Unter Grünen

Soziologie Lukas Haffert unternimmt eine „politische Vermessung“ des Landes. Hatte er Vorurteile?
Stadt und Land, unschön zusammengezwungen: der Holzmarkt in Berlin
Stadt und Land, unschön zusammengezwungen: der Holzmarkt in Berlin

Foto: Tom Maelsa/IMAGO

Der Titel wirkt spielerisch, Stadt, Land, Frust klingt nach einem unterhaltsamen Zeitvertreib für gebildete Leute, aber das täuscht. Das Buch von Lukas Haffert, Oberassistent am Lehrstuhl für vergleichende politische Ökonomie der Universität Zürich, liest sich eher wie eine Dissertation und nicht wie ein seichtes Sachbuch. Auf rund 150 Seiten Text folgen ein Tabellenanhang und rund 300 Anmerkungen, vornehmlich Literaturverweise. Man sollte sich also hellwach und konzentriert an dieses Werk setzen.

Der Untertitel lautet Eine politische Vermessung, und was da vermessen werden soll, das ist wohl die politische Differenz zwischen Stadt und Land, wobei Haffert zunächst einmal – ganz wissenschaftlich – ein Maß sucht für Ländlichkeit oder Urbanität. Nicht jede dünn besiedelte Gegend muss auch ländlich sein, und nicht jede mittelgroße Stadt ist schon urban, erfährt man. Es muss also ein Maß her, das Urbanität beschreiben kann. Haffert findet dieses Maß im Anteil der Künstler an der Bevölkerung, und diese Zahl bezieht er wiederum aus der Zahl der Personen, die in der Künstlersozialkasse versichert sind. Hoher Künstleranteil, hohe Urbanität, so ist die These, die sich, so liest man, bestätigen lässt durch die Zahl der Programmkinos und freien Theater, den großen Altbaubestand, die Bars und Cafés. Allerdings fragt man sich da, ob nicht das, was vermessen werden soll, schon in den Maßstab mit eingebaut wird. Irgendwie ist es wenig überraschend, dass in diesen urbanen Vierteln mit „gut ausgebautem ÖPNV und relativ wenig Pkw-Besitz“ überdurchschnittlich viele Grünen-Wähler zu Hause sind.

Hier deutet sich ein Problem an, das die Lektüre des Buchs unterschwellig vom Anfang bis zum Ende begleitet. Natürlich ist der Autor selbst ein Vertreter der „akademischen Mittelschicht“, die nach Hafferts Worten die Sozialstruktur in urbanen Stadtteilen, in den Zentren der Metropolen und Universitätsstädten dominiert, und seine Leser werden sehr wahrscheinlich zu ebendieser Bevölkerungsgruppe gehören. Zwar bemüht sich der Autor, wissenschaftlich eine Äquidistanz zu Stadt und Land aufzubauen, aber in den Urteilen und Bewertungen gelingt ihm das nicht. Wenn er die sogenannte kreative Klasse beschreibt, die die urbanen Zentren bevölkert, fallen ihm fast nur positive Begriffe ein, „Offenheit und Toleranz“ seien da wichtig, die Universalisten gehen in die urbanen Städte, die mit den partikularistischen Einstellungen leben auf dem Land. Wie viel Vorurteil bringt der Autor da schon mit in seine Studie? Und welche Toleranz ist gemeint? Werden die Identitätsdiskurse, die Gender- und PoC-Debatten nicht vor allem in den Kreisen geführt, die Haffert als Kosmopoliten bezeichnet, und sind die tatsächlich immer von Offenheit und Toleranz geprägt?

Gerade die Tatsache, dass das Buch wenig überraschende Einsichten bietet, sondern eher Vorurteile auf allen Seiten statistisch untermauert, ist ein Indiz dafür, dass es schon viele dieser Vorurteile in seine Maßstäbe und Methoden mit einbaut. Attribute wie Diversität, Offenheit und Toleranz werden unreflektiert als Werte eines kosmopolitischen Lebensstils angenommen, der wiederum kritiklos der kreativen Klasse in den urbanen Zentren zugeschrieben wird. Zwar gelingt es dem Autor, mit seinen Methoden ein zu einfaches Modell des Stadt-Land-Konfliktes durch ein komplexeres zu ersetzen, bei dem die statistischen Verteilungen von Wahlergebnissen prägnanter sind, aber Erklärungskraft oder gar ein Beitrag zur Befriedung der Konflikte entsteht daraus nicht.

Info

Stadt, Land, Frust. Eine politische Vermessung Lukas Haffert C.H. Beck 2022, 190 S., 14,95 €

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