Logik der Moral

Philosophie in weltbürgerlicher Hinsicht Nicht nur in Finnland und Schweden war Georg Henrik von Wright als politischer Denker bekannt

"Was interessiert Sie mehr, Psychologie oder Logik?" fragte der Philosophieprofessor Eino Kaila den jungen Mann, der ein Studium der Philosophie an der Universität Helsinki beginnen wollte. Nach einigem Hin und Her antwortete der Student schließlich mit einem einzigen Wort: "Logik!"

Dies sei wohl die folgenreichste Antwort in seinem Leben gewesen, erinnert sich Georg Henrik von Wright später, "hätte ich Psychologie gewählt, wäre ich kaum ein Wissenschaftler von Bedeutung geworden.".

Es war das Jahr war 1934. Professor Kaila stand im engen Kontakt zum Wiener Kreis, und so schien auch der Charakter der Philosophie des Kaila-Jüngers von vornherein bestimmt. Seine 1941 erschienene Dissertation behandelte das logische Problem der Induktion und die Wahrscheinlichkeitstheorie, und ein bisschen später publizierte er - auf Schwedisch - eine Einleitung zum Logischen Empirismus, die auch heute eine der besten in ihrem Genre ist.

Kaila wollte, dass der begabte junge Philosoph seine Studien im Ausland vervollkommne. Die Wahl fiel auf Cambridge, wo von Wright einen weitaus berühmteren Mentor erhielt, Ludwig Wittgenstein, mit dem ihn eine tiefe Freundschaft verband. Das erste Treffen der beiden fand 1939 statt, und als Wittgenstein zehn Jahre später, 1948, aus seinem Amt in Cambridge austrat, ernannte die Leitung der Universität auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin von Wright zu seinem Nachfolger.

Von Wright behielt die Cambridger Professur allerdings nur für eine kurze Zeit: schon 1951, unmittelbar nachdem Wittgenstein am Krebs gestorben war, fasste er den "wohl schwersten Entschluss" seines Lebens und zog zurück nach Finnland. Es spielten dabei mehrere Motive mit - Heimweh, Familienangelegenheiten, aber er schreibt in seinen Erinnerungen auch, dass ihm England nach dem Kriege im Vergleich zum dynamischen Finnland wie "eine müde Gesellschaft" vorkam.

Wittgenstein hatte von Wright neben Elisabeth Anscombe und Rush Rhees zum Verwalter seines Nachlasses bestimmt, und der Umzug in den Norden hinderte den finnischen Philosophen keineswegs, sich mit den kommenden Jahrzehnten gewissenhaft mit der Ordnung, Datierung und Publikation der gewaltigen Materialsammlung zu beschäftigen. Er rühmte sich, mit den Kopien des Nachlassmaterials ein förmliches "Wittgenstein-Forschungszentrum" in Helsinki etabliert zu haben, stellte aber ein paar Jahre vor seinem Tod mit einer gewissen Resignation fest, dass eine endgültige Wittgenstein-Gesamtausgabe wohl noch "mehrere Jahrzehnte" auf sich warten lassen würde.

Weltberühmtheit erlangte von Wright vor allem mit seinen bahnbrechenden Arbeiten zur Logik. Die Grundidee der "deontischen Logik", die von Wright zuerst in einem Aufsatz in der philosophischen Zeitschrift Mind 1951 formulierte, ist zugleich einfach und genial: man könne die Begriffe der formalen Logik auch auf Sätze anwenden, die ein Sollen oder ein Dürfen ausdrücken. Damit wurde nicht nur die Moraltheorie formalisierbar, auch einer analytischen Philosophie des Rechts wurde der Weg geebnet.

Im Jahre 1963 kamen beinahe gleichzeitig zwei Bücher heraus, Norm and Action und Varieties of Goodness, das von Wright für sein bestes Buch hielt, obgleich es wesentlich weniger einflussreich war als Norm and Action. Wie der Name sagt, untersucht Varieties die verschiedenen Bedeutungen des Wortes "gut". Hier gelingt es von Wright, eine eigenständige, obgleich dem Utilitarismus nahe stehende moralphilosophische Position zu formulieren. Das Buch wurde nicht wiederaufgelegt, bis von Wright dafür sorgte, dass eine finnische Übersetzung 2001 erschien. Im Vorwort schärft er ein, dass die Ethik " auf einem deutlichen Verständnis der Vielfalt des Guten und ihm verwandter Begriffe aufbauen muss", wenn man "erfolgreich die Probleme des moralischen Lebens behandeln" will.

Von den fünfziger bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts dominierten die Schüler von Wrights das philosophische Leben in Finnland. Hatte das finnische Geistesleben sich vor dem Weltkrieg maßgeblich an Deutschland orientiert, trat nun eine angelsächsische Dominanz ein. Das Philosophische Institut der Universität Helsinki galt als eine Hochburg der analytischen Philosophie, wo Professoren wie der von Wright-Schüler Jaakko Hintikka mit geradezu diktatorischen Manieren die Andersdenkenden draußen hielten, so dass wichtige Richtungen der kontinentalen Philosophie wie der Existentialismus oder die Hermeneutik in Finnland ein nur kümmerhaftes Dasein führten.

Umso bemerkenswerter ist, dass von Wright selbst sich aktiv bemühte, die Philosophie weiter zu fassen als seine Adepten es taten. 1971 erschien sein wohl bekanntestes Buch Explanation and Understanding (deutsche Ausgabe: Erklären und Verstehen), mit dem von Wrigt ausdrücklich eine Brücke zwischen der analytischen Philosophie und der Hermeneutik schlagen wollte.

Von Wright gehörte zur Elitenschicht seines Landes und hat hohe akademische Posten gekleidet, beispielweise war er Kanzler der schwedischsprachigen Akademie von Turku in den Jahren 1968-1977. Wohl gerade seiner ökonomisch und sozial immer gesicherten Stellung wegen galt er jahrzehntelang als eine erstaunlich unpolitische Person und kümmerte sich nur wenig um gesellschaftliche Probleme. In seinen Memoiren erzählt er, dass er in den dreißiger Jahren die faschistoide finnische Lapua-Bewegung mit "Gleichgültigkeit oder unengagierter Objektivität" betrachtete, obgleich er ebensowenig wie seine Eltern die Ziele der Bewegung akzeptieren konnte.

Eine Wende hin zum Politischen trat erst später ein, ihre Ursache war der Vietnam-Krieg. Beeindruckt von der Friedensbewegung in den USA schrieb von Wright im Herbst 1967, als er eine Gastprofessur der Cornell University innehatte, eine kritische Analyse über die amerikanische Aggression. Der Artikel wurde auf Schwedisch in der liberalen Stockholmer Tageszeitung Dagens Nyheter publiziert und auf Finnisch in Helsingin Sanomat, nachdem von Wright, wie er schreibt "in meiner Unschuld, den Text zuerst dem Organ der konservativen Partei Finnlands angeboten hatte. Die Reaktion in seiner Heimat war scharf: die Konservativen und die Rechte kritisierten von Wrights "Abfall" und meinten, er habe sich den Feinden Amerikas zugesellt - es blieb dem Philosophen folglich nichts übrig, als sein Engagement fortzusetzen und für seinen Standpunkt weiter öffentlich zu argumentieren. Die Zeiten des akademischen Elfenbeinturms waren damit endgültig vorbei.

Mag von Wright auch heute in der Welt vor allem den Ruf eines akademischen Philosophen genießen, er ist dem nordischen Publikum, besonders in Schweden und Finnland, nunmehr besser als ein in Zeitfragen engagierter Intellektueller, ein Zivilisationskritiker und als "Stimme des Gewissens" bekannt worden. Man kann sagen, dass er mit seinem Lebenswerk die bekannte Kantische Unterscheidung von "Schulphilosophie" und einer "Philosophie in weltbürgerlicher Hinsicht" verkörpert. Kant konnte diese zwei Aufgaben des philosophischen Denkens nicht restlos vereinigen, und auch von Wright hat diese beiden Seiten als mehr oder weniger deutlich getrennte Domänen bezeichnet. Er selbst wollte bescheiden nur von einer "Zeitdiagnostik" sprechen, aber seine in den siebziger und achtziger Jahren erschienenen Bücher haben viel Diskussionsstoff in Skandinavien geliefert. Diese Arbeiten sind meistens nur auf Schwedisch und Finnisch erschienen und im Ausland noch wenig beachtet.

Die Essaysammlung Humanismus als Lebenseinstellung (1978) entstand aus den Diskussionen um den Vietnam-Krieg. Hier plädierte von Wright für den Humanismus als Alternative des technokratischen Denkens, was auch als eine Abrechnung mit seiner eigenen "analytischen" Vergangenheit gedeutet werden kann. Der acht Jahre später erschienene Essayband Wissenschaft und Vernunft (1986) ist pessimistischer und schlägt Töne an, die an Oswald Spengler erinnern. Hier widmet sich von Wright Fragen der Umweltkrise und der Fortexistenz der menschlichen Gattung. Er prägt den Begriff einer "Technostruktur", die sich verselbständige und sich in ihrer Entwicklung der politischen und gesellschaftlichen Kontrolle schon entzogen habe.

Ähnlich wie der Vietnam-Artikel, erweckten auch von Wrights Zweifel gegenüber dem Segen der technologischen Entwicklung Widerspruch - diesmal seitens der Unternehmer und der technokratisch eingestellten Sozialdemokraten. Als von Wright in 2001 seine Memoiren niederschrieb, endete er mit der Bemerkung, dass er trotz seines Engagements nie die begriffsanalytische Tätigkeit verlassen und sich in der letzten Zeit wieder für die Wertfragen zu interessieren begonnen habe, im Zeichen einer Wiederkehr der Fragestellungen von The Varieties of Goodness. "Im besten Fall wird darin mein zeitdiagnostisches Denken sich mit dem begriffsanalytischen vereinigen", schrieb er. Von Wright starb in seinem Haus in Helsinki am 16. Juni 2003, im Alter von 87 Jahren.

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00:00 11.07.2003

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