aber ich bin komplett befremdet, denn dieses „immer ein bisschen leise lachen, ein bisschen schmunzeln“ tritt doch gar nicht ein. Man klopft sich auf die Schenkel.

Geisler, Angele

: Nein, nein!

Dieckmann

: Die Passage, wo er den VW vor die Garage fährt...

Angele

: Und dann ums Auto rumläuft, das ist so fantastisch.

Fischer

: Gleich auf Seite eins wird das Hauptmerkmal des Onkels genannt, sein Silage-Geruch. Und es ist, als habe Suhrkamp ein Duft­kissen zwischen die Seiten gelegt, beim Lesen entströmt dem Buch die ganze Zeit dieser säuerliche Geruch, das ist eine sagenhafte Schreibleistung, mit der sich Maier vom „Urbild des Grauens“ losgeschrieben hat. Er hat seinen Onkel J. jetzt uns übergeben, und es ist ...

Angele

: ... miefig und eng und trotzdem die einzige Möglichkeit, über die Heimat zu schreiben, so dass wir es akzeptieren.

Dieckmann

: Es scheint, als müsse Andreas Maier seiner Heimat eine Menge heimzahlen.

Fischer

: Ja ja, Thomas Bernhard und so weiter.

Dieckmann

: Thomas Bernhard absolut, er hat den Stil mehr oder minder kopiert, das machen ja sehr viele. In allen möglichen Variationen. Nichts dagegen. Aber ich fand die Stellen, wo es um Heimat geht, eine ziemlich laue Satire. Bad Nauheim, da geht man hin als Kurgast. Man lässt sich ein Glas Sprudel geben, aber nicht zu viel, genau abmessen, sonst fällt man um. Haha, kann ich da nur sagen.

Angele

: Sie können das nicht nur so für sich nehmen ...

Dieckmann

: Es geht doch um den Onkel J. Der interessiert mich wahnsinnig. Was ich dann aber merke: Der Roman ist denunziatorisch, verlogen. Weil er vorgibt, das zu schützen, worüber er sich erhebt und lustig macht. Er verhöhnt diesen Onkel. Und er gibt vor, Verhältnisse zu kritisieren, zum Beispiel die Schüler, die ihn verprügeln, mit denen er im Grunde aber gemeinsame Sache macht. Und es gibt den Onkel J., der imaginär immer mal wieder ein kleines Blutbad anrichtet. Die Szene in der Metzgerei: „... worauf er ein Maschinengewehr nimmt, aussteigt, zuerst alle im Metzgerladen erschießt und tötet und massakriert und dann läuft er noch in die Straße und erschießt die Vorbeikommenden und am besten gleich noch den ganzen Mühlweg, bis dort ein Leichenberg von 500 ­Personen liegt“. Erklären Sie es mir.

Fischer

: Das ist der Autor, nicht der Onkel, der sich ja nicht mal ansatzweise erklären kann. Der Erzähler hätte aber gern, dass er irgendwie handelt, deswegen hat er den Tagesablauf seines Onkels mit diesen Massakerminiaturen gegengeschnitten. Wenn Onkel J. also halbwegs normal gewesen wäre, wäre er eben eventuell Amok gelaufen. Natürlich ist das ein ganz krasses Bild, einverstanden. Das Ganze wird aber durch einen wichtigen Satz konterkariert, ich hab ihn jetzt vielleicht nicht ganz wörtlich: „Mein Onkel, das Tier, wie alle dachten, der Sehnsuchtsbolzen, wie ich heute denke.“

Dieckmann

: Das verstehe ich jetzt. Umso mehr ärgert mich dieses simple Klischee vom guten Idioten und vom Normalen: Hier die an­gepassten Schüler, die Eltern, die Freunde, die Arbeiter. Dagegen der gute Spasti ... Ich finde das ausgesprochen platt, harmlos, wären da nicht die pubertären Gewaltphantasien des Herrn Maier.

Angele

: Das sind Unterstellungen.

Geisler

: Ich denke sogar, der Autor selber ertappt sich da, denn er lässt den Narren reflektieren. Der ­Onkel ist auch eine Projek­tion des Autors. Da wird es dann etwas viel. Ein Behinderter und Zurückgebliebener, ein Idiot und Narr im literarischen Sinne, das sind zu viel Figuren, da wüsste ich gerne, wo will er hin? Es ­entsteht ein diffuses Bild. Und manchmal überfrachtet er sein Werk mit Binsenweisheiten. Die Welt, in der alles festgefügt war, steht da, und dennoch die „universalste Welt“. Sowas wird gern in der Literatur repetiert. Motto: Auch im Alltag spiegelt sich das All.

Dieckmann

: Viele Binsenweis­heiten, und alles verschwurbelt.

Angele

: Nochmal: Es ist ein Heimatroman, und ich glaube, Maier stellt sich kurz die Frage, wie kann ich über Heimat schreiben.

Fischer

: Das tut er seit zehn Jahren.

Angele

: Ja, das ist sein Thema. Nun hat er eine geniale Lösung gefunden, um über die Heimat so zu schreiben, dass es für Menschen, die ein gebrochenes Verhältnis zu ihr haben, erträglich wird. Die Friedhofszene, das ist Heimat. Das Paar, das nett ist zum Onkel, man kennt sich, und sobald er sich umgedreht hat, sagen sie: dieser Idiot.

Dieckmann

: Das ist platte Satire.

Angele

: Das hat doch mit Satire nichts zu tun. Es geht eher ins Märchenhafte, wenn man schon ein Genre bemüht. Die Amokstelle ist eine Märchenstelle. Das ist verkehrte Welt, bedeutet: Alle, die da sind, müssen weg.

Geisler

: Heimat bedeutet ja auch Provinzen, die von Judith Zander und die von Maier. Die haben ihre eigene Ödheit, und das ist hier eine Öde mit Ortsumgehung.

Angele

: Das Motiv der Ortsumgehung ist doch sensationell. Was ist Provinz heute? Ein Ort mit einer Ortsumgehungsstraße. Großartig.

Dieckmann

: Ich finde, daraus ­lernen wir, dass Literatur einen erwischen muss. Ich hab selber starke Aggressionen gegen dieses Buch. Ich fühle, dass Maier mit ­einer völlig regressiven Empfindung spielt und dass dieser Onkel J. eine Figur ist, auf die ein kolonialistischer Blick fällt. Er ist der ­treudoofe Wilde, der triefend sentimental betrachtet wird: „Die Traurigkeit und Hilflosigkeit in den schwarz-grauen Augen meines Onkels“ ...

Fischer

: Was in diesem Heimatroman übrigens nicht ausgestaltet wird, ist der Katholizismus des Onkels. Ich hätte das eigentlich erwartet, wenn es schon erwähnt wird, aber Das Zimmer ist ja der Auftakt zu einer Familiensaga, die angeblich elf Bände umfassen wird, also vielleicht kommt da noch was.

Geisler

: Dann sind wir durch.

Dieckmann

: Herr Angele, hat sich inzwischen eigentlich Ihr Zettel mit den schönsten Mosebach- Stellen wieder angefunden?

Angele

: Ja.

Frank Fischer ist Herausgeber des Feuilletonblogs Der Umblätterer. Zuletzt erschien von ihm Die Südharzreise (SuKuLTuR Berlin). Literaturtipp: César Aira Gespenster (Ullstein). Spuk im Hochhaus: Eine Silvesterfeier in einem Rohbau in Buenos Aires. Ältere Erzählung von Aira, nun auf Deutsch, schwungvoll übersetzt von Klaus Laabs.

Dorothea Dieckmann ist Schriftstellerin, arbeitet zudem als Kritikerin (u.a. für NZZ, Zeit, FAZ und Rundfunk). Zuletzt erschien der Roman Termini (Klett-Cotta). Literaturtipp: Martin Kluger Abwesende Tiere, (DuMont). Endlich als Taschenbuch. Kluger führt uns in die Parallelwelt des Berliner Zoos und versetzt uns zugleich in einen Leserausch.

Michael Angele ist seit März 2009 Redakteur im Kulturteil des Freitag. Literaturwissenschaftler, erste veröffentlichte Rezension 1998 in der NZZ, letzte im Freitag vom 2. September. Literaturtipp: Arno Camenisch Hinter dem Bahnhof (Urs Engeler Editor). Über eine Jugend im Dorf, unter Rätoromanen, lakonisch und sprachgewitzt erzählt.

Magdalene Geisler bloggt beim Freitag als Magda. 64 Jahre alt. Sozialisierung Ost. Journalistin in Pension mit Interesse für Politik und Welttheater. Interessiert am Lesen und Schreiben. Literaturtipp: Thomas Pynchon Die Enden der Parabel. Die Mitglieder der Freitags-Community teilen gegenwärtig dieses Buch wie ein Schicksal: spannende, verwirrende Lektüre.

09:15 30.09.2010

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