Luca kam, sah – und spionierte

Corona Die Länder geben 20 Millionen Euro für eine überflüssige App aus
Luca kam, sah – und spionierte
In vielen Geschäften wie hier am Berliner Alexanderplatz kann die Luca-App zum Betreten von Geschäften genutzt werden

Foto: Christoph Soeder/Picture Alliance/dpa

„Ich hab die jetzt bestellt. Ich will die jetzt implementieren und anbieten. Ich hab die Verträge dafür unterschrieben – ohne dass ich Smudo kennengelernt habe oder mich mit den technischen Details auskenne.“ Mit diesen Worten erklärte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller im März, dass die Luca-App Teil der dortigen Öffnungsstrategien werden sollte.

Als der Rapper Smudo von der Stuttgarter Band Die Fantastischen Vier mit strahlendem Lächeln zuvor bei Anne Will die Vorteile der Luca-App bewarb, platzte er damit mitten in die Diskussion darüber, ob es sinnvoll ist, angesichts der steigenden Zahlen der dritten Welle Restaurants, Kneipen und Geschäfte zu öffnen. Hier stehen sich nun zwei Argumente gegenüber: Einerseits das Versprechen, endlich wieder raus zu können und dabei trotzdem vor Corona geschützt zu sein, und andererseits die Warnung vor Fehlern und Sicherheitsproblemen der App.

Nun kann eine App nicht vor Corona schützen. Die Luca-App kann anzeigen, wer sich möglicherweise infiziert hat, weil Leute am gleichen Ort waren. Dann hat die Infektion derjenigen, die Luca benutzen, möglicherweise aber schon stattgefunden. Sie könnte dann jedoch ermöglichen, wiederum deren Kontakte zu schützen. Das wäre gut und richtig und sehr ehrenwert, keine Frage. Zudem behaupten die Hersteller, dass die App auch den Gesundheitsämtern helfen könne, Kontakte nachzuverfolgen.

Aber wie sinnvoll ist ein von Luca ans Amt übertragener Datensatz, der Informationen über alle beinhaltet, die zur selben Zeit bei Ikea, im Zoo oder in einer Schule waren? Der gemeinsame Aufenthalt auf einem so großen Gelände wie Ikea muss keineswegs bedeuten, dass sich alle nah genug waren, um sich anzustecken. Dazu kommt: Die Gesundheitsämter schaffen es schon lange nicht mehr, alle Kontakte zu verfolgen, und das liegt nicht daran, dass sie zu wenig Daten hätten. Eine Inzidenz 50 war vergangenes Jahr einmal als diejenige festgelegt worden, ab der eine Nachverfolgung nicht mehr möglich sei.

Begehrte Daten – ohne Schutz

Die Stadt Weimar schreibt im Evaluierungsbericht von Ende März über den dortigen Luca-Einsatz jedenfalls: „Nach erster Beurteilung durch das Gesundheitsamt waren von 655 angefragten und übermittelten Kontakten im Projektzeitraum null Kontakte relevant.“ Null.

Die Liste der IT-Sicherheitsprobleme ist zudem so lang, dass der Chaos Computer Club eine eigene „Bundesnotbremse“ für die Luca-App fordert und von einem „bunten Strauß der Inkompetenz“ spricht. Das größte Problem ist jedoch: Die Daten liegen alle auf einem Server, der von der Firma hinter Luca kontrolliert wird. Wer war wann wo, mit wem, das wird zentral gespeichert, wenn auch zeitlich begrenzt. Das ist für Ikea und den Zoo vielleicht kein Problem, aber wie ist es mit der Kirche? Moschee? Synagoge? Dem kurdischen Verein, der privaten Party? Mit dem baden-württembergischen Landtagsabgeordneten Thomas Blenke kam der erste CDU-Innenpolitiker auf die Idee, Teilnahmen an Demos über Luca zu registrieren. Mecklenburg-Vorpommern macht die Nutzung zudem zur Pflicht. Solche Daten wecken immer Begehrlichkeiten, daher sollte die zentrale Speicherung umgangen werden. Und das ist möglich. Nicht umsonst wurde in die Entwicklung der dezentral funktionierenden Corona-Warn-App 2020 so viel Zeit investiert. Und Geld.

Dennoch wollen die Bundesländer für die Luca-App noch einmal über 20 Millionen Euro ausgeben – für die Erlaubnis, sie ein Jahr benutzen zu dürfen. Die günstigere Methode wäre, die neue Funktion der Corona-Warn-App zu nutzen, die kurz vor der Fertigstellung steht. Und die Corona-Verordnungen der Länder anzupassen, denn die schreiben das Führen der Kontaktdaten-Listen (bislang auf Papier) vor.

Nun heißt es, der Datenschutz der Corona-Warn-App verhindere die Pandemie-Bekämpfung. Dieses Argument ist leider frei von Fakten. Die App funktioniert, sie warnt jeden Tag leise Menschen, sie leidet daher am Präventionsparadox: Wenn’s klappt, merken wir nichts davon. Und so kam Luca um die Ecke. Mit einem Investor, der auch Rapper ist und irgendwie zu erwähnen vergisst, dass er am Erfolg von Luca mitverdient. Das Problem: Digitale Strukturen, die einmal eingeführt sind, bleiben.

Anne Roth arbeitet als Referentin für Netzpolitik bei der Linksfraktion im Bundestag

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06:00 23.04.2021

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