Lügen Sie jetzt!

Sprachvermasselung In den Medien wollen immer weniger Menschen das denken, was sie sagen

Ständig ist von der Bilderflut, die uns überschwemmt, die Rede. Bilder treffen auf unser Auge in immer schnellerer Folge, mit immer ungewöhnlicheren Perspektiven, mit schockierenden Effekten.

Zu all den Bildern auf allen Kanälen kommt eine nie da gewesene Menge von Sprache. Sprache, auf die es nie so recht ankommen will, die überquellend, aufgeschäumt nichts wirklich bewirken oder weiter tragen soll. Sprache, die in einer angestauten Leere nur als Füllmasse zu dienen scheint. Dabei verliert sie ihren Bau und ihren Halt - so unablässig kommen semantisch Falsches und demaskierende Versprecher aus den Mündern der Moderatoren, der Politiker, der Beamten, dass das Mitdenken des Bürgers entweder gar nicht erwünscht scheint oder mit einer "Schnittmenge" des Ungefähren zugeschüttet werden soll.

Die CDU-Spitzenkandidaten, Herrn Kohl und Frau Merkel, verbindet zum Beispiel ein auffälliger Versprecher. Helmut Kohl 1983 und Angela Merkel 2005 haben vor dem Bundestag in der Aufzählung von möglichen Bündnispartnern für ihre Politik beide gewohnheitsmäßig hergebetet: "Eine Koalition von CDU/CSU und ... SPD." Lachen im Plenum. Die große Koalition im Unterbewusstsein? Kohl reagierte 1983 auf den Saal und sagte: "Das war kein Freud´scher Versprecher." Frau Merkel verbesserte sich. Später sagte sie noch: "Vertrauen ist der Schmierstoff unserer Demokratie", und setzte den Lachern entgegen: "Jeder pflegt die Assoziationen, die er hat". Früher wollte sie "für die Wirtschaft immer einen besseren Schwimmanzug" schneidern, obwohl im Becken kein Wasser war. Jetzt will sie mehr "dickere Bretter bohren", "durchregieren", "aus einen Guss". Schmierstoff der Demokratie!

Wer an der Leitkultur hängt, der möchte die Tradition des bildhaften Ausdrucks nutzen, "um den Bürger zu erreichen", aber es klappt nicht. Man muss klare Vorstellungen haben und echte Visionen, wenn man mit sprachlichen Bildern umgehen will. Es wimmelt nur so von verrutschten Bildern, Bedeutungsverlusten überall, die Sprache liegt - in den letzten Zügen. In einer TV-Reportage hieß es: "Die Arbeiten am Stadion in München liegen in den letzten Zügen", und bei ntv gab es die Meldung aus London: "... dass Terroristen in den letzten Zügen einer Anschlagsplanung wären."

Beharrlich halten sich in der Politikersprache bildliche Ausdrücke aus dem Militärischen, sie erinnern peinlich an das Zeitungsdeutsch von Kriegsberichterstattern. 2004, als die SPD ihre Reformen verteidigen musste, sagte Peer Steinbrück bei Frau Christiansen: "Wir dürfen uns nicht in die Furche legen und feige in die Büsche schlagen, wenn die Luft etwas eisenhaltig wird". In einer Diskussion zur NPD in Sachsen äußerte Böhmer von der CDU: "das ist nicht die Gefechtslage" und "das ist ein unterschiedliches Gefechtsfeld"; die Moderatorin einer Sendung über die PDS bei den Landtagswahlen in Brandenburg gebrauchte die Formulierung, "Sie stehen also Gewehr bei Fuß." Heide Simonis wiederum erlitt einen "hinterhältigen Dolchstoß". Bilder aus der Soldatenromantik sind Parteien übergreifend: "Wer glaubt, in der westlichen Welt leben zu können, der dürfe nicht glauben, sich feige ›in die Büsche schlagen‹ zu können!" So Beckstein von der CSU.

Der Arabien-Experte der Bundesregierung beschrieb im Deutschlandfunk einen Besuch des Kanzlers im "arabischen Raum" . Was ist das für eine weitläufige, staatenlose und zu besetzende Gegend, der "arabische Raum"? Er nennt die Kontakte des Kanzlers auch: "Flankenschutz für die deutsche Wirtschaft". Dabei übt er selber Sprachkritik: "Ich kann das nicht leiden, das Wort Spürpanzer, das sind chemische Labors, die gepanzert sind", und schließlich rückt er mit der Sprache heraus: "Ach wissen Sie, wir haben uns abgewöhnt, von den Problemen der Waffenlieferungen in Spannungsgebieten zu reden."

Der Autor Michael Thumann schreibt zu diesen Themen (Zeit vom März 2004): "Schon heute verachten Araber, Iraner, Pakistanis ihre Herrscher und reden sich heiß über Demokratie und Wahlen. Mögen sie darüber sprechen, bis sie das Gefühl haben, es seien ihre eigenen Ideen gewesen. Dann werden sie diese auch annehmen." Was ist das für ein Hochmut? Und ebenda: "Das Außenministerium (der USA) brütet über die sanfte Demokratisierung des Nahen Ostens nach." Ist das ein Übersetzungsfehler? Man kann nicht "nachbrüten". Aber das ist es wohl, nachbrüten, wenn es schon geschlüpft ist, das Unheil, weiterbrüten, als gäbe es noch ein Ei.

Norbert Blüm lobte Heiner Geißler einst mit der Bemerkung: "Also der Heiner Geißler hat für den Kohl doch allerhand glühende Kohlen aus dem Feuer geholt." Die eigentliche Nahrung des Feuers, die Kohlen heraus holen, das hieße, das Feuer zum Erliegen bringen, während doch das Bild tatsächlich sagt, dass eine Kastanie, eine essbare Kostbarkeit, vor dem Verbrennen gerettet wird. Blüm waren die Kastanien nicht genug, er wollte es heißer haben.

In einem Interview mit Helmut Schmidt wurde dem aktuellen Bundespräsidenten geraten, er solle "auch mal Kante zeigen"! Eine Moderatorin wiederum meinte, der Bundespräsident habe "seine Grenzen ausgekostet." Frank Bsirske von Verdi rief 2004 noch kämpferisch seiner Gewerkschaft zu: "Wir haben uns entschlossen, denen die Kante zu geben!" Heißt das nun eher sich betrinken oder jemanden betrunken machen, oder was? Ach, was sind schon heiße Kastanien gegen schwarze Millionen, man muss eben Kante zeigen.

"Die Banken haben kalte Finger bekommen", äußerte ein Börsenbeobachter, und der Herr korrigierte sich: "Das heißt, sie haben sich die Finger verbrannt" - eine verzeihliche kleine Verwechslung mit dem Bilde "kalte Füße kriegen". Die Temperatur der Vorgänge ist offensichtlich nicht mehr so einfach zu erfühlen.

Überhaupt geht es mit den Gefühlen am schlechtesten. Auch das Hitzeschild der Discovery wurde als empfindsam beschrieben. Aber die Börse fühlt mehr als wir alle, das wissen wir längst. Die Börse ist lebhaft oder sie ist lustlos. Gefühllos sind dagegen die Äußerungen der Börsianer zum Kauf von Pro7 und Sat1 durch den Springer-Konzern. Mit zynischem Jargon sollen die Härten abgeschliffen werden? "Wer zu den Höchstwerten von 45 Euro eingestiegen ist, der ist geküsst", "aber es ist zumindest diesmal nicht so, wie das bei Übernahmen oft ist, dass die Kleinaktionäre rasiert werden." Vorsicht! Irgendwie lugt die Gemeinheit des Denkens fast so deutlich aus der Sprache wie aus der Kontaktanzeige in der Zitty: "Suche unterwürfige Frau!"

Gefühle sind höchstens zu heucheln! Ein Politikwissenschaftler aus London sagte im Mai im Deutschlandfunk zu den Folterungen von irakischen Gefangenen: "Diese Dinge waren seit Wochen bekannt, und man hätte sich betroffener geben müssen ... eh ... also auch sein müssen" Politiker der SPD formulieren auch so: "Wir müssen wirklich den Eindruck machen, dass wir uns um die Sorgen der Menschen kümmern". Man muss eben den Eindruck machen. "Lügen Sie jetzt!"

Ich weiß, mit der Entlarvung eines sprachlichen Ausdrucks ist noch nichts gewonnen, so wie mit der Deutung des jährlichen Unwortes keineswegs die Praxis verändert wird, aus der dieses Unwort hervorgegangen ist. Das ist schon wahr, aber man muss doch die Instrumente scharf halten. Beachtung der Sprache, das schlägt derselbe Oskar Lafontaine in seinem Buch Politik für alle vor, dem man neulich seinen Ausdruck Fremdarbeiter übel nahm. Sprachniveau für alle!

So sollte man zum Beispiel vermehrt auf Ton und Betonungen achten, um sich im Sprechbrei zu orientieren. Zum verbreiteten knappen "Ja", das so abgepresst herauskommt, dass es fast "nein" ist, sozusagen ein kapitulierendes "Ja", kommt überall das ernüchternde "is so". Auch das "okay" hat seinen besonderen Ton, wenn es nach hinten oben ausschleift im Sinne von: "Gut, vorläufig akzeptiere ich, aber wir werden ja sehn". Auf solche Zustimmungen kann man sich "nicht wirklich" verlassen.

Jetzt wird auch das von der alten Politiker-Generation wie Schily sehr häufig gebrauchte "Ich darf sagen" abgelöst von "keine Frage!" Nichts mehr mit Scheinhöflichkeiten, mit der formalen Bitte um die Erlaubnis, etwas zu sagen. Hier wird knallhart festgestellt, dass Fragen nur Umwege sind und sich nicht lohnen, die Situation ist bekannt und anerkannt, keine Frage.

Die Mediensprache zeigt den schrecklichen Verfall der Sprachkultur und damit das Verschwinden einer Chance wirklicher Verständigung. Wenn es einen allgemeinen Konsens gibt, dass die Wahrheit nicht herauszufinden ist, nicht gesagt werden kann oder im Interesse der Geschäfte nicht gesagt werden darf, dann wird Wahrheit auch nicht mehr erwartet, die Kraft der Sprache geht verloren. Die Füllmasse der Mediensprache besteht aber nicht nur aus "versehentlichen" entlarvenden Versprechern, lächerlichem Fehlgebrauch von traditioneller Bildhaftigkeit, peinlichen Missgriffen bei der Wortwahl und schluderigem Umgang mit den Zeitformen des Verbs, es gibt durchaus auch die absichtlich verlogene Umdeutung der Bedeutungen, siehe Orwell, 1984.

Besonders traurig aber macht die immer hoffnungslosere Bürokratisierung. Bei einer Pressekonferenz des Innenministers im August häuften sich Begriffe wie: "ganzheitlicher Bekämpfungseinsatz" und "Gefährdungsbewertung". Juristendeutsch? Aber auch die Kulturbeauftragte der Bundesregierung, die kluge Frau Weiss, gebraucht Wortschrauben wie: "Kristallisationspunkte der Sehnsucht nach kultureller Identifikation". Die "ganzheitliche Bekämpfungsstrategie des Terrorismusbekämpfungszentrums" treibt entsprechende Sprachblüten. Im Interview mit Michel Friedmann sprach Minister Beckstein praktischerweise nur noch von einem "Terrorzentrum". Er wolle die Sicherheitsvorkehrungen höher fahren.

Ja, da müssen wir doch nicht gleich so "empfindsam" sein wie ein Hitzeschild. Das kann passieren, und das ist eher lustig, wenn man sich verspricht. Jeder verspricht sich mal. "Denn wo gehobelt wird ..."

Während andere Deutschland wieder einmal wachrütteln (Stoiber) wollen, lasst uns mit jener hoffnungsvollen Rednerin auf einer Demo ausrufen: "Vielleicht schaffen wir es, an diesem sonnigen Tag ein paar dunkle Wolken über die Neoliberalen zu ziehen."


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00:00 19.08.2005

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