Lob des Sisyphos

ZEITSPRUNG 2000 Politik braucht Visionen und "Spinner"

Das Getöse der vergangenen Wochen über ein neues "Jahrtausend" steht in einem seltsamen Widerspruch zur Kurzfristigkeit politischer und intellektueller Debatten. Kohl und seine CDU als mögliche Geldwäscherbande, die geplante Unternehmenssteuerreform, die ausgefallene Computerkatastrophe zum Jahreswechsel, das Gemetzel in Tschetschenien - all das symbolisiert keinen Aufbruch in ein neues Jahrtausend oder auch nur Jahrhundert, sondern bekannte Tagesroutine.

Einer der zahlreichen Gründe für diese Verzerrung von Relevanz und historischer Perspektive besteht offensichtlich darin, dass Menschen nicht nur über eine eher beschränkte Lebenserwartung von vielleicht 70 oder 90 Jahren verfügen, sondern ihr Leben von Dingen wie Fortpflanzung, der Erziehung von Kindern, Ausbildung und Beruf geprägt wird - alles notwendige Unternehmungen, deren Rhythmus sich aber im eigenen Erleben nach Wochen oder Jahren messen lässt. Menschen leben von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr, sie leben subjektiv nicht in Jahrhunderten und Jahrtausenden - was objektiv natürlich eine Verkürzung der Realität darstellt: denn die Aufspaltung einer langen Periode in so viele kurze lässt das Jahrtausend schließlich nicht verschwinden. Und es gibt eben doch historische Entwicklungen, die Jahrhunderte oder länger dauern, und gerade darum aus der Froschperspektive der jeweils Lebenden leicht zu übersehen sind. Der Kapitalismus beispielsweise ist nicht innerhalb eines Quartals entstanden, und es war ein frommer Wunsch eines fortschrittsgläubigen 19. und 20. Jahrhunderts, dass er in kurzer Zeit verschwinden würde. Umgekehrt wäre ein Narr, wer aus der Stabilität des Kapitalismus und dem Scheitern seiner Gegner im 20. Jahrhundert nun messerscharf schließen wollte, er sei ewig und unüberwindlich. Auch das absolute Königtum war ja einmal für natur - oder Gott-gegeben und ewig gehalten worden.

So ist auch die Demokratie nicht an einem schönen, sonnigen Morgen per Volksentscheid eingeführt worden, sondern das Resultat jahrhundertelanger, zum Teil blutiger Kämpfe - und ihre jeweils aktuelle Version als fertiges Endprodukt der Geschichte aufzufassen, wäre eitel. Auch im nächsten Jahrhundert ist Demokratie niemals sicher und muss immer wieder erkämpft und vorangetrieben werden, um nicht zu verfallen.

Wenig spricht dafür, dass die stürmische politische und technische Entwicklung der letzten Jahrhunderte nun plötzlich abbrechen würde oder könnte. Die Stabilität und der Wohlstand Westeuropas seit 1945 sind ein historischer Ausnahmezustand, der sich möglicherweise noch um ein paar Jahrzehnte verlängern lassen wird, aber auf Dauer alles andere als sicher ist. Manche Bedingungen dieses Erfolgsmodells tragen zu seiner langfristigen Bedrohung bei: wie die immer komplexer werdenden technologischen Netze mit wachsender Störanfälligkeit, während zugleich die Gesellschaft von ihnen immer abhängiger wird und durch Eingriffe in die Natur die Katastrophenwahrscheinlichkeit erhöht.

Wenn wir nicht in Horizonten weniger Jahre, sondern von ein oder zwei Jahrhunderten denken, sind wenige Dinge wirklich vorauszuwissen - aber mit einer Ausnahme: dass unser gegenwärtiges sozioökonomisches und politisches System schweren Umbrüchen ausgesetzt sein wird. Die schnellen Übergänge vom Kaiserreich zu Demokratie, Faschismus, Krieg und Demokratie zeigen die Flexibilität beziehungsweise Instabilität auch moderner Systeme, die wir aufgrund relativ stabiler 50 Jahre leicht verdrängen. Die Frage ist nicht, ob es solche grundlegenden Umwälzungen in der Zukunft geben wird, sondern ob wir sie bloß erleiden oder zumindest versuchen, mit zu gestalten. - Das vergangene Jahrhundert brachte uns die Autobahnen, die Mondlandung, die Demokratie, die Tütensuppe und den Telefonsex. Aber im Laufe dieses Jahrhunderts ging eine optimistische Naivität verloren, verschwanden die großen Entwürfe und Visionen. Das war zum Teil ein notwendiger Reifungsprozess, denn manche dieser motivierenden Ideologien erwiesen sich schnell als destruktiv und autistisch. Aber die Destruktion aller großen Entwürfe führte dazu, dass wir jetzt mit einer sich immer schneller revolutionierenden Technologie, aber ohne Orientierung ins neue Jahrhundert gehen. Unsere Gesellschaft verfügt über vieles, über Sinnvolles und ebensoviel Nutzloses. Aber was im Jahrhundert der Technik und der Katastrophen verloren ging, sind Visionen, vorzugsweise welche mit Bodenhaftung. Ohne Visionen aber schrumpft Politik zum Verwaltungshandeln. Ohne eine Vision der Zukunft wird deren Gestaltung zum Durchwursteln, zum Hineinstolpern. Visionen erhalten ihre Kraft durch ihren emotionalen Gehalt und können deshalb nicht am Schreibtisch erschaffen werden, sie sind nicht künstlich herstellbar.

Wir beginnen das neue Jahrhundert mit der Empfindung, dass alles ein bisschen schlechter zu werden droht und hoffen, dass es doch ein wenig besser wird. Das ist einerseits realistisch, kurzfristig betrachtet, aber langfristig extrem unwahrscheinlich, weil diese Betrachtungsweise ja den status quo nur etwas in die Zukunft verlängert, aber nicht über ihn hinaus denkt. In Ermangelung überzeugender Visionen zur Gestaltung der Zukunft bleibt uns wenig übrig, als die positiven Elemente und Ansätze der heutigen Gesellschaft konsequent weiterzutreiben. Beispielsweise wurde in den letzten anderthalb Jahrhunderten trotz des aktuellen neoliberalen Geschreis der Markt immer weiter eingehegt und reguliert. Sklaverei und Drogenhandel wurden verboten, wenigstens im Prinzip, obwohl es profitable Wirtschaftstätigkeiten waren. Warum nicht mit der gleichen Logik den Verkauf und die Produktion von Waffen verbieten? Warum nicht die UNO radikal demokratisieren, ihr das Gewaltmonopol bei zwischenstaatlichen Konflikten einräumen und die staatliche Armeen auflösen? Warum nicht das Prinzip von Demokratie auf den wichtigsten Lebensbereich, die Ökonomie, übertragen? All dies und vieles mehr ist heute völlig "unrealistisch" - genau so, wie früher die Abschaffung der Sklaverei und die Einführung der Demokratie "unrealistisch" waren. Menschenrechte waren und sind oft immer noch bloße Träume, Visionen. Der Kampf gegen das Gottesgnadentum war unter Ludwig XIV. kaum mehr als eine ferne Idee ohne jede Chance. Wenn aber nicht manche Menschen in vollkommen "unrealistischen" Ausgangslagen begonnen hätten, gegen die Sklaverei, für Demokratie und Menschenrechte zu kämpfen, dann wären sie vielleicht für immer unerreichbar geblieben. Wir haben in vielem die Früchte der Arbeit geerntet, die "Spinner" und Visionäre ohne jeden Aussicht auf Erfolg in früheren Jahrhunderten geleistet haben. Wir wären Dummköpfe, die ihren Tellerrand für die Kante der Welt hielten, wenn wir nicht unsererseits "aussichtslose" Kämpfe führten: nicht weil sie in den nächsten paar Jahren zu gewinnen wären, sondern weil sie notwendig sind.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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