London glänzt

Die bühnentaugliche Leinwand In London spielen Hollywoodstars Theater - und manche Theater bieten großes Gefühlskino

Wenn man in der Dämmerung durch das Westend spaziert, strahlt von den glühbirnengerahmten Theaterfassaden großes Kino: Billy Elliot tanzt, High Society swingt, auch Edward Scissorhands klappert mit den Scheren. Doch nicht nur die Hollywoodtitel springen von der Leinwand auf die ewigen Bretter, auch die Stars geben sich in London die Klinke in die Hand: Kristin Scott Thomas spielt Pirandello und Kevin Spacey Shakespeare, Anthony Minghella inszeniert seine erste Oper und Mike Leigh eine eigene Uraufführung, Judy Dench, Jeremy Irons und Patrick Stewart sind für das Frühjahr angekündigt. Eine Theaterpremiere kann hier schon mal mit rotem Teppich prunken, und Bilder der anschließenden Feier finden sich in allen Gazetten. Die Filmindustrie made in Britain und Hollywood gibt dem Londoner Theater wesentliche Impulse: Die Betonung liegt auf dem Spiel der Akteure, experimentelle Regie hingegen ist eine Sache der Off-Theater.

London glänzt. Aber leuchtet es auch? Seit eineinhalb Jahren leitet Kevin Spacey das Traditionstheater Old Vic. Als Hollywoodstar ist er seitdem Stadtgespräch, der große Erfolg allerdings blieb aus. Erst seit dieser Saison hat das Haus mit Shakespeares Richard II. einen Kassenschlager und Kritikerliebling. Darin verlegt der Regisseur Trevor Nunn die Handlung konsequent ins Heute. Er integriert Überwachungskameras, Nachrichtenausschnitte, Live-Berichte und Pressefotografie und lässt die Ergebnisse von Propaganda und Überwachung über große Bildschirme flimmern. Zugleich bedient er sich äußerst filmischer Techniken: Die Szenen lösen sich ab wie Schnitte, spektakulär unsichtbar gehen die Umbauten vonstatten, und bemerkenswerte Perspektivwechsel und zoomartige Effekte vermitteln den gespenstischen Eindruck, tatsächlich im Kino zu sitzen.

Kevin Spacey selbst hat die Titelrolle übernommen. Aus der Niederlage seiner Figur entwickelt er seinen schauspielerischen Triumph. Wenn er schließlich die Krone an Bolingbroke, den zukünftigen Henry IV. (Ben Miles) übergeben soll, gehört ihm, als dem Verlierer des Dramas, die ganze Bühne: Wie er sich ziert, seine Beine einknicken, der Blick zum Himmel wandert, seine Stimme samtig und tränenerstickt über die Königswürde spricht; wie er die königlichen Insignien immer wieder dem zugreifenden Bolingbroke entzieht, weil er sich wohl von der Macht, aber nicht von der Idee trennen kann - das hat mitreißendes Format. Doch Spaceys - und auch Miles´ - beeindruckende Charakterstudien lassen die Schwächen der Produktion um so klarer hervortreten: Die Nebenrollen sind zwar namhaft, aber nicht immer überzeugend besetzt. Viele Szenen wirken zudem effektvoll arrangiert, erschöpfen sich aber schnell in bloßen Tableaux und weihevoller Deklamation.


Londons großes Vorbild neben Hollywood ist der Broadway. Immer wieder werden ganze Produktionen ans Westend übernommen, so auch das pulitzerpreis- und tonyüberhäufte Einpersonenstück I Am My Own Wife, das vom Leben des "Berliner Originals" Charlotte von Mahlsdorf handelt. Sie ist Transvestit, Bundesverdienstkreuzträgerin, schwule Ikone, Museumsgründerin und Überlebende zweier totalitärer Systeme. Doch dem Autor Doug Wright geht es in seinem Stück nicht nur um die Biografie der akribischen Sammlerin von Gründerzeitmöbeln, sondern auch um seine eigene Faszination und Zweifel. Er hat sich selbst als Figur ins Stück integriert, unterbricht, kommentiert, bewundert seine Interviewpartnerin, zweifelt an ihrer Aufrichtigkeit, stochert im Unbequemen. Und Charlotte? Benimmt sich wie eine Dame: wenn der Fragende zu sehr drängt, wechselt sie das Thema und spricht von den schönen Dingen des Lebens: Uhren, Grammophone, Anrichten und Kaiserbüsten.

Jefferson Mays spielt Charlotte ebenso wie alle übrigen 40 Rollen. Wie er die Charaktere wechselt, ohne das schwarze Kleid und die schlichte Perlenkette Charlottes abzulegen, nur mit einer Handbewegung und der Flexibilität seiner Stimme, ohne zu chargieren oder eindimensionale Portraits zu schaffen, ist große Schauspielkunst. Als Glückfall erweist sich die Bühne (Derek McLane), ein Berliner Zimmer, in dem jedes Objekt eine Funktion besitzt und das vollkommen bespielt werden kann. Moisés Kaufman, in Deutschland durch sein Dokudrama The Laramie Projekt bekannt, lässt neben Charlotte auch das Licht, die überdimensionierten Möbel im Hintergrund und das Grammophon erzählen. Doch vor allem kann er sich auf seinen Darsteller verlassen. Der steht am Ende auf der Bühne des Duke of York´s Theatre tränenüberströmt einem ebenso gerührten, applaudierenden Publikum gegenüber - Man glaubt sich im großen Gefühlskino.

Das Duke of York´s ist eines von Londons zahlreichen prunkvollen Bauten aus viktorianischer Zeit, die elegant in Gold und Rot schwelgen, aber auf vielen Plätzen nur beschränkte Sicht bieten und unflexibel auf die Guckkastenbühne fixiert sind. Das ist in den Off-Theatern anders. Sie heißen hier "Fringe" (Randzone), sind schwer zu erreichen und hausen in einstigen Fabrikgebäuden. Wie das Arcola Theatre in Dalston: Nur Bus und Vorortbahn bringen das Publikum in ein Viertel, wo die türkische Pizza lediglich ein Pfund kostet und die Schaufensterpuppen dunkelhäutig sind.

Hier zeigt die Oxford Stage Company derzeit Sarah Kanes Cleansed. Der große, abweisend kalte Raum, in dem Sean Holmes das Stück um die Insassen in einer vom Tyrannen Tinker beherrschten (psychiatrischen) Einrichtung inszeniert, wäre ein perfekter Ort für diesen Text. Doch anstatt die Parabel von Macht und Abhängigkeit als solche umzusetzen, versucht der Regisseur es mit der Brechstange des realistischen Schocks: Das Beil schwingt und das Blut fließt in Strömen, der inzestuöse Sex zwischen Grace und Graham wird in aller Ausführlichkeit und in totaler Nacktheit geschildert, und als Tinker Rod den goldenen Schuss ins Auge setzt, spritzt dem Zuschauer fröhlich die weiße Flüssigkeit entgegen. Das berührt nicht, sondern wirkt in seiner Häufung nur noch unfreiwillig komisch. Es wird viel und hysterisch gelacht an diesem Abend, auch, weil einige Schauspieler maßlos übertreiben. Wenige surreale Elemente - tanzende Blumen und Sterne etwas als Symbol der Liebe - versuchen, auf eine Utopie zu verweisen, die bei Sarah Kane unwahrscheinlich ist. Den Eindruck, in einem billigen Splattermovie zu sitzen, können sie nicht verdrängen.


Zeitgenössisches Theater ganz anderer Art ist momentan am Royal National Theatre zu sehen, einer Betonlandschaft mit drei Bühnen und exzellentem Ruf. Es ist eines der wenigen britischen Theater, die sich einen Repertoirebetrieb leisten und nicht en suite spielen müssen. Hier hat der Filmregisseur und Autor Mike Leigh seine jüngstes Stück Two Thousand Years uraufgeführt.: In einer Londoner Middleclass-Familie brechen tief sitzende Konflikte aus, weil der Sohn die orthodoxe jüdische Religion für sich entdeckt - ausgerechnet in einer perfekt assimilierten Familie, die stolz ist auf ihre säkulare Aufgeklärtheit. Schnell aber zeigt sich, dass sie viel tiefer in jüdischen Traditionen und Identitätskonstruktionen wurzeln, als ihnen bewusst ist.

Streckenweise liest sich das Stück wie eine britische Version von Dani Levys Alles auf Zucker. Daneben wird auch noch fix die Weltlage der letzten Monate diskutiert: der Tsunami, Israel und die Räumung des Gaza-Streifens, die Londoner Anschläge und die Flut von New Orleans - alles ist dabei.

Es ist eine bekannte Methode Mike Leighs, in seinen Werken mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben. Anders aber als in Filmen wie Naked (1993), in dem er diese Fragen und Diskurse mit rauen Charakteren und einer noch raueren Wirklichkeit kombinierte, wirkt hier die Bühnenrealität weichgespült, sind die Charaktere zu sympathisch und der Schluss zu harmonisch, als dass dieses Stück weit mehr als einen hohen Unterhaltungswert hätte. Dennoch entfaltet die Inszenierung zumindest für die Dauer der Aufführung einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Leighs Regie überrascht durch perfekten Naturalismus: Das Einheitsbühnenbild (Typ Ikea-Wohnzimmer) wirkt wie das einer Sitcom, alle Schauspieler sind typgerecht besetzt und entwickeln Charaktere von jener Komplexität, die einem bald das Gefühl vermitteln, bei alten Freunden zu sitzen: Gemeinsam verbringt man einen netten, anregenden Abend, aber neue Erkenntnisse gibt es nicht. Gut, dass wir mal drüber geredet haben.

Wie Richard II. und Two Thousand Years ist auch Mary Stuart von Friedrich Schiller ein Kassenhit. Die Inszenierung Phyllida Lloyds kam ursprünglich am Donmar´s Warehouse, einem Off-Westend-Theater, heraus und füllt nun an der Westendbühne Apollo Shaftsbury die Ränge - ein großer und exemplarischer Erfolg, der zeigt, dass das Londoner Theatersystem durchlässiger ist, als der erste Eindruck vermuten lässt.

Als Höhepunkt der Inszenierung wird der 3. Akt mit der Konfrontation von Maria (Janet Mc Teer) und Elisabeth (Harriet Walter) gehandelt: Hier die regendurchnässte, zerzauste Gefangene, dort die Herrscherin im prachtvollen Ornat, hier die Frau, deren Schönheit die Männer zu Füßen liegen, dort die alternde Königin, deren Macht sich die Herren beugen, hier die Katholikin, die ihre Emotionen nicht verbergen kann, dort die Protestantin, die zurückgenommen, wie unter Beobachtung agiert. Allein mit ihrer Rivalin legt auch sie jegliche Zurückhaltung ab. Im verbalen und emotionalen Gefecht wird deutlich, wie ähnlich sich die beiden Frauen in ihrem Stolz und ihrer Leidenschaft sind. Hollywood auch hier: Diese Königinnen sind Bette Davis und Joan Crawford näher als ihren frühneuzeitlichen Vorbildern - und gerade in dieser "Aktualisierung" liegt die Stärke der Inszenierung. Oft wurde im Schillerjahr an der Bühnentauglichkeit des deutschen Klassikers gezweifelt. Eine englische Inszenierung beweist das Gegenteil.

Schiller leuchtet. London auch.


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00:00 09.12.2005

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