Little & Big Brother

Telekom Kein Unfall - die Telekom erliegt der digitalen Versuchung

Die Woge der Empörung, die seit einer Woche die Republik ergreift, ist gewaltig: Mit der Telekom hat einer der größten deutschen Konzerne jahrelang nicht nur Journalisten, sondern auch eigene Manager und Aufsichtsräte bespitzeln lassen. Schon werden Nebelkerzen gezündet, wenn etwa Ex-BDI-Chef Hans-Olaf Henkel - ein bekannter Vorkämpfer für die Freiheit der Wirtschaft - das Vorgehen der Telekom mit den "Stasi-Methoden der DDR" vergleicht, weil die mit der Bespitzelung beauftragte Berliner Detektei von ehemaligen Stasi-Mitarbeitern gegründet wurde. Damit suggeriert Henkel, das Unheil sei zu einem guten Teil aus den Tiefen der Vergangenheit in die eigentlich respektable bundesrepublikanische Wirklichkeit eingebrochen.

Andere beeilen sich, auf die moralische Verfehlung der früheren Telekom-Bosse hinzuweisen. "Kriminell werden Personen, nicht Unternehmen", sekundiert die FAZ. Die Stoßrichtung ist offensichtlich: Der Telekom-Skandal soll zum Unfall umgedeutet werden, damit der systemimmanente Defekt der "Informationsgesellschaft" gar nicht erst thematisiert wird, denn die hat die Möglichkeiten für Unternehmen, als "Little Brother" dem "Big Brother" Staat nachzueifern, erst hervorgebracht. Mit dem Einzug der Computertechnik haben vor Jahrzehnten fast alle Arbeitsvorgänge einen digitalen Schatten erhalten: Kommunikation und Dokumente innerhalb von Unternehmen, Nachrichten an Außenstehende, aber auch die Steuerung von Produktionssystemen werden als Daten gespeichert - und lassen sich im Prinzip jederzeit für andere Zwecke auswerten. "Das Geschäft mit Überwachungssoftware boomt", sagt Carsten Rau von der Saarbrücker Firma Protectcom, die Produkte mit vielsagenden Namen wie Orvell Monitoring anbietet. Mit diesem Programm lassen sich im 30-Sekunden-Takt Bildschirmfotos von Firmenrechnern machen, um detailliert zu dokumentieren, womit sich Mitarbeiter an ihrem Arbeitsrechner beschäftigen.

Was dieser Branche jährlich zweistellige Wachstumsraten beschert, das ist zuvörderst eine latente Paranoia im Sog des 11. September 2001. Die jedoch geht mit der Angst von Unternehmen einher, im brutalen globalen Wettbewerb durch firmeninterne Informationslecks zurückzufallen. Genau hier ist auch der Telekom-Skandal zu verorten.

Der dürfte sich indes noch bescheiden gegenüber einem neuen Trend ausnehmen, den man "digitalen Taylorismus" nennen könnte. Der Amerikaner Frederick Taylor hatte Anfang des 20. Jahrhunderts das umstrittene Konzept der "wissenschaftlichen Betriebsführung" kreiert: Arbeitsabläufe in Fabriken wurden in Zeitstudien vermessen und standardisiert, um der Produktivität der Arbeiter einen Schub zu verpassen. Galt das Konzept eigentlich als überholt, erlebt es in der vernetzten Ökonomie der Gegenwart eine Wiederkehr. Hier liegen nämlich die Work Flows - die Abfolge von Arbeitsvorgängen - als Datensätze vor. Was liegt näher, als mit Hilfe der Unternehmenssoftware, die jene Work Flows verwaltet, diese auch zu analysieren? Vordergründig geht es um stetig verbesserte Abläufe, doch lassen sich aus diesen Daten auch Leistungsprofile von Mitarbeitern erstellen, um etwa Gehaltsverhandlungen zielstrebiger führen zu können.

Wie sich das weiterdrehen lässt, zeigt die Call-Center-Branche. Für die offeriert der israelische Weltmarktführer Nice Systems die Software NICE Perform, die unter anderem ein "Emotion Detection"-Modul des Programms enthält, das dank maschineller Spracherkennung den Tonfall eines Telefonats zwischen dem Call-Center-Mitarbeiter und seinem Kunden in Echtzeit analysiert. Läuft ein Gespräch nicht "optimal", signalisiert die Software dem Vorgesetzten, sich einzuschalten und dem Mitarbeiter über dessen Bildschirm Anweisungen zu geben. Mit solchen Programmen wären in der Call-Center-Branche systematisch Mitarbeiter zu ermitteln, die ihre Vorgaben nicht erfüllen. Bei Finanzdienstleistern ist die permanente Analyse von Arbeitsabläufen gleichfalls im Kommen.

Folglich müsste die Rechtslage dringend an eine derart digitalisierte Arbeitswelt angepasst werden. Die stellt zwar keine Freibriefe aus, denn eine Pauschalüberwachung am Arbeitsplatz ist bereits jetzt verboten. Wenn ein Unternehmen den teilweise privaten Gebrauch von Firmenrechnern erlaubt, wird es automatisch zu einem Anbieter von Datendiensten, der den privaten Anteil der Kommunikation gar nicht erst erfassen darf. Dennoch wäre ein einheitliches und strenges Arbeitnehmerdatenschutzgesetz geboten - das fehlt bislang.

Es scheint an der Zeit, dass gerade die Gewerkschaften Datenschützern und Gruppen wie dem Chaos Computer Club zur Seite springen. Noch ist die organisierte Arbeitnehmerschaft kein Schnee von gestern. Sie sollte die jetzigen Skandale nutzen, um den digitalen Taylorismus ein für alle Mal im Keim zu ersticken.

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00:00 06.06.2008

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