Lob der Luftgitarre

Rückkopplungseffekt Die Tauschbörse Napster machte Plastikscheiben und Magnetbänder unnötig: Musik ist immateriell. Das haben die Kopierschützer der Musik­industrie erst lernen müssen

Wenn man als gemeiner Kulturkritiker einen Begriff braucht, um den seit Jahrtausenden andauernden Bildungsabbau und Selbstentmündigungsprozess des Menschen zu bezeichnen, dann greift man auf sie zurück: die Luftgitarre. Wenn es darum geht, dass die Leute nichts mehr können, aber alles wollen, dann hilft die Luftgitarre, anschaulich zu machen, dass nur so getan wird und nichts dahinter ist. Jemanden des Luftgitarrespielens zu überführen ist die zeitgemäße Variante von Des Kaisers neue Kleider.

Zwei der meistzitierten Artikel zur Regierungszeit Schröder bedienten sich der Metapher: Cordt Schnibbens Text im Spiegel aus dem Jahr 1998, wo er dem Kanzlerkandidaten bescheinigte, dass er „virtuos an der Luftgitarre“ sei. Und Ulf Poschardts Bilanz der Schröder-Ära in der Zeit (2005), wo es hieß, dass der Kanzler zwar „in den Medien als Popstar brilliert, im Kabinett wie in der SPD [aber] zum Spielen der Luftgitarre verdammt“ sei. Der Dämon des Uneigentlichen war nie sinnfälliger verkörpert als in der Person, die Gitarrengriffe macht, ohne je einen Ton zu erzeugen.

So verstanden, ist die Metapher allerdings aus der Luft gegriffen (vom dazugehörigen Argument ganz zu schweigen), denn die Luftgitarre ist weder auf nichts bezogen, noch stellt sie nichts dar, noch steht sie für sich allein. Der Kulturkritiker sieht nur die Oberfläche des Ergebnisses und ignoriert vollständig die Umstände, aus denen diese ästhetische Praxis hervorgegangen ist. Die Luftgitarre ist als Reaktion auf kollektiv erfahrbare Musik entstanden, sie ist Ausdruck von Teilhabe an der Rockkultur und sie funktioniert nur als Feedback in einem Regelkreis von ästhetischer Produktion und Rezeption, als ein »vervielfältigtes menschliches Echo des Gitarristen auf der Bühne«, wie es Roel Bentz van den Berg emphatisch formuliert hat, als ein Widerhallen eines Lieds »zwischen den Außenmauern der Welt und den Innenmauern der eigenen Seele, [...] so lange, bis das Echo, das sich mit all dem füllt, wogegen es unterwegs stößt, wie in einem Spiegel aus Schall ein menschliches Antlitz angenommen hat, das einem bekannt vorkommt.« Nur weil man gesehen hat, wie andere Luftgitarre spielen, spielt man sie auch selbst, wodurch die anderen sehen, dass Luftgitarre gespielt wird und sich bestätigt fühlen. Wenn die Luftgitarre überhaupt als Metapher dient, dann nur für populäre Musik. Denn die hat so schon immer funktioniert: als sich selbst bestätigende und dadurch hervorbringende ästhetische Praxis, die von einem Kollektiv von Individuen betrieben wird.

Seit einer aus diesem Kollektiv, Shawn Fanning, 1998 ein Programm namens Napster geschrieben hatte, um sich mit anderen Individuen zusammenzuschließen und Musik als eine alle umgebende Atmosphäre zu erleben, in der es unkontrollierte meteorologische Bewegungen geben kann, kam aus der Musikindustrie Kritik. Sie wies darauf hin, dass die hin und her wandernden und sich epidemisch vermehrenden Dateien in etwas umgewandelt werden konnten, das genauso anmutete, wie etwas, das von etwas erzeugt worden war, das ihnen gehörte. Immer noch kamen aus den Lautsprechern der Welt Musikstücke. Weil die aber nicht von Plastikscheiben oder Magnetbändern abhängig waren, unterschieden sich diese Musikstücke. Sie waren illegal. Beziehungsweise das Hören dieser Stücke. Beziehungsweise der Besitz der Dateien, die für das Abspielen nötig war. Beziehungsweise die Weiterverbreitung der Dateien. Beziehungsweise das Anfertigen der Dateien. Es war jedenfalls kompliziert zu definieren, was genau illegal war – dass es illegal war, war unstrittig selbst bei denen, die sich der Illegalität schuldig machten. Auch wenn es sich nicht so anfühlte.

Was der digitale Code in Form von MP3 und Peer-to-Peer-Netzwerken nämlich offenbarte, war, dass Musik völlig immateriell ist. Eine Tatsache, die in Schulaufsätzen beschrieben und in philosophischen Kneipengesprächen behauptet wurde, die man bis vor zehn Jahren aber kaum spürte. Musik ist nicht der Datenträger, auf dem sie sich befindet: Diese Aussage musste man nicht machen, solange es keine andere Möglichkeit gab, als Musik von Datenträgern zu holen, um sie zu hören. Schallplatte, Tonband und CD waren die natürliche Erscheinungsform von Musik. Genau diese vermeintliche Natur mahnten die Kulturkritiker der Musikindustrie an, als mit den frei flottierenden Dateien ein anderes Denken möglich wurde. Musik ist nicht echt, wenn sie nicht von einem originalen Datenträger einer bestimmten Firma gelesen wird, lautete das mehr oder weniger offen verkündete Argument. Wo das als zu kulturkritisch erschien, da wurde linker mit Solidarität argumentiert und sagte, dass ohne die Zwischenhändler die Künstler nicht zu ihrem verdienten Lohn kämen. Dem alle irgendwie zustimmten, obwohl es sich für niemanden so anfühlte.

Genauso hervorragend wie grottenschlecht

Es fühlte sich deswegen nicht so an, weil Urheberschaft nicht an Datenträger gebunden ist, sondern an Personen. Und diese Personen waren in dem großen Vertriebssystem von Plastikscheiben und Magnetbändern nur Rohstoffvorkommen für ­Plattencoverphotos, Interviewtexte, Boulevardartikel, Gesangs- oder Instrumentalspuren, Unterschriften unter Verträge. Das funktionierte genauso hervorragend wie grottenschlecht, das machte ebensoviel möglich wie unmöglich, das war bewahrenswert wie abschaffungswürdig. Der Punkt ist: Der freie Tausch von Musikdateien ist überhaupt kein Angriff auf dieses System. Er hat schlicht und einfach überhaupt nichts mit ihm zu tun. Denn die Immaterialität von Musik hatte und hat nichts mit diesem System zu tun. Menschen sangen Songs vor sich hin, redeten mit Freunden über sie, hörten sie per Flatrate im Radio und im Fernsehen, nahmen sie auf Kassetten auf, spielten sie auf ihren Gitarren oder Klavieren nach, ließen sich von ihnen zu eigenen Songs inspirieren. In diesem Sinne waren die Dateien nur intensives Hören von, sehr genaues Reden über oder Vorsingen von Musik. Es war Luftgitarrespielen, es war die Resonanz, die Musik bei Menschen erzeugt. Und es war Respekt, den man den Urhebern dieser Musik entgegenbrachte, indem man sie massenhaft rezipierte und sich ihre Aura auf Konzerten abholte.

Gegen Tauschbörsen juristisch vorzugehen und die Datenträger mit kompliziertem Kopierschutz zu versehen, war die Unterdrückung von Resonanz. Das zeigte sich daran, dass so manches Musikstück so gut geschützt war, dass man es überhaupt nicht mehr hören konnte, selbst wenn man dafür Geld bezahlt hatte. Langsam wurde das auch den Kulturkritikern in der Musikindustrie bewusst, die nun beginnen, eine Position aufzugeben, die sowieso nie zu ihnen gepasst hat. Die EMI hat 2007 damit angefangen, nun ziehen auch andere Firmen wie Sony BMG, Universal und Warner nach. Der Kopierschutz (Digital Rights Management, DRM) für bezahlte Downloads von Songs fällt weg. Künftig kann alles, was von I-Tunes oder Musicload heruntergeladen wird, so oft kopiert werden, wie man will. Und sich verbreiten und Werbung für sich selbst machen. Denn gleichzeitig verkündet der Verband der amerikanischen Musikindustrie, dass ab sofort nicht mehr juristisch gegen private Nutzer von Tauschbörsen vorgegangen werden soll. Es scheint, als verstünden sie MP3 und Peer-to-Peer nun genau so, wie sie Radio und Musikfernsehen verstanden haben: als Mittel, um Menschen mit bestimmten Künstlern bekannt zu machen und ihnen einen dauerhafte Bindung an sie zu vermitteln. Nicht mehr als Großhändler von Plastikscheiben, sondern als Agenten.

Die Aufgabe, die sich der Musikindustrie nun stellt, besteht darin, neue Formen der Publikumsbindung zu finden; die Resonanz, die das wesentliche Merkmal von Popkultur darstellt, neu zu provozieren und zu gestalten. Wie das gehen kann, zeigt die Computerspiel-Industrie. Der Boom von Musikspielen wie Guitar Hero, bei denen die Menschen mit kleinen Plastikgitarrennachahmungen vor dem Bildschirm stehen, um bunte Knöpfe in der richtigen Reihenfolge zu drücken, nur damit ein Song, den sie in und auswendig kennen, vollständig abgespielt wird, dieser Boom erklärt sich nur, wenn man anerkennt, dass das Publikum Teil des ästhetischen Prozesses sein will und sein muss, damit er ablaufen kann. Guitar Hero ist inzwischen ein wichtiges Forum geworden, auf dem Newcomer ihre Songs einem großen Publikum vorstellen können. Es gibt Musik, die durch Guitar Hero überhaupt erst verbreitet worden ist – für ein Publikum, das mit seinen Plastikgitarren sofort versucht, die Musik zu begreifen, zu verinnerlichen und zu spiegeln: Luftgitarre spielend. Und also nicht nur so tut als ob, sondern das Wesentliche verkörpert.

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16:00 20.02.2009

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