Lohn und Kredit

Finanzblase Die internationale Machtbalance und die Hintergründe eines Desasters

Die Meinungen sind gemacht: Schuld ist die US-Zentralbank Fed. Sie hat mit ihren tiefen Zinsen den Geldhahn geöffnet und damit eine "Liquiditätsschwemme" und einen anschließenden Immobilienboom verursacht und zum Platzen gebracht. Wahr daran ist, dass es etwas gibt, was man als Liquiditätsschwemme oder Kreditblase bezeichnen kann. Mitte 2008 etwa waren in den USA Schulden und Guthaben von sage und schreibe 111.537 Milliarden Dollar ausstehend - das Achtfache des Bruttoinlandprodukts. Diese Summe ist aber nicht einfach aus einem "Geldhahn" geflossen. Die Geschichte ist komplexer. Das gilt auch für die Rolle der Zentralbanken.

Fangen wir mit der EZB an. Sie bekämpft die Inflation, indem sie im Zweifelsfall die Nachfrage - sprich: Lohnerhöhungen - mit hohen Zinsen bekämpft. Sie wird dabei von der Bundesregierung mit ihrer Politik der "Lohnmäßigung" und der Agenda 2010 unterstützt.

Der "Erfolg" ist messbar. 2000 lag in Deutschland der Anteil der Löhne am Volkseinkommen bei 72,2 Prozent. Mitte 2008 war dieser Wert auf 63,7 Prozent gesunken. Ein Erdrutsch, der sich auch in der Finanzrechung niedergeschlagen hat. 2000 zeigte diese noch ein normales Muster: Die Privathaushalte hatten sich mit ihren Ersparnissen am Aufbau des produktiven Kapitals beteiligt. Entsprechend hat der Unternehmenssektor rund die Hälfte seiner Investitionen mit (insgesamt 129 Milliarden Euro) fremdfinanziert. Der Saldo im Außenhandel lag mit 26 Milliarden Euro knapp im Minus. Sieben Jahre später sieht das Bild völlig anders aus: Dem Unternehmenssektor bleibt, nachdem er sämtliche Investitionen aus dem eigenen Sack bezahlt hat, ein Überschuss von 34 Milliarden Euro. Gegenüber 2000 hat sich der Saldo um 163 Milliarden Euro gedreht - das Spiegelbild einer steigenden Gewinnquote.

Doch auch die Haushalte haben 2007 gut 60 Milliarden mehr gespart als 2000. Nicht etwa, weil die Sparwut ausgebrochen wäre, sondern weil sich die Einkommen (aus Arbeit und zunehmend aus Kapitale) zu den ohnehin Reichen verschoben haben. Unternehmen und Haushalte haben also beide Guthaben angehäuft. Aber nicht etwa gegenüber dem Staat - die EZB hätten es verboten, sondern gegenüber dem Ausland, das sich 2007 - freundlicherweise - gegenüber Deutschland um 167 Milliarden Euro verschuldet hat.

Andere Länder tun mit andern Mittel das Gleiche. China etwa erzielt seine Überschüsse dank einer künstlich billig gehaltenen Währung, was praktisch auf Lohndumping zugunsten der Staatskasse hinausläuft. In einem Land wie der Schweiz wirkt vor allem das System der kapitalgedeckten Altersvorsorge als Konsumbremse. Aber die Schweiz steht damit nicht allein: Die 300 weltweit größten Pensionskassen verwalteten Ende 2007 ein Vermögen von 12.000 Milliarden Dollar.

Das also ist der "Geldhahn", der sich geöffnet hat. Und damit sind wir in den USA, denn das ist das Land, wohin fast alle Überschüsse fließen. 2007 belief sich das US-Leistungsbilanzdefizit auf 739 Milliarden Dollar. Seit 2000 haben sich die Netto-Schulden gegenüber dem Ausland um mehr als 5.000 Milliarden Dollar erhöht. Selbstverständlich ist dieses Geld nicht real investiert, sondern mehrheitlich konsumiert oder für die Finanzierung von Kriegen verwendet worden. Für unsere Forderungen gibt es damit keine realen Gegenwerte mehr.

An diesem Punkt kommen die Finanzmärkte ins Spiel. Sie bauen regelmäßig Fiktionen auf, die der Welt glauben machen, sie könnten ihre Ersparnisse in den USA einträglich anlegen. Einträglich für die Finanzindustrie. Vor acht Jahren war es die Dot.com-Blase. Jetzt ist es der Immobilienboom. Jahr für Jahr sind auf diese Weise etwa 1.000 Milliarden Dollar in die US-Haushalte geflossen. Die Welt glaubte, in sichere US-Immobilien zu investieren. In Wirklichkeit hat sie Autos, Barbecues und Arztrechungen der Amerikaner finanziert. Verkürzt formuliert: Das, was den Deutschen an Lohnzuwachs und damit an Konsum entgangen ist, haben die US-Haushalte mit geliehenem Geld konsumiert.

Doch die Schuldenflut schwillt weiter an. Auch 2008 wird das Handelsdefizit der USA die 700-Milliarden-Dollar-Grenze überschreiten. Und wir müssen sogar noch froh sein darüber, denn der Konsum aus den USA sichert rund 15 Millionen Jobs im Ausland. Genau das, was die Deutschen, Chinesen und Schweizer wollen - ihre Jobs sichern.

Was tun? Zunächst ist Soforthilfe angesagt: Keller leer pumpen, Banken retten. Doch gleichzeitig muss die Flut eingedämmt werden. Dazu braucht es globale Absprachen mit dem Zweck, den Irrsinn des Lohndumpings stoppen. Die Kaufkraft muss wieder dorthin, wo die Konsumnachfrage ist. Statt mit einem stotternden Kreditmotor muss die Wirtschaft wieder mit einem Lohnturbo fahren.

Werner Vontobel ist Nationalökonom und Autor in der Schweiz.

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