Roadtrip statt Suizid

Literatur Ronja von Rönnes „Ende in Sicht“ überzeugt auch ohne Hinweis auf die Depressionen der Autorin

Blurbs sind ein leidiges Geschäft. In dem Maße, wie sich im 20. Jahrhundert die Praxis etablierte, die Buchrücken literarischer Werke mit lobenden Zitaten auszustatten, gerieten solche Empfehlungen in den Verdacht, bloße Rhetorik zu sein. Diese Auffassung vertrat schon George Orwell, als er 1936 bemerkte, dass sich der Satz „If you can read this book and not shriek with delight, your soul is dead“ so oder so ähnlich mittlerweile auf jedem Buchrücken finde. Blurbs beruhen auf einer reziproken Praxis: Alle sind darauf angewiesen, sie zu bekommen, fast alle müssen irgendwann selbst einen schreiben.

Die besten Blurbs sind deshalb solche, die gar keine sein wollen. In Ronja von Rönnes neuem Roman Ende in Sicht befinden sich die Empfehlungen der Schriftstellerkollegen nicht auf dem Buchdeckel, sondern im Inneren des Buchs, auf der ersten Seite. Sie sind scheinbar bloß für solche Leser verfasst, die den Roman ohnehin schon gekauft haben. Sie wollen keine Werbung sein. Der erste Blurb stammt von Benjamin von Stuckrad-Barre: „Wenn Ronja von Rönne mal wieder sterben will, ruft sie entweder mich an – oder schreibt ein großartiges Buch. Jetzt habe ich schon länger nichts von ihr gehört.“ Der zweite Blurb, von Martin Suter, lautet: „Das wollte ich doch sagen, Benjamin.“ Bezeichnenderweise sind die Verfasser dieser Sätze exakt die Personen, denen der Roman gewidmet ist. Und vor allem: Nur mit deren Unterstützung wurde er laut Rönne geschrieben.

Freche Kolumnen im Ich-Stil

Bemerkenswert ist dieses paratextuelle Setting aus zwei Gründen. Zum einen verweist die Intimkommunikation zwischen der Autorin und ihren Lobrednern, die zu den Inhalten des Romans gar nichts mehr sagen, auf einen Umstand, der bisher in keiner Rezension unerwähnt blieb: So wie die beiden Protagonistinnen von Ende in Sicht, Juli und Hella, litt auch Rönne unter Depressionen und suizidalen Gedanken. Zum anderen präsentiert sich der Roman als Produkt des freundschaftlichen Austauschs über diese Depression. Aus dem Anruf bei „Ben“, der seine eigene Depression ebenfalls publik machte, ist Literatur geworden. Damit wiederholt die kolportierte Entstehungsgeschichte des Romans, was Juli und Hella in der Geschichte widerfährt. Beide haben beschlossen, zu sterben – die 69-jährige Ex-Schlagersängerin Hella mithilfe des Schweizer Vereins Dignitas, die 15-jährige Juli durch einen Sprung von der Autobahnbrücke. Doch nachdem Juli auf Hellas Motorhaube landet und die beiden ihre Reise gemeinsam fortsetzen, beginnen sie jeweils, an ihrem Vorhaben zu zweifeln.

Dass die Nähe der Autorin zu ihren Figuren derart überbetont wird, ist angesichts des Werdegangs von Rönne kaum überraschend: Nachdem sie 2015 mit 23 Jahren von der Bloggerin und Studentin für kreatives Schreiben zur Feuilleton-Redakteurin der Welt befördert wurde, fiel sie dort vor allem mit stark subjektiv gefärbten Texten auf. Rönne steht prototypisch für eine neue Mode des Ich-Sagens im Journalismus, die vornehmlich deshalb Aufsehen erregte, weil es seit etwa 2010 überwiegend junge Frauen waren, die mit provokanten, großspurigen Texten an die Öffentlichkeit traten. Dass sie bei der Welt für ebendiese Rolle gebucht worden war und es – insbesondere nach dem Wirbel um ihren Text Warum mich der Feminismus anekelt – schwer war, sich davon zu lösen, hat Rönne selbst reflektiert, als sie die Zeitung 2017 verließ.

Mit ihrem neuen Roman hat sie sich bewusst für eine andere Stillage entschieden. Während ihr Debüt-Roman Wir kommen (2016) von den Feuilletons noch für seinen betont gelangweilten und flapsigen Stil verrissen wurde, ist Ende in Sicht im Ton sehr viel reduzierter. Die Dialoge zwischen Hella und Juli zeugen – gerade weil die beiden oft aneinander vorbeireden – nicht nur von einem guten Gespür für Komik, sondern vermitteln auf subtile Weise auch die Notlage der beiden Figuren. Zwei depressive Frauen auf einen Roadtrip zu schicken, erweist sich als gut gewähltes Sujet. Denn die Erlebnisse während der Reise – darunter eine heimliche Übernachtung im Thermalbad, ein Besuch im Altenheim und ein Dorffest, bei dem die betrunkene Hella auf der Bühne singt, während Juli eine Romanze erlebt – machen den Entwicklungsprozess von Hella und Juli nachvollziehbar, ohne dass der Roman in Trivialpsychologie abgleitet.

Ende in Sicht ist ein melancholischer, humorvoller, leichtgängiger Roman. Dass er mit dem Hinweis auf die realen Depressionen seiner Verfasserin beworben wird, hat er eigentlich gar nicht nötig. Fast hat man den Eindruck, als bestünde die Sorge, der Roman würde ohne diese Vermarktungsstrategie auf weniger Resonanz stoßen. Dabei kann man ihn einfach als Literatur lesen – und gerade deshalb sehr gut finden.

Info

Ende in Sicht Ronja von Rönne dtv 2022, 256 S., 22 €

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