Literatur im Zeichen des Burn-Out

Systemkritik "Sickster": Thomas Melle schreibt einen furiosen ­Roman über junge Leute, die erst in der Anstalt wieder kreativ ­werden können

Endzeit, Jetztzeit, Auszeit. Die Zeit läuft ineinander. Vergangenheit und Zukunft knüllen in einem kompakten Brei. „Die Zeit titscht hektisch durch ihre eigene Kugelform und wird seekrank dabei.“ Da bleibt wenig Absprungbasis im Jetzt. Für die Generationen, die mit dem Slogan „Was Du wirklich willst, kannst Du erreichen“ aufwuchs, ist die Form inzwischen einigermaßen widerlich. Nur noch einige wollen hineinschlüpfen in diesen zähen Moloch. Und auch, wer das schafft, muss die Erfahrung, gebraucht wird, wer sich einpasst, erst verarbeiten. Das gelingt nicht immer und hinterlässt Spuren. Im Selbstwertgefühl, bei den Idealen, den Lebensweisen, den Gepflogenheiten im Umgang miteinander. Bei denen, die es scheinbar schaffen, beim mitgeschleiften Rest sowieso. Sie kippen in verschiedenen Richtungen ins Aus: enttäuschte Ideale, nicht gehaltene Versprechen, angepasste Jobs, wo doch das nie Dagewesene angedacht war. Desillusionierung. Gleichgültigkeit. Leere. Alkohol, Drogen, liebloser Sex, Krankheit.

Gähnen in St. Moritz

Thomas Melle versucht, diesen Sondierungsprozess in seinem Buch Sickster nachfühlbar zu beschreiben. 1975 in Bonn geboren, studierte er vergleichende Literaturwissenschaft und Philosophie in Tübingen, Austin (Texas) und Berlin, schrieb Stücke wie Haus zur Sonne oder Das Herz ist ein lausiger Stricher, debütierte 2007 mit dem Erzählungsband Raumforderung und beeindruckt mit einer ebenso radikalen wie gefühlsgenauen Sprache, die kleinste Regungen, scheinbar unbedeutende atmosphärische Veränderungen in ungewohnt vielschichtige Bilder packt. Sanft, derb, direkt erfasst er so Stimmungen, Zweifel, Sehnsüchte, Abstürze, vor allem aber die schleichenden Übergänge. Sie machen aus denen, die eben noch an den Hebeln einer zerstörerischen Diktatur der Waren – in diesem Falle des Öls – fuchtelten, in Anzug und Krawatte die Urbilder erfolgreichen Managements darstellten, an sich selbst und ihren Jobs zweifelnde und schließlich verzweifelnde Verlierer.

Junge Leute, deren „geistige Karriere ...schon weit vor dem Abitur in Zynismus und Saturiertheit endete: been there, done that, Gähnen in St. Moritz, Kotzen in Florida ...“ fallen auf einen seit Ewigkeiten für sie vorgesehenen Platz, beneidet von denen, die dazu gehören wollen, sich anstrengen, aufsteigen. Thorsten Kühnemund und Mag­nus Taue gehören zu denen, die aufsteigen wollen.

Sie sind zwei von drei Hauptfiguren in Melles Roman, die sich aus einem Bonner Gymnasium kennen. Sie treffen sich in einem Ölkonzern wieder. Oben, in der Chefetage angekommen, dort, wo man die Umsätze plant, die Formeln ausgibt, nach denen der Betrieb läuft. Schneller. Höher. Weiter. Mehr. Mehr. Mehr. Der eine ein skeptischer Idealist (Magnus Taue) mit verachteten 68er-Eltern, der andere ein forscher Macho unter Erfolgsdruck (Thorsten Kühnemund). Der eine diktiert, der andere notiert, beide fühlen sich unwohl. Fremdbestimmt. So wie viele ihrer Generation. Die, die gar nicht erst hineinkommen in die verharschten Strukturen ebenso wie die, die sich – egal an welchem Platz – als Rädchen sehen, als Geschmacksverstärker einer Warenwelt, die sie zwar mit ausgestalten, aber nicht bestimmen. Sie können mit den Begriffen Oben Unten Links Rechts nichts mehr anfangen, sie sehen sich nur noch als Helden oder Loser. Leben im Rausch des Erfolgs oder Misserfolgs. Das von Mediennormen und Superidolen überschwemmte Gehirn sucht Beistand nicht bei seinesgleichen, sondern in den Räumen des WWW.

Burn Out

Der Autor nähert sich seinen Figuren wie ein Arzt: erster Eindruck, Anamnese, Symptombeschreibung, Untersuchung, Tiefencheck. Diagnose. Therapieansätze und deren Umsetzung. Er widmet seinen Figuren jeweils eigene Kapitel, in denen ihr persönliches Umfeld, ihre Wünsche und Träume und die Sicht auf das Leben ausgebreitet werden, bevor die sozialen Konflikte sie durchschütteln. Der Leser gewinnt so einen gewissen Abstand. Denn erst in dieser Draufsicht entpuppen sich drei individuelle Schicksale als Generationen typisch – burn out. Melles Figuren ersticken an Selbstverachtung, obwohl ihnen die Türen offen stehen.

Sie empfinden ihre Welt als zunehmend irreal, als immer schneller drehendes Karussell, aus dem man jederzeit herausgeschleudert werden kann, dahin, wo keine Zukunft mehr ist. Sie kreisen um eine nur von Internetreizen durchbrochene Ödnis, suchen die virtuelle Welt in der Realität, taumeln bei ihrer vergeblichen Suche durch die Jetztzeit, bis der Kopf den ständigen Wechsel nicht mehr bewältigen kann. „Das Internet hatte sich umgestülpt. Es war aus seinem Computer ausgebrochen, hatte den Boden unterwandert ... legte sich über die Stadt; Straßenzüge voller Links, Hypertexte, Werbebanner, Pseudonyme stürzten auf ihn ein ... Alle Vergleiche waren erhitzt durch Wirklichkeit. Der Boden wurde weich wie Glibber. Es war etwas passiert. Er war passiert ...“

Laura, die Freundin von Thorsten, dann auch von Magnus – dritte Person im Figurenensemble, – übersteht schon die Uni nicht unbeschadet, sucht Hilfe. Vielleicht die Einzige, für die es Hoffnung gibt. Rechtzeitig geplatzte Illusionen verhindern unheilbare Infektionen.

Verlorene Generationen sind ein dankbares Thema, von Autoren wie Hölderlin, Hemmingway oder Kafka beschrieben. Die literarischen Zeugnisse der Vergangenheit korrespondierten in der Regel mit sich anbahnenden gesellschaftlichen Umbrüchen. Melle aber hebt diese Regel in einen ständigen Kreislauf, Umbrüche in Permanenz. Ständige kleine Eruptionen, die keine Zeit für Positionierung lassen. Menschen, Verhältnisse als Wegwerfware, Tagesverfall eingeplant, jederzeit austauschbar, „Panik kroch seine Brust hoch, tausendfüßig, kleinteilig, wie ein Heer aus Blattläusen“.

Nicht auf den Müllhaufen

Wir erleben es in der Finanzwelt. Erkenntnisse, unverrückbar weil wahr, im Stundentakt ad absurdum geführt, nächste Wahrheit her, gleiches Verfallsdatum. Tag für Tag. Junge Leute auf den Straßen, für eine längerfristige Perspektive. In der arabischen Welt heißen sie Revolutionäre, in Spanien kämpfen sie um eine angemessenen Job, in Großbritannien heißen sie Mob. Überall aber geht es darum, nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte zu landen. Die scheinbar unverrückbaren Gesetze der jeweiligen Gesellschaften zu durchbrechen.

Melles Figuren agieren in Berlin. Sie fühlen sich längst wie durchgekaut und ausgekotzt. Torkeln durch die Clubs, clubbing on tour, Bettenhopping ohne Lust, sie betäuben ihre bisherige Sucht Kapitalvermehrung mit Alkohol, immer mehr, immer öfter, nüchtern geht nichts mehr. Dann Drogen, erst weiche, später harte, dann alles zusammen. Ihr Leben verlagert sich in die Fiktion. Sie werden zu Schatten ihrer bisherigen Existenz, ohne Bindung, auf der Suche nach einem Sinn trudeln sie ins Nichts. Bis die Außenwelt sie aussortiert. In die Methadon-Abhängigkeit, in die Anstalt. In die Isolierung.

Was aber ist Irresein? Wer ist normal, wer irre? Alles mitmachen ist normal, das Leben nicht aushalten und betäuben irre? Sagen, was man denkt, auch wenn es den Mainstream infrage stellt, ist das irre? Schreien dürfen? Schwächen zugeben, irre?

Melles Figuren sind in der Anstalt endlich wieder kreativ. Sie nutzen alle ihnen anerzogenen Verhaltensweisen, alle Fähigkeiten, ihr unterfordertes innovatives Potential und werden auf sehr eigenwillige Weise aktiv. Der Autor lässt seine Figuren kurzzeitig die Rollen tauschen: Die Depressiven verbreiten Angst.

Dieses Romandebüt hat nicht nur Überzeugungskraft und eine ganz eigene Sprache, es entblößt nicht nur seine Figuren, sondern das System, in dem sie agieren, dem sie dienen und das sie erbarmungslos zerstört, als ihr Nutzen infrage steht.


Sickster Thomas Melle Rowohlt Berlin, 333 S., 19,95

Regina General schrieb lange Jahre als Redakteurin für den Freitag und die Vorgängerzeitung Sonntag

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14:00 04.10.2011

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