Lügen und lügen lassen

Kommentar Wer würde denn von Politikern ausgerechnet im Wahlkampf Ehrlichkeit verlangen

Wahlkampf ist ein Spektakel, das vorgibt, einen Inhalt zu haben. Dass er ihn nicht hatte, merkt man spätestens, wenn das Spektakel vorbei ist und das alte Stück einfach weiter gespielt wird. Beim Spektakel geht es nur um die Besetzung der ewig gleichen Rollen. Wie im Theater oder Kabarett gibt es auch in der Politik gute und schlechte Darsteller. Dass man sie hier und da mal auswechselt, gehört zum Wesen des Theaters wie der Demokratie. Die Parteien spielen dabei die Rolle von konkurrierenden Besetzungsbüros. Sie schlagen den Wählern den Kandidaten vor, von dem sich vor allem die, die ihn gewählt haben, meist schon kurz nach der Wahl dann enttäuscht wieder abwenden, nur weil er nicht hält, was er versprochen hat. Dass ein Kandidat nach der Wahl anders spricht als vor der Wahl, haben zwar alle vorher gewusst. Das hindert sie aber nicht, ihm das nachher vorzuwerfen. Der Mut zur Lüge gehört zum erfolgreichen Wahlkampf, weil in der Angst vor der Wahrheit ein großes Wählerpotenzial steckt.

Wie im Theater kommt es auch in der Politik immer mal wieder zu ausgesprochenen Fehlbesetzungen. Und der ganze Wahlkampf dient nicht selten nur dazu, die eine Fehlbesetzung durch die andere zu ersetzen.

Im Gegensatz zum Normalbürger freut man sich als Kabarettist über fast jede Fehlbesetzung. Sechzehn Jahre Kohl waren eine sichere Bank für deutsche Kabarettsatire. Schröder und Fischer konnten ihn nie wirklich ersetzen, und Scharping wurde viel zu früh aus dem politischen Verkehr gezogen, um im Kabarett bleibende Spuren zu hinterlassen. Vom kabarettistischen Standpunkt aus wäre Stoiber eine Idealbesetzung im Kanzleramt gewesen. So aber muss er sich - wie wir uns - damit abfinden, dass er voraussichtlich nur in die bayerische Kabarettgeschichte eingehen wird.

Welche Hoffnungen setzt unsereins nun in das politische Personal, das uns nach dem 18. September regieren wird? Die Aussichten sind für Kabarettisten nicht so schlecht wie für den Rest der Bevölkerung. Wenn der Wahlkampf nicht täuscht, kommt da viel Komisches auf uns zu, auch wenn oder gerade weil die große Mehrheit wenig zu lachen haben wird. Von Angela Merkel wissen wir bereits, dass es sich diesmal um eine Schicksalswahl handelt. Wir werden unser Schicksal also genau im Auge behalten müssen.

Die Noch-Kandidatin und Höchstwahrscheinlich-Kanzlerin ließ sich bei ihren zahlreichen Wahlkampfauftritten auf dem flachen Lande widerspruchslos als ehrlichste Politikerin Deutschlands ankündigen. Sie hat sozusagen andere für sich lügen lassen. Und das geht in Ordnung. Zu einem ehrlichen Wahlkampf gehört nunmal lügen und lügen lassen. Wer das bestreitet, lügt bestimmt nicht zum ersten Mal.

Bei ihren noch zahlreicheren Wahlkampfauftritten im Fernsehen versuchte Angela Merkel immer wieder mit ehrlichem Augenaufschlag zu punkten, wenn sie sich im Dickicht von Steuer-, Renten- und Gesundheitspolitik ein wenig verirrt hatte. Wurde sie zum Beispiel gefragt, wie sie die Lage auf dem Arbeitsmarkt grundlegend verändern wolle, sagten ihre Augen zwar: "Ich weiß es doch auch nicht." Aber was ihr Mund sprach, hörte sich anders an. Nicht halb so ehrlich. Wie sollte es auch? Welcher Wähler möchte die eigene Ratlosigkeit bei der Kanzlerkandidatin seiner Wahl wiederfinden? Und wir wissen schließlich alle, so ehrlich, wie die Merkel guckt, kann sie nach so einer steilen Karriere gar nicht mehr sein. Ehrlichkeit von einem Politiker ausgerechnet im Wahlkampf zu verlangen, das heißt vom Schnaps erwarten, dass er einen nicht besoffen macht.

Dass Schröder noch unehrlicher ist als sie, das glaube ich der Merkel aufs Wort. Der belügt nicht nur seine Wähler, sondern auch sich selbst, wenn er bis zur letzten Minute behauptet, die Wahl nochmal gewinnen zu können. Trotzdem wirkt er beim offensichtlichen Lügen doch meist sympathischer, auf jeden Fall souveräner als die Merkel beim nicht ganz so offensichtlichen Ehrlichsein.

Dass manche Beobachter sie beim großen Fernsehduell im Nachhinein sogar zur Siegerin erklärt haben, haben sie damit begründet, dass die Merkel weit weniger schlecht als erwartet abgeschnitten habe, weil Schröder nicht ganz so gut abgeschnitten hat, wie alle erwartet hatten. Ihr Sieg bestand also darin, dass sie nicht ganz so hoch verloren hat, wie zu erwarten war. Solche Siege haben wir in der DDR jahrzehntelang errungen und am Schluss eben doch verloren. Um einen alten DDR-Witz zu variieren - Frau Merkel belegte beim Fernsehduell einen hervorragenden zweiten Platz, während Schröder nur Vorletzter wurde.

Peter Ensikat ist Schriftsteller und Kabarettist.


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