Luft anhalten

Berliner Abende Kolumne

Ich beobachte den Mann schon seit drei Stationen und werde einfach nicht aus ihm schlau. Was macht er da bloß? Eigentlich wirkt er ganz normal. Er ist frischrasiert, ordentlich gekämmt und trägt gepflegte Kleidung: schwarze Lederhalbschuhe, eine dunkelblaue Jeans und einen schwarzen Mantel. Er könnte Architekt oder Dozent an der Uni sein. Schließlich gebe ich mir einen Ruck. Wenn ich ihn nicht anspreche, werde ich nie erfahren, was er da macht. Ich gehe zu ihm.

"Was tun Sie da?", frage ich.

Er gibt mir mit der Hand ein Zeichen, dass ich kurz warten soll, und ich warte. Nach fünf Sekunden atmet er geräuschvoll aus.

"Ich wollte nicht unhöflich sein", sagt er noch nach Luft schnappend und lächelt. "Aber ich konnte jetzt nicht mittendrin abbrechen." Er atmet ein weiteres Mal tief aus. "Die U2 ist die ideale Trainingsstrecke. Sie ist einfach wunderbar komponiert. Der Streckenplaner muss ein großer Musikliebhaber gewesen sein."

Der Streckenplaner muss ein großer Musikliebhaber gewesen sein? Wovon redet er? "Es ist ganz einfach. Beim Türenschließen tief einatmen. Und ausatmen erst dann, wenn sich an der nächsten U-Bahnstation die Türen wieder öffnen."

Aha. Aber was macht das für einen Sinn?

"Ich bin Hornist", sagt er, als könnte er meine Gedanken lesen. "Ich habe auch andere Linien ausprobiert, aber an die U2 kommt keine andere Strecke heran. In ihr steckt einfach so viel drin. Sie hat Tiefe, sie hat eine Geschichte zu erzählen, und sie lässt sich dafür die notwendige Zeit. Und das macht sie zu einer wirklichen Herausforderung, weil sie von einem Konzentration und Ausdauer abverlangt. Es gibt ein paar richtig schwierige Passagen, aber genau das zeigt auch ihre Größe. Wenn man sie einmal hin- und zurück schafft, ist man wirklich gut. Dann ist man selbst für ein fünfstündiges Konzert gewappnet und kann sich ohne Lampenfieber in den Orchestergraben begeben."

"Sie trainieren also ihre Atmung", sage ich. "Aber der Abstand zwischen den einzelnen U-Bahnstationen ist doch unterschiedlich lang."

"Das ist doch gerade das Gute. Musikstücke sind doch auch unterschiedlich lang. Und die Parts für die Hornisten selbstverständlich auch. Der Part, den ich gerade einstudiere, hat sogar elf Stationen lang einen ähnlichen Verlauf wie die U2. Das ist kein Zufall. Es ist ein ganz klassisches Motiv."

Ich sehe ihn mit großen Augen an. "Sagen Sie, wie kommt man auf so etwas?", frage ich.

"Ein bereits pensionierter Kollege hat mir erzählt, dass er das immer in der Straßenbahn gemacht hat, um seine Atmung zu trainieren. Ich habe es dann auch einmal ausprobiert. Und irgendwann bin ich auf die U2 gestoßen. Es hat ein bisschen gedauert, weil ich eigentlich in einer ganz anderen Ecke der Stadt wohne."

"Für Sie ist diese Strecke also eine Art Trainingsgelände. Sie benutzen die U2 gar nicht als Fortbewegungsmittel?"

"Genau so ist es", sagt er. "Atmen Sie mal vom Spittelmarkt bis zum Zoo mit. Ich liebe diesen Abschnitt. Sie werden sofort spüren, dass Sie das schon einmal gehört haben."

Wir sind gerade in den U-Bahnhof Märkisches Museum eingefahren. Eigentlich müsste ich die nächste Station aussteigen. Ich bin mit Sonja, meiner Schwester, verabredet. Aber wann habe ich schon mal die Gelegenheit mit professioneller Begleitung in der U-Bahn die Luft anzuhalten?

"Wenn die Türen sich schließen?"

Er nickt.

Ich werde meiner Schwester eine SMS schicken, dass ich später komme. Und dann füllen wir unsere Lungen mit Sauerstoff und beginnen, die Luft anzuhalten.

Und atmen erst an der nächsten Station wieder aus.

Und wieder. Und wieder. Und ich staune.

Und wieder. Elf Stationen lang.

Ich bin völlig außer Atem, als wir am Zoo ankommen, aber der Hornist hat Recht. Ich bin kein großer Kenner klassischer Musik, doch diese Melodie im Brustkorb, im Mund und in der Nase zu spüren, ist wunderbar.

"Und?", fragt er.

"Ja", sage ich und nicke.

Wir strahlen jetzt beide.

"Dieser Streckenabschnitt ist ein Traum", sagt er. "Ich habe so etwas bisher in keiner anderen Stadt wiedergefunden. Weder in der Pariser Métro noch in der Londoner Tube und auch nicht in New York oder Ottawa. Die U2 scheint in dieser Hinsicht wirklich einzigartig zu sein."

"Danke", sage ich. "Ich bin froh, dass ich Sie getroffen habe."

Ich gebe ihm die Hand und steige aus, bevor sich die Türen wieder schließen. Ich sehe, wie er tief Luft holt, und dann setzt sich die Bahn auch schon in Bewegung und verschwindet im Tunnel. Ich mache mich auf den Weg zum gegenüberliegenden Bahnsteig und freue mich bereits auf die Rückfahrt.


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00:00 09.02.2007

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