Literatur macht Arbeit

Poetik Iuditha Balint versammelt Stimmen, die von der Plackerei beim Schreiben berichten
Literatur macht Arbeit
Seit jeher ist das literarische Schreiben nicht nur Kommunikation über Arbeit, sondern Arbeit selbst

Foto: John Sadovy/BIPs/Getty Images

Arbeit, sagt der Volksmund, ist das halbe Leben. Literatur, sagt der Literaturbetrieb, erzählt das ganze. Sollte beides stimmen, ließe sich das schnell zusammenrechnen: Bücher müssten mit einer Menge Arbeit gefüllt sein.

Sind sie aber nicht. So wird zumindest behauptet, seit Walter Jens 1960 in einer schmalen Antwort auf eine Umfrage wie beiläufig eine nachhallende These platzierte. Die Gegenwartsliteratur, schrieb Jens, „beschreibt das Individuum, das es sich leisten kann, Gefühle zu haben, den Menschen im Zustand eines ewigen Feiertags, den Privatier für alle Zeit.“ Arbeit sei kein Thema in der Literatur.

So absolut griff die These schon damals nicht. Sie hatte etwas von einem Klischee, einem Klischee mit Scheuklappen sogar, hinter denen etwa ein Teil der DDR-Literatur verschwand. Aber sie stimmte in ihrer Tendenz. Und sie passte in eine Zeit, in der im Osten (Bitterfelder Weg) und im Westen (Gruppe 61) Foren für eine Literatur der Arbeitswelt entstanden. Das Statement wurde derart oft zitiert, dass es zum Monument wuchs, an dem auch die Einleitung des Bands Arbeit am Text nicht vorbeikommt, in der sich die Herausgeberin Iuditha Balint folgender Frage annähert: Wo und was ist Arbeit in der (Gegenwarts-)Literatur? Bis heute gebe es eine Schieflage zwischen einer Unmenge von Werken, „deren Inhalte sich um das Thema Arbeit formieren“, und einem Unmut in Literaturwissenschaft und -kritik, dass Arbeit nicht thematisiert werde. Das könne „mit bestimmten Vorstellungen darüber zusammenhängen, was Arbeit (und auch Nicht-Arbeit) ist und wie literarische Darstellungen von Arbeit beschaffen sein sollten“. Klar ist: Die klassische Maloche, im Idealfall von einem männlichen Proletarier unter Tage ausgeführt, ist ein schrumpfender Bereich eines vielfältigen Begriffsfelds. Denn mit der Entgrenzung der Arbeit hat sich auch der Begriff entgrenzt.

In diesem Sinne ist das literarische Schreiben nicht nur Kommunikation über Arbeit, sondern auch Arbeit selbst. Eine sehr eigenartige Arbeit, der man die Anstrengung (im besten Fall) nicht ansieht. Das ist eine der Thesen, die sich durch die drei Poetikvorlesungen zieht, die hier versammelt sind.

Den Auftakt macht Jörg Albrecht, literarischer Tausendsassa und Gründungsdirektor des Center for Literature auf der Burg Hülshoff. Sein Essay The artist was present ist der wildeste Text des Bandes. Er springt auf wortspielerischen Assoziationsketten durch Metaphern- und Fiktionalitätstheorie, verweist auf Albrechts Romane und zeigt einen Autor bei einer schweren Arbeit: dem konzentrierten Sich-forttreiben-Lassen. Das passt zum Kernthema des Texts: Jede Geschichte, sei es eine „reale“ oder eine „fiktive“, ließe sich auch anders erzählen, sollte, so eindeutig sie auch tut, unsicher bleiben, wird in ihrer Souveränität von „Abermillionen Querverbindungen“ angegriffen, von „anderen Geschichten anderer Menschen, die ins Zentrum der einen Geschichte schießen könnten“. Diese Idee verbindet Albrecht mit einer Kritik am vorherrschenden „Primat des Neuen Erzählens“, das davon ausgehe, die Wirklichkeit in eine einfache Story und eine verständliche Sprache packen zu können. Die große Stärke der Literatur sei das Gegenteil: Nur sie könne Bilder zeichnen, „die die Wirklichkeit besser heraufbeschwören als die Wirklichkeit selbst. Weil sie Lücken lassen.“

Albrechts Text lässt eine angenehme Spannung zur zweiten Vorlesung entstehen, die Kathrin Passig mit Das Leichte und das Schwere überschrieben hat. Passig, vielfältige Sachtextautorin, schlägt einen ganz anderen Ton an, mäandert weniger, ist weniger theoretisch. Sie beschreibt ihr Schreiben. Als Arbeit, die hart wie Steineklopfen sein kann und deswegen zu Ausweichbewegungen führt, zu Prokrastination, die sich nicht wie Arbeit anfühlt, an deren Ende aber des Öfteren ein beeindruckendes Nebenbei-Ergebnis steht.

Das Mantra des Sei-Du-Selbst

Jonas Lüscher, in Zürich geboren und in München wohnhaft, bewegt sich mit Die Furcht vor dem Schreiben zwischen den beiden anderen Poetikschnipseln. Wie Passig schreibt er über Prokrastination und „das Anhäufen und Abtragen von Arbeitsschulden“, wie Albrecht über die unabänderliche Tatsache, „dass wir […] bei jedem geschriebenen Satz fürchten, sein Gegenteil könne genauso wahr sein.“ Deutlicher als die beiden anderen kommt er dabei von der „Arbeit an der Literatur […] zur Arbeit in der Literatur“. Ihm ist bewusst, dass er als einer der Arztsöhne, über die Florian Kessler in seinem viel diskutierten Zeit-Artikel Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn 2014 schrieb, kein authentischer Unterschichtserzähler sein kann. Das will er auch nicht, sondern „Kapitalismuskritik durch einen distanzierten, ironischen Blick auf die intellektuellen Apologeten der entfesselten Märkte“ üben.

Das klingt simpler, als Lüschers Bücher es zulassen. Zum Glück. Die Vorlesungen, ursprünglich an der Universität Duisburg-Essen gehalten, sind ein Indiz dafür, dass sich mit der Politisierung des literarischen Felds auch die Poetik politisiert. Dass das hier am Thema Arbeit durchexerziert wird, ist deswegen wichtig, weil sich Kritik an der neoliberalen Arbeitspraxis quer durch die Fronten zieht. Eine Trennlinie liegt allerdings in der (Un-)Sicherheit der literarischen Betrachtung. Mit Albrecht gesprochen: Die „Reduktion durch das neoliberale Mantra des Sei-Du-Selbst“ ist genauso literaturfeindlich wie „das neonazistische Mantra des Wir-sind-das-Kartoffel-Volk“.

Längst nicht alle Ecken des Begriffsfelds, das die Einleitung vorstellt, werden in Arbeit am Text ausgeleuchtet. Der wichtige Komplex Arbeit und Familie etwa kommt gar nicht vor. Ein lesenswerter Impuls ist der Band trotzdem.

Info

Arbeit am Text Iuditha Balint (Hg.), Verbrecher Verlag 2020, 180 S., 18 €

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06:00 01.08.2020

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