Lorenz Haag

A–Z Wer ist Lorenz Haag? Bisher existierte der Professor nur in Statements für die Presseagentur TASS, jetzt hat ein Reporter ihn offenbar gefunden. Ein Lexikon der Phantome
Redaktion | Ausgabe 44/2014
Lorenz Haag
Ist das Lorenz Haag?

Foto: Screenshot

A

Antifa-Sprecher In der linksradikalen Szene gibt es ein großes Misstrauen gegenüber den Medien. Viele Aktivisten wollen unerkannt bleiben, um nicht später von Polizisten oder Nazis belästigt zu werden. Und so war es eine kleine Revolution, als die Antifa vor etwas mehr als zehn Jahren plötzlich doch Ansprechpartner für die Presse benannte. Die Antifaschistische Linke Berlin, kurz ALB, modernisierte die autonome Szene – man konnte in Jeans zur Demo gehen und dort zu Techno-Musik tanzen. Die ALB erfand auch die „Laumeyers“ – mit der Zeit wechselnde Sprecher der Gruppe, die unter falschem Namen, aber unvermummt nach außen auftraten. Mal sprachen die Journalisten mit Lars, mal mit Tim, Anna oder Christian Laumeyer. Diese Methode machte selbst den Geheimdienst neidisch. Der Berliner Verfassungsschutz schrieb, mit dem Pseudonym erreiche die ALB „zeitweilig Resonanz bis in die bürgerlichen Medien hinein“. Jetzt ist es damit vorbei. Anfang September hat sich die ALB aufgelöst. Felix Werdermann

B

Banksy Der große Banksy in London verhaftet und enttarnt! So titelte die internationale Presse Anfang der Woche. Verpixelte Bilder eines blässlichen jungen Mannes machten die Runde. Immer neue Details der Verhaftung fanden sich im Netz. Die Tagesschau setzte zur Feier des Tages sogar einen Extra-Tweet ab: „Der Graffiti-Künstler #Banksy ist in London verhaftet worden. Nach Angaben der Polizei ist sein richtiger Name Paul Horner.“

Paul also. Ein Junge aus einer kleinen englischen Vorstadt, übertölpelt von der Polizei. Fast war man ein bisschen enttäuscht. Sollte es das gewesen sein? So ordinär endet also die Karriere des großen Unbekannten der Kunstwelt? Drei Tage später dann die Entwarnung: Banksys Enttarnung sei ein Bluff! Urheber der Falschmeldung: die US-amerikanische Satireseite National Report. Das Foto des vermeintlichen Banksys: nichts weiter als ein Schnappschuss aus dem Netz. Peinliche Berührtheit bei den Medien, Erleichterung bei den Fans. Fazit des Ganzen: Das Internet ist ein Fuchs – und Banksy weiter auf freiem Fuß. Gesa Steeger

D

Dakimakura Seine Wangen glühten, sie strahlte ihn aus rehbraunen Kulleraugen an. Als der Koreaner Lee Jin-Gyu 2010 seine Geliebte heiratete, ganz offiziell, in einer Schinto-Zeremonie, jubelte die Boulevardpresse, darunter auch Bild: „Die irrste Hochzeit des Jahres!“ Lee Jin-Gyu führte sein Braut nicht zum Altar, er trug sie. Denn seine Auserwählte ist ein 1,50 Meter langes Baumwollkissen. Auf dessen Vorderseite aufgedruckt ist das Antlitz eines Anime-Mädchens, einer weiblichen Comicfigur. „Dakimakura“ werden solche Schmuseobjekte in Fernost genannt. Auch in der westlichen Welt steigt die Zahl der Singles, die sich mit Spezialkissen über den Mangel an menschlicher Wärme hinwegtrösten. „Pillow Lovers“ nennen sie sich. Während das Partnerinnen-Modell Gummipuppe bis heute eher etwas für Männer zu sein scheint, sind bei der Kissenliebe Frauen ganz vorn dabei. Und eben Lee Jin-Gyu. Seine Braut heißt übrigens Fate Testarossa. „Fate“ ist das englische Wort für „Schicksal“, „Testarossa“ der Name eines italienischen Sportwagens. So sexy kann keine echte Frau sein, niemals! Und sie gibt nie Widerworte. Das ist das Allerschönste. Katja Kullmann

Dr. Sommer Das erste Mal, Liebeskummer, der Druck des Body-Mass-Index. Mit derartigen Problemen und noch so vielen mehr können Jugendliche sich schon seit Jahrzehnten an Dr. Sommer wenden. Die Aufklärungskolumne der Bravo ist längst mehr als nur eine Rubrik. Dr. Sommer ist Arzt oder Ärztin des Vertrauens und für viele das personifizierte Verständnis. Dahinter muss doch ein echter Mensch stecken! Das stimmt so natürlich nicht. Ein wirklich so heißender Dr. Sommer hat die Rubrik nicht gegründet und inzwischen ist Dr. Sommer ein ganzes Team.

Für einen einzelnen Menschen wäre die Fülle an Sorgen und Nöten auch zu viel. Und trotzdem tut es gut, sich eine weise, unvoreingenommene Person vorzustellen, der man wirklich jede Frage ohne Scheu stellen kann. Und so werden weiter viele Pubertierende und ehemals Pubertierende durchs Leben gehen mit ihrem eigenen Bild des verständnisvollen Dr. Sommer. Benjamin Knödler

F

Fake-Profil „Sven Kanaille möchte mit dir befreundet sein.“ Im Internet kann man man selbst sein – muss man aber nicht. Facebook vermutete 2012 allein 83 Millionen Fake-Accounts. Doch was macht es so reizvoll, sich eine Identität auszudenken, in der man nur virtuell auftreten kann? Grob kann man zwischen kriminellen, voyeuristischen oder rein spaßorientierten Absichten unterscheiden. Am harmlosesten, jedoch genauso irreführend ist jene Variante, in der man sich Personen ausdenkt, die als digitale Variante des unsichtbaren Freundes verstanden werden können. Hier wird dann meistens ein ganzer Charakter inklusive individueller Marotten und Eigenschaften imaginiert, der das eigene Leben spannender, da ungleich vielfältiger erscheinen lässt. Felix-Emeric Tota

H

Haag, Lorenz Der deutsche Professor Lorenz Haag ist ein vielseitig interessierter Mann. Er äußert sich zum Auftritt eines Volksmusikensembles im russischen Lipezk genauso wie zur Bedeutung des nordkaukasischen Dichters Rassul Gamsatow. Er ist Vertreter der „Föderation für die Kosmonautik Russlands in Europa, den USA und Kanada“, erklärt deutsche Politik und den Ukraine-Konflikt. Vor allem lobt er aber Wladimir Putin.

Das Problem ist nur: Außerhalb der Meldungen der russischen Nachrichtenagentur TASS gab es bisher so gut wie keine Spuren von Lorenz Haag. Weder ist der Professor an einer Hochschule bekannt, noch findet sich eine "Agentur für globale Kommunikation", der er angeblich als Leiter vorsteht. Das haben russische Blogger recherchiert. Bei der TASS beharrte man auf Nachfragen aber auf der Existenz von Haag. Und dieser antwortete via TASS auch auf die Zweifel an ihm. Statt Gerüchte in die Welt zu setzen, sollten die Blogger lieber an der Verständigung zwischen Russland und dem Westen arbeiten, ließ er wissen.

Die neueste Entwicklung: Ein Reporter des NDR-Medienmagazin Zapp hat nun in Chemnitz einen Mann gefunden, der offenbar Lorenz Haag ist. Fragen wollte er aber keine beantworten. Jan Pfaff

J

Juristische Person Eine juristische Person ist an sich bereits etwas Abstraktes, denn: Sie ist eine zweckgebundene Organisation, die durch Gesetz zum selbstständigen Rechtssubjekt erhoben wird. Damit kann die Verantwortung an ein Konstrukt abgegeben werden. Ein Unternehmen ohne Anmeldung existiert juristisch aber nicht und eignet sich hervorragend als Deckmantel für illegale Geschäfte. Fiktive juristische Personen erwecken mit einfachsten Mitteln wie falscher Adresse, Fantasielogo und professionellen Geschäftspapieren den Anschein, eine juristische Person zu sein. Doch reicht die vorgetäuschte Seriosität häufig aus, um gutgläubige Geschäftspartner zu finden. Scheinunternehmen werden weltweit für Betrügereien genutzt. Dagegen würden internationale Transparenzregister mit einer Meldepflicht der Unternehmen helfen, wie sie die Lobbyorganisation Deutsche Kreditwirtschaft in ihrer Stellungnahme zur europäischen Anti-Geldwäsche-Richtlinie fordert. Ulrike Bewer

T

Termine „Dräcker lebt“, titelte der Spiegel im Oktober 1967. Nur kurz war der Diplomat a. D. als vermisst gemeldet gewesen, dann tauchte er wieder auf. Edmund Friedemann Dräcker war auch zu praktisch. Erfunden wurde er, um Termine absagen zu können. 1936 wurde der Legationssekretär Hasso von Etzdorf in der deutschen Botschaft in Rom aus einer langweiligen Konferenz mit der Ansage geholt, Ministerialrat Dräcker vom Reichsfinanzministerium wünsche ihn zu sprechen. Von Etzdorf machte sich aus dem Staub und genoss ein Bier. Dräcker als Ausrede hatte sich bewährt und wurde fortan häufig benutzt. Ihm wurde eine Biografie verpasst, die bald zur Nonsens-Vita gedieh. So soll er sich für die Normierung von Seemannsgarn eingesetzt, dem Bundesamt für Magische Wesen vorgestanden und die tierquälerische Praxis des Aufbindens von Bären abgestraft haben. 1989 soll er verstorben sein, aber wer weiß: Vielleicht titelt der Spiegel bald wieder „Dräcker lebt“. Tobias Prüwer

U

Unsichtbare Freunde Kinder sind dafür bekannt, dass ihre Fantasie keine Grenzen kennt. Das kann Eltern dazu bringen, einen Platz am Tisch mehr zu decken – damit die unsichtbaren Freunde auch mitessen können. Ob menschliche oder auch fabelwesenhafte Gestalt, die unsichtbaren Freunde haben immer gemein, dass sie kein anderer sehen kann, weshalb sich viele Erwachsene über ihre scheinbar selbstgesprächigen Kinder wundern. Forscher haben herausgefunden, dass sich Eltern aber keine Sorgen machen müssen: Unsichtbare Freunde zeugen von Kreativität und Intelligenz der Kinder und haben nützliche Funktionen (Spielgefährten, Beschützer und Tröster, Sündenböcke). Sie sind eine Strategie von Kindern, die Realität zu verarbeiten. Felix-Emeric Tota

W

Wissenschaft Da sage noch einer, Wissenschaft habe keinen Humor. Aus vielen Fachbereichen sind Witze bekannt, die von fiktiven Personen handeln. So geistert ein gewisser Otto Jägermeier als deutscher Komponist, Symphoniker und Musikethnologe durch diverse Lexika. Einem Herrn Binomi werden die binomischen Formeln zugeschrieben. Seine Lebensdaten, es sind die vertauschten von Newton, lassen stutzen: * 1727, † 1643. Von Julius Eigen hingegen ist nur seine wissenschaftliche Leistung überliefert: Er soll den Eigenwert erfunden haben.

Mehr ist über den angeblichen Verfassungsjuristen Friedrich Gottlob Nagelmann bekannt. Ihm wurde eine ganze Biografie angedichtet, bis hin zur Bekanntschaft mit Edmund Dräcker (➝Termine) und seiner Auseinandersetzung mit Haftungsfragen bei Steinlausschäden. Gestorben ist er an einem 29. Februar außerhalb eines Schaltjahrs. Hinter diesen Witzeleien steckt natürlich aber auch die streng wissenschaftliche Ermahnung, alles mindestens zweimal zu prüfen. Tobias Prüwer

Z

Zellweger, Renée „Die Schauspielerin hat ein neues Gesicht.“ Mich faszinieren ja solche grammatikalisch einwandfreien und doch irgendwie eigenartigen Sätze extrem. Was lässt sich mit fünf einfachen Worten nicht alles sagen? Ich selbst hatte das alte Gesicht der Amerikanerin immer gemocht; sie war nie, nun ja, schön gewesen. Auch wenn es mir komisch vorkommt, dass ich sie deshalb gemocht haben sollte, weil sie ein wenig hässlich gewesen war, aber gut, diese Frage zu beantworten sprengt hier den Rahmen.

Aber eine andere sollte zumindest angedacht werden, die nämlich nach der Echtheit der Oscar-Preisträgerin und Bridget-Jones-Darstellerin. Wenn es nun Renée Zellweger zweimal gibt, einmal mit einem runden, eher ungewöhnlichen und einmal mit einem schmalen, eher gewöhnlich hübschen Gesicht – welche der beiden Frauen ist dann die echte? Oder anders gesagt, was muss an oder in einem Körper echt sein, damit wir den Menschen für den halten, der er wirklich ist? Sie meinen, das mit dem wirklich sein ist eine Frage, die völlig überschätzt wird? Echt jetzt? Jana Hensel

Hinweis: Dieser Text wurde am 30.10.14 um 14:30 Uhr mit den Informationen des Medienmagazins "Zapp" aktualisiert.

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06:00 30.10.2014

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