Lob des Parasiten

Unterwandern und umdeuten Beobachtungen zum Dramaturgie-Konzept der "Parasiten" an der Volksbühne Berlin

"Parasiten sind Schädlinge am Volkskörper", so hieß das bei den Nationalsozialisten, es war eine Begründung für Mord. Der Begriff, mitessender Gast, kommt aus der Antike. Die Biologie kennt viele Symbiosen von Wirten und Parasiten. Bemühungen, den Begriff soziologisch zu werten und umzuwerten, könnten heute in einem gewissen Zusammenhang mit den Diskussionen um Arbeitslosigkeit stehen.

Im Mai 2001 veröffentlichte man in der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz eine Proklamation des Jahrhunderts der Parasiten. Darin hieß es zum Beispiel: "Der Parasit ist der neue Bürger, ... weil die Avantgarde der Parasiten die Befreiung von der Angst befördert, die der an seiner toten Arbeit sich selbst erschlagende Kapitalkörper verbreitet." Das Hauptargument war: "Die immer mehr wachsende Menge Nichtarbeitender, und sogenannter ›Arbeitsunwilliger‹ sei unbedingt zu subventionieren, wohingegen Billiglohn- und Scheinarbeit nicht subventioniert werden dürften, denn das führe zur Lohnsenkung für die hochqualifizierte und produktive Arbeit. Der Parasit als der neue Bürger, das war damals provokativ gemeint.

Inzwischen gibt es Harz IV. Aber Wolfgang Engler kommt in seinem gerade erschienenen Buch Bürger ohne Arbeit auf ähnliche Positionen: Der moderne Bürger dürfe und könne sich nicht mehr über Erwerbsarbeit oder Besitz definieren, die Gesellschaft müsse sich neu kategorisieren.

Die Dramaturgen David Lindemann und Sebastian Mauksch von der Volksbühne am Rosa Luxemburg Platz verfolgten das Anliegen der Umdeutung des Begriffes Parasiten weiter und bezogen sich dabei auf den französischen Philosophen Michel Serres und sein Buch Parasiten aus dem Jahre 1980. Sie zogen sich aber ästhetisch und philosophisch in die Höhen des "Dritten Stocks" zurück.

Der dritte Stock der Volksbühne war im Laufe der Jahrzehnte immer wieder eine Art Geburtsstätte von Theatererneuerung. 1980 rannte hier Jürgen Holz mit dem Kopf gegen die Wände, schickte Schreie der Wut über den Verrat an der Revolution aus den aufgerissenen Fenstern über die Dächer der Hauptsstadt der DDR. In Heiner Müllers Der Auftrag schließlich eroberten Castorf und sein Bühnenbildner Bert Neumann, die 1988 ihre legendären Inszenierung Das trunkene Schiff im 3. Stock gezeigt hatten, das große Haus. Später ging der Platz später an das Obdachlosentheater Die Ratten. Jetzt arbeitet dort P 14, Kinder und Jugendtheater, Szenenerfindungen aus eigenen Lebenssituationen.

Ich hoffte also darauf, einem weiteren Geburtsvorgang neuer Theaterarbeit beizuwohnen, als ich im Herbst 2004 der Einladung zum Projekt Parasiten folgte. Den Aufruf für neue unveröffentlichte Stücke hatten die Dramaturgen im "Writernet", Sitz in London, www.writernet.org.uk, veröffentlicht. Auszüge aus den eingesendeten Briefen wurden dem Publikum auf Englisch vorgetragen. An die Rückwand des Raumes waren Sätze von Michel Serres geworfen: Der Parasit ist der schlechte Bote, der störende, das System der Kommunikation missbrauchende und unterlaufende, der gerade dadurch produktive Impulse gibt. Die Volksbühne sollte dem Unternehmen also als Wirt dienen, der mit seinen Parasiten in einer vitalen Symbiose besser als ohne sie leben könne. Unbekannte Texte von heutigen Autoren sollten in den Textkörper der Volksbühne eindringen und so deren Arbeit unterlaufen und zugleich anstoßen. An diesem Abend wurde ich selber zum Parasiten: Ich aß mit vom gebratenem Schwein, das serviert wurde, und trank vom Sekt, der zur Eröffnung des Projektes strömte.

Die Idee des "Parasiten" nach Michel Serres sieht gleich eine ganze Kaskade von Parasiten vor: Jeder Parasit wird dabei vom jeweils anderen heimgesucht, gestört und ist gleichzeitig auf ihn angewiesen, um sich selbst als Wirt konstituieren zu können. Die Volksbühne als Wirt, die Dramaturgen als Parasiten und ihre jungen Künstler, die Gäste aus den unterschiedlichen Ländern Europas, wiederum deren Parasiten?

Die zweite Einrichtung der Parasiten fand im Januar diesen Jahres statt. Inszeniert wurde das Stück Huddersfield von Ugljesa Sajtinac. Es spielt in Serbien, "Jahre nach dem Krieg". Bei seinem arbeitslosen, alkoholkranken Vater lebt arbeitslos und in absoluter Verweigerung Rasha, einst Slawistikstudent und hoffnungsvoller Lyriker. Er lässt seinen Vater nicht in eine Anstalt schaffen, denn er sieht die Folgen von Anstalten am nervenkranken Iwan, den er als "lyrisches Genie" betreut und verhöhnt. Freunde Rashas sind emigriert. Sie haben sich der Forderung nach "Mobilität" unterworfen. So Igor, der in Hudderfield in England als Laborant für chemischen Versuche eine Stelle hat - Gehalt, Auto, Frau, Reihenhaus. Eine Kommunikation zwischen den früheren Freunden ist nicht mehr möglich.

Die jungen Schauspieler spielten deutlich sich selbst, ihren Versuch, ein verlorenes "Kollektiv" wieder herzustellen mit kumpelhaftem Knuffen und leerer Großzügigkeit. Die von der Musik übertönten Reden, die serbo-kraotischen Textteile, alles das kam als eine Art Störung daher, eine Störung der geordneten Kommunikation. Serres sagt, es gäbe das die Kommunikation störende Rauschen, durch das die eigentliche Information dringe. So etwas war hier Inszenierungsmittel, nicht ganz neu für die Volksbühnen-Kultur.

Bei der dritten Einrichtung der "Parasiten" im März kehrte die Parasitenkaskade zu sich selbst zurück. Der Dramaturg David Lindemann inszenierte sein eigenes Stück und spielte selber die Hauptrolle. Motive und Bilder entnahm er einem amerikanischen Kult-Film, Robert Aldrichs Ulzana´s Raid deutsch: Keine Gnade für Ulzana von 1972. Der parasitäre Umgang mit Kultur-Material ist schon länger Volksbühnentradition. Filme sind die erste und wichtigste jugendliche Kunsterfahrung, das ist die kulturgeschichtliche Schicht, in der junge Dramatiker und ihr Publikum graben.

Lindemann reduzierte das Figurenarsenal des Films auf den Überlebenskampf zweier junger Männer, den unerfahrenen De Buin, "Ich bin Soldat und Christ," und den indianischen Scout, Ke-Ni-Tay: "Ich stehe unter Vertrag, ... mein Vertrag läuft morgen aus!". Die Tragödie des tödlichen Unverständnisses der "Kulturen" weitet sich zum Blutbad aus. Ulzana selbst, seine Indianer und die Kavallerietruppe kommen nur als knatternde Gewehrsalven vor. Hinzugestellt ist ein von Massakern übrig gebliebenes beobachtendes und nachahmendes Kind.

Das Drama zwischen den Figuren von Ulzanas Rache entsteht hauptsächlich durch die zwei zu unterscheidenden "Sprachen" der Spieler. Die Sprachcharakterisierung ist fesselnd. De Buin trägt hastig sein "Verinnerlichtes" vor, immer in der Selbstvergewisserungen eines jungen Denkers, der logische Ketten genießt und die Ungereimtheiten in seinem System bohrend aufsucht und befragt. Dabei wirbt er um den Gegner, missioniert, will überzeugen, will seine "Gleichheit" anbieten, sie dem Unterlegenen, Unterentwickelten, dem Barbaren "schenken". Sein Sprechen und Denken wird uns vorgeführt als besonders gutwilliges Verhalten, das aber gerade dadurch zu besonders grauenhaften Ergebnissen führt.

Der Darsteller des Scout, Predrag Kalaba aus Serbien, spricht knapp, bestimmt, mit hartem Akzent, unerschütterlich in Meinung und Gefühl. "Ich bin NICHT GLEICH". Der Schauspieler mischt sein "Serbisches" als das UNGLEICHE in seine Sprache. Das alte Kinderideal - der rote Mann und der weiße Mann seien Blutsbrüder, beide tapfer, beide wertvoll -, das wird uns sprachlich als unmöglich vorgeführt.

"Wir wollen euch die Menschlichkeit, die Demokratie, die Freiheit bringen, denn die Menschen sind gleich, wir bringen euch diese Rechte der Gleichheit", so tönt es. Die Position des indianischen Scout setzt dagegen: "Wir bestehen auf dem, was uns von euch unterscheidet, ja, nach unserem Fühlen und Denken müssen wir unseren Feind folternd töten, um seine Kraft auf uns zu übertragen. Also, wir verstehen uns nicht, wir sind nicht gleich", und "die vollkommene Freiheit ist die vollkommene Hölle."

Die Sehnsucht nach Deutung und Umdeutung der Begriffe ist groß.

Ulzanas Rache am 20. und 21. April im 3. Stock der Volksbühne.


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00:00 22.04.2005

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