Lob der Stichelei

Buchpräsentation Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte in Berlin die Biografie von Altkanzler Gerhard Schröder vor. Doch wohl gesonnen waren sich die beiden nur auf den ersten Blick
Jürgen Busche | Ausgabe 39/2015
Lob der Stichelei
Schätzen sich maximal als Pragmatiker: Gerhard Schröder und Angela Merkel

Bild: John MacDougall/AFP/Getty Images

Sie in feuerwehrrotem Blazer. Er gedeckt mit weinroter Krawatte. Dazwischen ein glücklicher Professor. Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt vor Hauptstadtjournalisten die Biografie Gerhard Schröders vor, die der Erlanger Historiker Gregor Schöllgen geschrieben hat. Merkels Referat hätte von ihrem Geschichtslehrer die Note „gut“ bekommen, allerdings wohl nicht verbunden mit der Empfehlung, Geschichte zu studieren. Der Professor bedankt sich bei seinem Verlag und seinem Helden für die ersprießliche Zusammenarbeit; Schröder, weiß er mitzuteilen, habe gar nicht gewusst, dass er ein Archiv betreffend Schröder habe. Das durfte er nutzen. Der Altkanzler bedankt sich für das Buch, das tief in die Familiengeschichte hinabtauche, und wünscht sich, dass es auch künftig Karrieren wie die seine geben möge. Da komme es auf die Bildungspolitik an.

Feuerwehrrot und weinrot, so scheint es, sind sich an diesem Tag wunderbar einig. Aber so scheint es nur. Auch wenn die Hauptstadtjournalisten mit ihrer Unsitte, Fragen mit Kommentaren einzuleiten, behaupten, dass beide sich lobten, gar bewunderten. Spitzen sind doch deutlich vernehmbar. Schröder versichert zwar, er wolle nichts zur aktuellen Politik sagen, fordert dann aber doch ein Einwanderungsgesetz. Worauf die Kanzlerin, deren CDU auch schon auf dem Trip ist, nichts sagt, eingedenk der alten Volksweisheit: Was nichts nützt, schadet auch nichts. Merkel ist hier gern ganz Merkel. Auf die Frage, wie es wohl wäre, wenn sie Schröder im Kabinett gehabt hätte, antwortet sie mit der Beiläufigkeit eines immer siegreichen Fußballtrainers: Damit wäre ich auch fertig geworden. Alles lacht, Schröder leistet sich ein Altherrenschmunzeln.

Hingewiesen auf die Tatsache, dass einst ihr Sieg über Schröder sehr knapp ausgefallen war, weist sie darauf hin, dass der furiose Wahlkämpfer in seiner Kampagne 2005 die Agenda 2010 – für die sie ihm stets dankt – überhaupt nicht erwähnt habe. Was nichts anderes heißt als: Er hat Wahlkampf gegen seine eigene Politik gemacht. Da schmunzelt Schröder nicht mehr. Schließlich nach einem Fehler des/der anderen gefragt, wiederholt Schröder, er wolle zu Aktuellem nichts sagen. Merkel spricht die Aufgabe des SPD-Vorsitzes durch ihren Vorgänger an. Da setzt Schröder eine nachdenkliche Miene auf. Das sind Unterschiede.

Feuerwehrrot und Weinrot schätzen sich als Pragmatiker, preisen aber den Wert von Prinzipien. Um des Prinzips willen müsse man auch mal Risiken eingehen. Schröder hat das mit seiner Reformpolitik hinter sich. Von Merkels Flüchtlingen war nicht die Rede.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 07.10.2015
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