Literaturagenten

Sachbücher „Zum Töten bereit“ ist einer von vielen Texten über Salafismus. Oft arbeiten die Autoren beim Verfassungsschutz

Salafisten und dschihadistische Kämpfer verteufeln den „westlichen“ Lebensstil. Youtube, Autos und Tiefkühltruhen nutzen sie trotzdem. Deutsche Dschihadisten in Syrien drehen Hinrichtungen und singen selbst gemachte Hymnen. Zwar ist Musik haram, verboten. Die neuen Kampf-Naschids jedoch sind halal, also islamisch korrekt. Und so rauschen sie in allen europäischen Sprachen durch die sozialen Netzwerke. Was bringt deutsche Jugendliche dazu, sich der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen? Und wer sind die, die sie dazu verführen? Die Lektüre von Lamya Kaddors Buch Zum Töten bereit zeigt: Es ist auch ein Generationenkonflikt, der sich hier Bahn bricht.

Seit Jahren unterrichtet die Islamwissenschaftlerin Religion in Dinslaken. Fünf ihrer Schüler schlossen sich im vergangenen Jahr der „Lohberger Brigade“ an, die mit 20 Dschihadisten in Syrien vertreten ist. In Zum Töten bereit erzählt Kaddor, was die Jugendlichen aus dem Dinslakener Stadtteil dazu trieb – und dass glücklicherweise vier zurückkehrten, nur noch einer hängt „dem Irrglauben an“. In gut lesbaren Essays zeichnet sie die Soziogramme der Familien, der muslimischen Communitys in Deutschland und der Mehrheitsgesellschaft.

Ein Gutteil der in den 60er Jahren in Dinslaken-Lohberg als Arbeiter angeworbenen türkischstämmigen Bevölkerung pflegt ein konservatives Islamverständnis und – nach den Unterrichtserfahrungen Kaddors – einen Erziehungsstil, der auf Gehorsam, Unterwerfung und Furcht setzt. Die Barmherzigkeit Gottes, die die Religionslehrerin in den Mittelpunkt stellt, sei ihren Schülern, die sich zumeist als „religiös“ bezeichnen, unbekannt: „Für sie ist Gott ausschließlich strafend und nicht gerecht.“ An ihre Religiosität, ihre Enttäuschungen und Ausgrenzungserfahrungen knüpfte 2012 ein junger Salafist aus dem Ort an. Er klärte sie über den „wahren“ Islam auf, vermittelte ihnen Wertschätzung und versprach eine Gemeinschaft unter „Brüdern“.

Inzwischen sind zwei der Lohberger tot. Kaddor geht mit allen ins Gericht: mit Eltern, die für die emotionalen Defizite dieser Kinder verantwortlich sind, mit dem Staat, der den islamischen Religionsunterricht zu organisieren hat, und mit den Moscheen, die immer noch die religiösen Bedürfnisse ausschließlich der ersten Gastarbeitergeneration bedienen. Auch die muslimischen Dachverbände bekommen ihr Fett ab. Zu monolithisch sei ihr Islamverständnis, und die Distanzierungen vom Salafismus seien wenig glaubwürdig.

Stefanie Schoene ist Islamwissenschaftlerin und Turkologin

Kaddor ist nah dran an diesem verstörenden neuen Jugendprotest. Das unterscheidet ihr Buch von den etwa zwei Dutzend anderen Salafismusmonografien, die sich derzeit auf den Büchertischen stapeln. Der Publikationsfleiß von Arabisten, Islamwissenschaftlern und Turkologen ist enorm, zumal es zahlenmäßig um eine recht kleine Gruppe von ungefähr 5.000 Salafisten geht.

Doch der 11. September 2001 katapultierte die bis dahin so beschaulichen orientalistischen Orchideenfächer in das neue Jahrtausend. 2002 erhielt das Bundesinnenministerium aus dem Antiterrorpaket 350 Millionen Euro für die zusätzliche Bekämpfung des „religiösen Extremismus“. Damit stieg die Nachfrage nach Islamexperten. Allein der bayerische Verfassungsschutz (VfS) suchte für 50 neue Stellen gezielt nach Islamwissenschaftlern, ebenso wie Berlin, Brandenburg, Hessen, Hamburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Schleswig-Holstein richtete ein eigenes Referat Islamismus mit 15 Stellen ein. Auch der VfS Baden-Württemberg warb bereits 15 neue Islamwissenschaftler an und sucht seit Februar 2015 nochmals die gleiche Anzahl.

Die Autoren der meisten dieser Neuerscheinungen kommen aus dieser Generation, die nach 2001 einen orientalistischen Abschluss machte und mithilfe des Bundesinnenministeriums promoviert. Das umfangreichste dieser Bücher, Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam, versammelt elf deutsche Islamwissenschaftler. Sechs von ihnen sind hauptamtlich für verschiedene Sicherheitsbehörden tätig. Ihre Aufsätze arbeiten das Who’s who des historischen und gegenwärtigen Salafismus ab, da darf der Stammvater der Salafisten, Ibn Taimiyya (1263 – 1328), nicht fehlen. Dessen rigorose Abrechnung mit den unorthodoxen muslimischen Mongolen, die seinerzeit Bagdad, das geistig-kulturelle Zentrum der islamischen Welt, dem Boden gleichmachten, ist den Salafisten bis heute theologische Richtschnur für den Umgang mit „falschen“ Muslimen. Ibn Taimiyya bescheinigte den Mongolen mit einer Fatwa, keine Muslime zu sein, sie tränken Alkohol und führten in ihrem Heer christliche und heidnische Krieger mit. Der offensive Dschihad gegen sie sei Pflicht.

Chronologien, Biografien

Taimiyyas Theologie konzentriert sich auf die Zeit der salaf, auf die muslimische Urgemeinde und die ersten drei Generationen nach Muhammad. Er lehnt eine metaphorische Interpretation des Koran ab. Seine Schriften werden bis heute in einschlägigen Chatforen diskutiert. Auch der zweite wichtige Vordenker des modernen Salafismus bekommt seinen Auftritt in den Monografien: Abd al-Wahhab (1703 – 1792), Gründer der saudischen Dynastie und erklärter Fan Ibn Taimiyyas. Er vertrat einen kompromisslosen Monotheismus und bekämpfte Schiiten und Sufis. Wenn der IS „falsche“ Muslime hinrichtet und schiitische Heiligtümer in Schutt und Asche legt, führt er dessen Erbe fort.

Das zu wissen ist wichtig, aber anders als bei Kaddor gewinnt hier und in anderen Bänden der sicherheitspolitische Aspekt die Oberhand. Der Leser quält sich durch Chronologien des Terrors und durch die Biografien wichtiger Salafisten. Für die Festsetzung von Aus- und Einreiseverboten mögen solche Bewegungsprotokolle wichtig sein, doch im Umgang mit der neuen Protestform sind sie wenig hilfreich. Es fehlt zumeist die Analyse.

Die bieten eher der Religionspädagoge Rauf Ceylan und der Islamwissenschaftler Michael Kiefer in ihrem Buch Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention. Die beiden liefern nicht nur eine an Max Weber geschulte Soziologie des politischen Islam. Sie warnen zudem vor einer „Versicherheitlichung“ des gesamten Islamdiskurses und raten Kommunen zur Präventionsarbeit und engen bürgerschaftlichen Zusammenarbeit mit ihren Moscheegemeinden.

Bücher

Zum Töten bereit. Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen Lamya Kaddor Piper 2015, 249 S., 14,99 €

Salafismus. Auf der Suche nach dem wahren Islam Behnam T. Said, Hazim Fouad (Hg.), Herder 2014, 528 S., 24,99 €

Salafismus. Fundamentalistische Strömungen und Radikalisierungsprävention Rauf Ceylan, Michael Kiefer Springer-Verlag Heidelberg 2013, 170 S., 19,99 €

06:00 02.03.2015
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