Luis Trenkers Junge

Listen Das „Kino Buch“ über die Aufzeichnungen einer Leipziger Kinogängerin
Lukas Foerster | Ausgabe 16/2017

Während es das Kino schon seit vielen Jahrzehnten gewohnt ist, für tot erklärt zu werden, muss sich das Buch an diesen Zustand erst noch gewöhnen; und es wird sich im Zuge dieser Gewöhnung sicherlich auch verändern. Kino Buch ist nicht unbedingt ein neuartiges Buch, aber man kann sich gut vorstellen, dass es in Zukunft, wenn Bücher ihre Selbstverständlichkeit verloren haben werden, mehr seiner Art geben wird: Bücher, die ihr Buch-Sein mitreflektieren.

Das Kino Buch ist gleichzeitig Buch und Meta-Buch; oder: gleichzeitig ganz besonders Buch und mehr als Buch. Zum Beispiel hat es eine Website (www.kinobuch.com) und auf der einen Trailer. Außerdem ist Kino Buch nicht ein, sondern zwei Bücher, von denen nur das zweite so halbwegs darauf angelegt ist, von vorn bis hinten durchgelesen zu werden. Das erste besteht zu weiten Teilen aus dem Abdruck einer Liste, die eine Kinogängerin zwischen den frühen 1930ern und den frühen 1950ern angelegt hat: Die Protokolle der Stenotypistin Charlotte Gerth aus Leipzig reihen kurze Einträge auf, die den Filmtitel und zumeist das Datum des Kinobesuchs sowie die Namen der Stars und eine kurze Bewertung umfassen. Der Eintrag zu Stradivari wird ergänzt durch: „Der Fluch einer Geige. Sehr schön.“ Es gibt auch Einträge „außer der Reihe“, wie zum Beispiel Adressen von Schauspielerinnen. Zu Luis Trenker teilt Gerth mit: „Ist verheiratet, und hat (einen) Jungen.“

Die Liste wurde ursprünglich von Hand in einem Schreibheft verfasst. Zum Buch wurde sie durch die Anstrengungen von Katrin Erthel und Tabea Nixdorff, Studentinnen des Instituts für Buchkunst Leipzig. Es geht gerade nicht darum, das Heft als ein Zufallsfundstück (tatsächlich tauchte es auf einem Flohmarkt wieder auf) historisierend auszustellen. Erthel und Nixdorff haben lediglich eine Seite des Originalhefts grafisch übernommen, als Negativkopie.

Wenn man eine Liste schreibt, dann handelt es sich erst einmal nur um eine externalisierte Erinnerungsfunktion, um ein Stück Selbstorganisation und, ob man es will oder nicht, Selbstformalisierung. Die Überschrift von Gerths Liste, „Filme, die ich gesehen habe”, ist ergänzt um den einschränkenden Zusatz „und die ich noch einigermaßen weiß“; außerdem ist sie nummeriert. Wobei die Nummern, wie andere Regelsysteme, die die Liste sich setzt, oft durcheinandergeraten. Wenn man eine Liste schreibt, handelt es sich immer um ein Stück Selbstdesorganisation.

Etwas anderes ist es, wenn man eine Liste veröffentlicht. Dann geht es nicht mehr um ein verschriftlichtes Selbstverhältnis, sondern um eine Positionsbestimmung in einem geteilten sozialen Raum. Das hat immer etwas Obszönes. Weil schon die Geste selbst den Versuch nahelegt, den eigenen verfeinerten Geschmack auszustellen. Kino Buch beweist das ex negativo: Gerade weil die Liste der Charlotte Gerth nie für andere Augen als die ihrer Erstellerin gedacht war, kann sie Jahrzehnte später zu einem gänzlich unobszönen Buch werden.

Die zweite Hälfte von Kino Buch erweitert das mediale Spiegelkabinett. Sie nennt sich „Drehvorlage“ und besteht aus heterogenen Textsplittern, die im typografischen Stil eines Filmdrehbuchs konstelliert werden: Pressenotizen, Anzeigen, soziologische Untersuchungen, ausgewählte Einträgen aus Gerths Liste, aber auch Filmszenen und Romanpassagen formieren sich zu einer wunderbarerweise gleichzeitig (Material-)dichten und (Gedanken-)durchlässigen Collage, die Kinodiskurse und Sozialgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufeinander abbildet.

Fast ein wenig überflüssig erscheint da der Nachdruck von Siegried Kracauers idelogiekritischen Miniaturen Die kleinen Ladenmädchen gehen ins Kino. Die erscheinen bei aller sprachlichen Brillanz neben den anderen in Kino Buch versammelten Artefakten fast wie eine Liste der Vorurteile.

Info

Kino Buch Katrin Erthel, Tabea Nixdorff Institut für Buchkunst 2016, 332 S., 20 €

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