Lost in Praha

Fenstersturz Kleiner, literaturinspirierter Streifzug durch das Prag des Vorfrühlings

Wenn man mit dem Zug fährt in den Prager Frühling, dann mit der Lektüre eines tschechischen Romans. Gerade ist Milos Urban in den erlauchten Kreis der Übersetzten dazugekommen: Im Dunkel der Kathedrale. Auf dem Cover prangt der Satz: "Dieser Roman zählt zum Besten, was die tschechische Literatur zu bieten hat". Es geht um Mord im Veitsdom auf der Prager Burg. Verdächtig ist das Umfeld der Männer von der Dombauhütte, die Kirchenleitung und mindestens noch ein Kunstwissenschaftler mit präraffaelitischer Leidenschaft: Roman Rops. Das Erzählen verfehlt leider nicht den goldenen Schnitt von Umberto Eco ("Milos Urban - das ist die tschechische Antwort auf Umberto Eco" - steht auf dem rückseitigen Cover) und Ken Follett, aber folgt der von ihnen gelegten Spur wacker, nur in die Trivialität. Mal wird aus der Perspektive von Rops und mal aus der einer Kommissarin erzählt, die auf Seite 155 den Satz absondert: "Mannometer, ist das tiefsinnig. Wie zweilagiges Toilettenpapier". Nach so einem Satz heißt es, die Zähne zusammenzubeißen für die letzten hundert Seiten.

Prag ist wirklich mehr. Mannometer, solche Sätze sind zugegeben dürftig. Peter Härtling, den sich das Prager Literaturhaus kürzlich als Stipendiaten einlud, meinte: Prag habe etwas Museal-frisches. Also hinein ins Kafka-Museum. Die Exposition ist erstaunlich frisch: Sphärische Geräusche, Schlag-Rhythmen wie von Maschinen, enge Treppen, wenig Licht, viele Karteikästen, die Namen tragen (von Romanfiguren und Personen aus Kafkas Leben), ein Netz, gewunden wie ein Labyrinth, schwankende Vitrinen mit den Bildern der vier Frauen seines Lebens: der zwei, mit denen er verlobt war, Felice und Milena, Julie Wohryzek und Dora Diamant, die ihn am 3. Juni 1924 tot auffand, als sie gerade den Blumen aus dem Krankenzimmer des Lungenkranken frisches Wasser gegeben hatte. Kafka wollte heiraten, aber konnte nicht: "Was ich geleistet habe, ist nur ein Erfolg des Alleinseins".

Natürlich viel zu lesen in einem Dichter-Museum: Max Brods Zeitungs-Nachruf auf den Freund. Mit dem Selbstzitat: Franz, gibt es Hoffnung? Kafkas Antwort: "Unendlich viel Hoffnung. Nur nicht für uns." Und das anrührende Foto der alten Eltern, nach dem Tod des Sohnes entstanden. Vater Hermann, dem sein Sohn den großen Klagebrief (Brief an den Vater) verfasste: ein großer, hagerer Mann mit weißer Igelfrisur. Er wirkt auf dem Foto so zerbrechlich und schwach, dass man ihm den Tyrannen, den sein Sohn in ihm sah ("Du warst zu stark für mich!") niemals glaubt. Nach zwei Stunden ahne ich, warum ich niemals mehr etwas kafkaesk nennen werde. Kafkas Literatur ist kafkaesk: der moderne Mensch, balancierend über dem Abgrund Angst. In seiner Literatur kommen Verstehen und Nicht-Verstehen rätselhaft zur Deckung.

Um Kafka zu sehen, bietet sich in Prag derzeit einzig das Divadlo Komedie an. In diesem Kellertheater kann man im übrigen Inszenierungen von Stücken Werner Schwabs, Fassbinders, Mrozeks und Thomas Bernhards sehen. Damit hebt sich schon mal der Spielplan von den rund zwei Dutzend Prager Bühnen angenehm ab. Oder man schaut sich im Národni Divadlo an der Moldau Bozena Nemzovás Babicka mit Vlasta Chramostová in der Titelrolle an. Die Romanvorlage aus dem Jahr 1855 gehört zum Besten der tschechischen Literatur und zieht als Theaterfassung immer noch ihr Publikum an. Die eineinhalbtausend Plätze des Theaters mit zwei Rängen und zwei darüber liegenden Galerien waren bei einer 14-Uhr-Vorstellung ausverkauft, was aber in den Prager Theatern nahezu die Regel ist. Aus dem Schnürboden schwebten Hütte, Wald und Schloss herab und stellten ein Märchen auf die Bühne - das Märchen von der Großmutter, die die Seelen ihrer Enkel schützt vor Armut, Krieg und Gewalt.

Das Theater in Prag wirkt für deutsche Augen bieder und unoriginell. Dem Publikum scheint nichts zu fehlen: Es strömt in die Theater, aus allen Generationen! Und außerdem, wer wollte nicht ins Tyl-Theater am Altstädter Ring, wo 1787 Mozarts Don Giovanni uraufgeführt wurde und vier Jahre später La clemenca di Tito. Ein sagenhafter Bau: Über dem Parkett erheben sich fast zierlich fünf Reihen mit Gold und rotem Samt geschmückte Logen übereinander. Mir blieb Gogols Revisor, das Stück um den hochstapelnden Revisor, dem Bürgermeister, Postchef, Schuldirektor und selbst die Polizei für eine gute Expertise alles zu Füßen legt. Die ein Jahr alte Inszenierung ist immer noch frisch und überspielt bei allem vorzüglichen Slapstick nicht die Tragik seiner Helden, die von ihrer Provinz erlöst zu werden. - Auch hier wieder: volles Haus, aber diesmal hörbar begeisterter Beifall.

Genug gemischte Theatererfahrungen. Noch etwas Literatur vor der Abreise, denn Milos Urbans Im Dunkel der Kathedrale liegt mir immer noch schwer im Magen. Mit dem Kronprinzen der tschechischen Schriftsteller trifft man sich am besten im Restaurant "Lemon leaf": Dort verkehrt Jaroslav Rudis, genannt Jara, 35 Jahre, Ende 2007 gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft zu den dreißig wichtigsten Persönlichkeiten Tschechiens gewählt. Im "Lemon leaf" redigiert er bei gutem Essen seine Kolumnen, die er wöchentlich verfasst und seine Comic-Texte über Alois Nebel, die es schon in drei Bänden gibt. Er hat in Tschechien gerade seinen dritten Roman Potichu (Die Stille) veröffentlicht und begeisterte Kritiken eingefahren - den ersten Roman Der Himmel unter Berlin gibt´s schon auf deutsch und der zweite, Grandhotel soll noch in diesem Jahr folgen.

Der Himmel unter Berlin nennt er selbst einen Punk-Roman, was für ihn nichts weiter bedeutet: als Literatur mit Kraft, Zorn, Übermut, man könnte auch sagen: Anarcho-Kraft. Jara hat gemeinsam mit dem Deutschsauerländer Martin Becker das Hörspiel Lost in Praha verfasst, das der WDR Anfang April erstausstrahlte. Folgender Plot: Ein abgenutzter Lehrer kommt mit seiner jungen Freundin nach Prag, um sich mit der Stadt von seinen Depressionen zu heilen. Für sie geht Prag auf, für ihn nicht. Erst geht sie ihm in der Prager Musikkneipen-Szene verloren, dann er sich. Mit Erschöpfungszuständen und Magenproblemen liefert sich ins Krankenhaus ein und teilt dort das Zimmer mit Bohumil Hrabal, dem bedeutenden Schriftsteller (Ich habe den englischen König bedient), der 1997 beim Tauben Füttern aus dem 5. Stock stürzte oder sich stürzte. Seitdem spricht man mit Respekt über Hrabal vom berühmten vierten Prager Fenstersturz. Zusammen trinken der Lehrer und Hrabal tschechisches Bier und füttern Tauben. Außerdem philosophieren sie, zum Beispiel das: (Lehrer zu Hrabal) "Sie haben es selbst gesagt: Prag ist die Endstation aller Liebenden, wer nirgendwo auf der Erde sein Glück findet, sollte es hier versuchen, in Prag." Ich erfahre von Jara und Martin, dass sie gemeinsam schon am nächsten Projekt arbeiten: ein Opernlibretto über das Jahr 1968. Uraufführung fest im Divadlo Archa in Prag. Sicher wird das dann gutes Theater.

Und was war noch? Auf der Rückfahrt kurz vor Bad Schandau passierte das: Eine Frau, vielleicht sechzig, nutzt den Personalwechsel und wendet sich an die Zugbegleiterin mit einer kleinen Frage: Der Fluss da, ist das die Moldau? Nein, die Elbe, die fließt jetzt nach Dresden und dann bis Hamburg. Wir sind doch die ganze Zeit an einem Fluss entlang gefahren Dann war das in Prag auch die Elbe? Die Zugbegleiterin, äußerst freundlich: Das kann ich Ihnen nicht sagen, meine Dame. So weit begleite ich den Zug nicht. Ich bin froh, wenn ich zuhause bin.

Ich bin nicht froh, schon wieder zuhause zu sein. Es hätten noch ein paar Tage mehr sein dürfen. Ich hätte noch das gesamte Musikleben von mir: die Tschechische Philharmonie etwa! Und die Ausstellungen in den Galerien. Seit die Österreicher ihre Klimt-Bilder nach Amerika geben mussten, haben die Prager in der Národni Galerie das vielleicht schönste Klimt-Bild Die Jungfrau in hellstem Licht ganz nach vorn gehängt. Es bleibt noch genug. Und: In Praha geht man nicht lost.

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00:00 18.04.2008

Ausgabe 38/2020

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