Lösung mit Phlegma

Österreich Der Privatermittler Marek Miert ist ein Kauz mit Thomas-Bernhard-Charme, und seine Fälle haben Löcher, dass es eine Herrlichkeit ist
Joachim Feldmann | Ausgabe 18/2015

Keine 15 Seiten sind es mehr bis zum Ende des Romans und von einer Klärung des Kriminalfalls kann noch keine Rede sein, da berichtet Marek Miert, vermutlich der preisgünstigste Privatermittler Niederösterreichs, mit großer Freude am Detail von einer notorisch erfolglosen Fußballmannschaft, die es durch eine Verkettung glücklichster Umstände beinahe bis in die Endrunde des bundesweiten Pokalwettbewerbs schafft, aber eben nur beinahe. Dafür gerät Mierts Geschichte kolossal ausschweifend und verfehlt ihr eigentliches Ziel, nämlich den trauernden Pensionswirt Walter zu trösten. Der hätte eh lieber eine Sumo- oder Handball-Geschichte gehört. Eigentlich interessiert er sich nicht für Fußball. Auch beim Leser liegen die Nerven blank bzw. die Prioriäten woanders. Dem Leser nämlich wäre ganz dringend an der Verknüpfung einiger loser Handlungsfäden gelegen. Er verfolgt die Kicker-Story, in der es von Bananenflanken, Schwalben und ungerechtfertigten Elfmetern nur so wimmelt, mit Ungeduld, aber keinesfalls missvergnügt.

Wer sich auf einen Kriminalroman von Manfred Wieninger einlässt, sollte wissen, dass er es mit einem ziemlich tragischen Helden zu tun bekommt, der sich gegenüber seinem Erfinder so manche Freiheiten herausnimmt. „Wenn ich so weitermachte“, resümiert (ironisch) der unglückselige Ermittler beispielsweise, während er orientierungslos einen nachtfinsteren Forst durchquert, „würde es dieser Wieninger echt schwer haben, mit Mankell und Konsorten mitzuhalten.“ Aber das ist auch nicht die Absicht des 1963 geborenen Schriftstellers aus St. Pölten.

Bilder der Beilage

Police ist die erste Monografie des international renommierten Fotografen Sébastien Van Malleghem. Der 1986 geborene, gebürtige Belgier studierte Fotografie in Brüssel. Seine Langzeitprojekte befassen sich mit dem Thema Justiz in einem vereinigten Europa. Police ist der erste Teil einer Trilogie. Vier Jahre lang begleitete Sébastien Van Malleghem belgische Polizisten in ihrem Arbeitsalltag.

Für den zweiten Teil seiner Justiz-Trilogie besuchte Van Mallaghem 2011 drei Jahre lang ein belgisches Gefängnis. Die Serie Prisons wurde im Januar 2015 mit dem vierten Lucas Dolega photography Award ausgezeichnet. Prisons wird im Sommer 2015 von André Frère Éditions herausgegeben - Van Malleghem sammelt derzeit dafür über eine Crowdfunding-Kampagne.

Der dritte Teil des Projekts ist in Arbeit, Van Mallaghem will dafür im kriminellen Milieu fotografieren.

Der Mann mit dem goldenen Revolver ist der siebte Fall, mit dem Marek Miert ohne großes eigenes Zutun konfrontiert wird. Da steht irgendwann ein Herr im feinen Nadelstreif im „Vor- und Empfangszimmer“ seines Wohnbüros und hält ihm zwei Fünfhunderteuroscheine vor die Nase. Leicht verdientes Geld für den normalerweise klammen Detektiv, so scheint es, denn es gilt nur, ein paar Nächte lang ein Haus samt Grundstück, das dem Auftraggeber von seinem just verstorbenen Großvater hinterlassen wurde, zu bewachen. Dass an dieser Geschichte fast nichts stimmt, wird Miert schmerzlich bewusst, als er bei seinem ersten Einsatz zunächst mit einem Elektroschocker außer Gefecht gesetzt und anschließend mit einer Zaunlatte verprügelt wird. Der vorgebliche Opa nämlich war zu Lebzeiten ein fleißiger Bankräuber und ein beträchtlicher Teil seiner Beute – dem Hörensagen nach, ein veritabler Goldschatz – soll auf dem Gelände versteckt sein. Kein Wunder also, dass auch Harry Schleicher, ein lokaler Kleingangster mit ausgesprochen schlechten Manieren und üblem Mundgeruch, plötzlichen Reichtum wittert. Also rückt er, unterstützt von einem muskulösen Gehilfen, dem nichts ahnenden Miert brutalstmöglich zu Leibe. Eine goldfarbene Handfeuerwaffe besitzt der Schurke ebenfalls, was den (auf einen einschlägigen James-Bond-Thriller anspielenden) Titel dieses im besten Sinne merkwürdigen Kriminalromans erklärt.

Studentin mit Schrotflinte

Es folgen weitere genretypische Szenen. Der verprügelte Ermittler pflegt seine Blessuren und brüht sich einen starken Kaffee, bevor er einen steinalten pensionierten Oberpolizisten aufsucht, der ihm die ganze skurrile Geschichte des verstorbenen Bankräubers erzählt. Zu weiteren Nachforschungen kommt er allerdings kaum – gerade hat Miert das Minus auf seinem Bankkonto mithilfe des unverdienten Honorars von hochdramatisch in erträglich verwandelt, da taucht eine junge Dame auf, die ihm für ein angebliches universitäres Forschungsprojekt bei der Detektivarbeit zuschauen möchte. Dass die Studentin interessanterweise mit einer abgesägten Schrotflinte umzugehen weiß, stellt sich als glückliche Fügung heraus. Weitere Details des Plots, der mehr Löcher aufweist als ein durchschnittlicher Emmentaler, seien an dieser Stelle verschwiegen.

Für das, was am Ende als Auflösung präsentiert wird, sind sie auch nicht entscheidend. Kurz vor Schluss wird Marek Miert, während er unter einer Tischplatte hervorkriecht, klar, wo der Bankräuber sein Gold versteckt hat. Angesichts der Tatsache, dass selbst die große englische Krimiautorin P.D. James einst ihren Ermittler Adam Dalgliesh einen Fall praktisch im Traum lösen ließ, erscheint die Wieninger-Variante gar nicht so weit hergeholt. Aber das dürfte Freunde des 08/15-Krimis nicht zufriedenstellen. „Nicht einmal einen schickverqueren Serienmörder gab es in der Geschichte, von nackten Frauenleichen ganz zu schweigen“, sinniert Marek Miert (ironisch?) an einer Stelle. Derlei Defizite werden durch sprachliche Artistik und literarischen Hintersinn mehr als kompensiert. Manfred Wieninger beherrscht den Jargon, in dem sich seit Urzeiten klassisch abgehalfterte, aber letztlich taffe Privatdetektive mit ihrem Publikum verständigen, perfekt. Er kennt sich im Genre bestens aus. So kann er sich erlauben, mit seinen Versatzstücken zu spielen. Das Ergebnis ist nicht die naheliegende Parodie, sondern eine spezifisch austriakische Hommage, die nur vor einem Tabu haltmacht. Aber das möge die „PT“ (ins Piefke-Deutsch übersetzt: verehrte) Leserschaft selbst herausfinden.

Info

Der Mann mit dem goldenen Revolver. Ein Hinterhof-Krimi mit Marek Miert Manfred Wieninger Haymon Verlag 2015, 211 S., 12,95 €

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