Liveübertragung

A-Z Am 1. November 1925 wurde in Deutschland das erste Fußballspiel live übertragen. Wir sind in Echtzeit da, wo etwas passiert. Nur lesen ist besser. Unser Lexikon der Woche

A

Aliens Vom Mars stammen jene Aliens, die die Erde in Krieg der Welten zu unterjochen gedenken. Die finsteren Pläne konnte man ab 1898 nachlesen, als H. G. Wells’ Buch erschien. Furore machte der Stoff um die auf Dreibeiner-Mobilen daherstakenden Marsianer aber dank einer Radioadaption (Batterie, Stille), die Orson Welles inszeniert hatte. Das am Vorabend von Halloween 1938 vom US-Sender CBS ausgestrahlte Hörspiel jagte dem Publikum Höllenangst ein. Es meinte, live einem Krieg (Terror) mit Aliens beizuwohnen. Zeitgenössische Medien berichten von Massenpanik.

Zu Tausenden seien Menschen aus den Städten geflohen. Von Selbstmorden war die Rede! Tatsächlich war es nicht so dramatisch. Es hörten vergleichsweise wenige das Nischenprogramm. Die übersteigerten Berichte waren vielmehr Warnungen der Printmedien vor der Radiokonkurrenz. Denn die verfügte über einen entscheidenden Marktvorteil: Liveübertragung. Tobias Prüwer

asynchron Nicht dass ich in vielen Dingen mit den meisten Menschen übereinstimmte. Ich schlafe gerne aus, fahre nicht dorthin, wo alle Urlaub machen, oder nehme das Gericht, was keiner von der Karte bestellt. Nun hat mein Leben, ein Asynchronitätsepos erster Güte, einen WM-Riss bekommen. Denn während ich mich eher ungewollt in der gleißenden Sonne Spaniens wiederfand, fand gleichzeitig die Fußball-WM statt. Nicht dass mich das die letzten 33 Jahre berührt hätte, doch nun stellte sich heraus, dass man auch als Fußballverweigerer (Gooool!) seinen Erlebnisspaß haben kann. Dank geht raus an ein untergehendes Medium: das Fernsehen. Denn die kindliche Vorstellung, live sei wirklich live, wurde für jeden in meiner Hotelanlage spürbar widerlegt: Über mir grölte es – Pause –, unter mir fluchte es. Man munkelt, in den USA würde dieser Gap von Aufnahme und Ausstrahlung ganz bewusst gestreckt, um peinliche Momente zu verschlucken Wer will schon einen zweiten Busenblitzer bei den Superbowls? Gerne live, aber bitte bloß nicht synchron. 1:0 für die Technik. Jan C. Behmann

B

Batterie Jedes Mal fieberten meine Mutter und ich ihr entgegen. 1963 war sie für uns der Höhepunkt medialer Gegenwärtigkeit, der Hans Rosenthal mit seiner Stimme und unvergesslichen Vitalität, seinem unaufhörlichen Stakkato den Stempel aufdrückte ( Stille). Allein gegen alle hieß die Radio-Ratesendung, in der ein Hörer drei Fragen an eine Stadt stellte, die dann kollektiv loszog, um sie in knapper Zeit zu beantworten. Wir hingen über dem kleinen Transistorradio und zitterten einmal mit dem Mitspieler, ein anderes Mal mit der Stadt, wenn die so gar nicht auf den Trichter kam.

Es war unendlich aufregend! Man schien Teil des Geschehens zu sein, imaginierte sich auf den städtischen Rathausplatz oder in den Ratskeller, von wo die Sendung live ausgestrahlt wurde. Das kleine Kind, das ich war, verstand zwar den Sinn vieler Fragen nicht, wohl aber den des Spiels, diese merkwürdige Mischung aus Konkurrenz und Kooperation. Grausam die Augenblicke, wenn die Batterien schlappmachten. Meine Mutter steckte sie dann schnell in den Backofen zum Aufladen, spezielle Selbsthilfe in Radionot. Ulrike Baureithel

F

Femen 2013, in der Talkshow von Marcus Lanz, live: „Boykott, Fifa, Mafia!“, rufen zwei halb nackte Frauen. Auf ihre Brüste sind Fußbälle gemalt (asynchron). Eine Aktion von Femen gegen die Arbeitsbedingungen beim Stadienbau in Katar. Heute kann man das auf Youtube sehen. Hat’s was gebracht? Aktuell findet in Doha die Kunstturn-WM statt, 2019 kommt Leichtathletik, 2022 Fußball.

Die Zustände sind nach wie vor katastrophal, die moderne Sklaverei geht weiter. Der internationale Sport kooperiert immer noch mit dem reichsten Land der Welt. Zieht euch aus und schreit: Boykott, Fifa, Mafia! Ruth Herzberg

G

Geiselnahme Als im Juni 1994 in den USA die Fußball-WM (Gooool!)eröffnet wurde, floh der des Mordes verdächtigte Football-Spieler O. J. Simpson gerade in einem weißen Ford Bronco vor der Polizei. Beides wurde live im Fernsehen übertragen, doch der Sport ging fast unter gegenüber Simpsons Fahrt. Die vermeintlich erste Echtzeitübertragung einer realen Verfolgungsjagd ist Teil der TV-Geschichte.

Aber schon im August 1988 war praktisch ganz Deutschland phasenweise live dabei, als zwei Männer nach einem Banküberfall in Gladbeck vor der Polizei flohen. Mediale Zurückhaltung konnte man den Tätern nicht vorwerfen, aber wie einige Journalisten sich verhielten, steht heute in den Lehrbüchern – als Negativbeispiel. Einer stieg zu den Tätern ins Auto, als sie quasi eine spontane Pressekonferenz gaben, und zeigte ihnen den Weg. 54 Stunden dauerte es vom Banküberfall bis zur finalen Schießerei auf der A3. Dann war Deutschlands erster Live-Nachrichtenkrimi vorüber. Zwei Geiseln waren tot. Vielleicht haben manche erst hinterher wirklich verstanden, dass es kein Tatort war. Klaus Raab

Gooool! Dieser Tor-Ruf ist legendär. Und da zu einer vernünftigen Politik nicht nur Brot, sondern auch Spiele gehören, sorgte die argentinische Präsidentin Fernández de Kirchner 2009 dafür, dass ihre nationalen Schäfchen alle in den Genuss des archaischen Röhrens kommen:

Das Programm „Fútbol Para Todos“ kaufte die Rechte für wichtige Spiele und übertrug sie öffentlich. Nachfolger Mauricio Macri bereitete dem „populistischen“ Spuk ein Ende (asynchron). Nun muss man für den Urschrei wieder blechen. Schade. Leander F. Badura

N

Nachts Der erste Kampf war Ali gegen Frazer. Januar ’74. Meine Eltern wohnten in einem Haus, in dem noch andere junge Leute wohnten. Man besuchte sich, trank Chianti aus großbauchigen Flaschen, rauchte ständig. Ich durfte aufbleiben: In New York fand gegen vier Uhr morgens ein Kampf zwischen den besten Schwergewichtlern statt. Die Nachbarin hatte einen winzigen Fernseher. Der Empfang war lausig. Selbst meine Mutter, der Boxen egal war, machte es sich auf dem Flokati bequem. Alles war sehr aufregend.

Ich erfuhr, dass Ali sich geweigert hatte, in den Vietnamkrieg zu ziehen, und fieberte schon deswegen mit ihm mit. Sein Sieg war auch ein Triumph für mich. Im Rückblick kommen mir die Bilder so groß und klar vor, als hätte ich sie auf einer Leinwand gesehen. Den letzten Kampf sah ich im April ’84. Leonard gegen Hagler. Mein Radiowecker weckte mich. Nach dem Kampf schlief ich weiter. Der Zauber war verflogen. Marc Ottiker

O

Original Sie ist das Ereignis in town, die Wittlicher Säubrennerkirmes. Wir ignoranten Abiturienten wussten freilich nichts von der Sage über ihren Ursprung, von dem Schwein, der Rübe, dem Torwächter. Traditionell gibt es auf der Kirmes jedenfalls Schwein und Moselwein. Jahrelang, bevor man sich in alle Winde zerstreute (oder mit der Tradition brach), traf man hier die alten Leute, die alte Liebe und auf dem Marktplatz spielte immer die beste Coverband die besten Songs. Einmal, es war schon Nacht im Stadtcafé, die Waterboys. Dazu der Wein, neben mir die alte Liebe, „die spielen das so gut!“ Die Band coverte da schon seit Stunden nicht mehr. Katharina Schmitz

S

Stille Liveübertragungist Radio pur: Just, wenn der Moderator spricht, bezeugen es die Hörer. Welch’ Druck der Situation innewohnt, wusste Walter Benjamin. Als er eine Rezension verlas, glaubte er, der Text sei zu lang, ließ ein paar Sätze aus und endete vorzeitig. Er erinnert sich: „Ich lieh mir selbst mein Ohr, dem nun auf einmal nichts als das eigene Schweigen entgegentönte. Das aber erkannte ich als das des Todes, der mich eben jetzt in tausend Ohren und in tausend Stuben zugleich hinraffte.“ Ania Mauruschat

T

Terror „Die Anschläge auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001“, sagt die Kunsthistorikerin Charlotte Klonk, „waren nicht allein darauf angelegt, möglichst viele Menschen zu töten. Ziel war es auch, ein Bild, ein Symbol in unserem Kollektivgedächtnis zu verankern, das die Botschaft der Terroristen transportierte.“

Diese Botschaft, dass nämlich selbst die Weltmacht USA auf eigenem Territorium angreifbar ist, war eine, die große Teile der Menschheit unmittelbar (Webcam) vernehmen konnten. Dass wir uns alle daran erinnern können, wie wir den 11. September erlebt haben, und uns alle als Zeugen des Mordens verstehen, ist, so Klonk weiter, Ergebnis des paradoxen Charakters unserer Mediengesellschaft: „Statt bei einer Bedrohung den Ort des Geschehens weiträumig zu meiden, versucht jeder, der nicht unmittelbar betroffen ist, über den Fernseher möglichst nah ihn heranzurücken.“

Horst Bredekamp macht auf eine beunruhigende Konsequenz aufmerksam: Wenn das Töten den Zweck hat, den Tod zum Bild werden zu lassen, „dann ist das Betrachten dieses Bildes unabdingbar ein Akt der Beteiligung“, sagt der Bildwissenschaftler. Und wo waren Sie am 11. September 2001? Mladen Gladić

W

Webcam Mit Kaffee hat alles angefangen: 1991 richteten Wissenschaftler am Computer Science Department der University of Cambridge erstmals dauerhaft eine Kamera auf ihre Kaffeemaschine, und bald verfolgten nicht nur die Kaffeetrinker des Departments, sondern Millionen Fans der Trojan Room Coffee Machine, ob noch genug Kaffee in der Kanne war.

Die Begeisterung für Webcams, für 24/7-Vogelbeobachtung oder das aktuelle Wetter am Urlaubsort dauert fort. Die Faszination liegt ganz offenkundig weniger in dem, was man sieht, sondern dem Staunen darüber, dass wir dabei sein können, während es (oder auch nichts!) passiert. Es geht um eine Selbstvergewisserung des Betrachters, die sich einstellt, wenn – wie Jay David Bolter und Richard Grusin es in ihrem Buch Remediation – Understanding New Media mit dem Phänomen der „Immediacy“ (Terror)beschrieben haben – Unmittelbarkeit die treibende Kraft der medialen Vermittlung ist. Sie zielt darauf, das Medium vergessen zu machen und den Betrachter glauben zu lassen, mitten im Geschehen zu sein. Ich sehe, also bin ich …Nina Mayrhofer

Z

Zugeschaltet Kraftwerk, die Lieblingsband aller Medienwissenschaftsdozenten und seit Jahrzehnten Verwalter ihres eigenen Mythos, veranstalten schon längst keine Konzerte mehr. Es sind sentimental kuratierte audiovisuelle Ausstellungen einer längst vergangenen Vorstellung von Zukunft, weshalb sie nun auch konsequenterweise vermehrt direkt in Museen stattfinden.

Neulich wurde bei einer solchen Konzertausstellung der deutsche Astronaut Alexander Gerst von der ISS ( Aliens) live über eine gigantische Leinwand zugeschaltet und spielte auf einer Synthesizer-App den Song Spacelab zusammen mit Ralf Hütter und den drei Angestellten, deren Namen sich keiner merken kann. Die Presse jubelte, das musste wirklich die Zukunft gewesen sein – und sie sieht auch noch aus wie eine „Wetten, dass..?“-Außenwette. Tilman Ezra Mühlenberg

06:00 01.11.2018
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