Lukrez

A–Z Laut Lukrez muss Ostern leider ausfallen: Kein Gott bestimmt unser Leben, sondern jede Menge Teilchen. Das Lexikon von Wolfgang Hörner, Leiter des Berliner Galiani Verlag
Lukrez

Abb.: Spencer Arnold/Getty Images

A

Auferstehung Die fällt bei ➝ Lukrez, sorry, leider völlig aus. Transzendenz? Fehlanzeige. Nach seinem philosophischen Lehrgedicht Über die Natur der Dinge besteht die Welt aus einer riesigen, unveränderlichen Zahl unsichtbar kleiner Teilchen, die sich nach dem Zufallsprinzip zu komplexen Gebilden zusammenfinden. So entsteht das Leben (das Seelenleben eingeschlossen). Nach einiger Zeit lässt die Stärke der Teilchenbindungen nach (ob es sich um Minuten, Monate, Jahrzehnte oder Jahrtausende handelt, entscheidet der Charakter des Gebildes), und schlussendlich zerfällt das Gebilde wieder in seine einzelnen Teilchen. Das ist der Tod. Vom Ursprungsgegenstand, von dem die Teilchen stammen, bleibt nichts. Der Dichter kommentiert das so: „Bitter gewiss, wenn nach dem Tod der Leib zermalmt wird von zahnbewehrten Kiefern wilder Bestien. Doch warum, frage ich, soll das bittrer sein, als in Flammenglut zu verbrennen, oder in Honig balsamiert und eng gewickelt zu erstarren, auf kaltem Marmor steif zu werden, oder unter der Erde Last erdrückt und zerrieben.“

C

Clinamen Es ist das Element des Zufalls im Determinismus, der Grund, warum das alles geschieht. In Lukrez’ Welt fallen die kleinsten Teilchen von oben nach unten. Fielen alle parallel, geschähe nichts. Einige aber haben ein „clinamen“, eine geringe Abweichung, sie geraten aus der Bahn. So stoßen sie auf andere und diese wiederum auf andere, und das herrliche, wunderbare Chaos des Lebens beginnt. Und um es in des Dichters eigenen Worten zu sagen: „Daß der Sinn aber selber nicht habe inneren Zwang in allen Dingen, welche er anfängt, und wie ein Besiegter gedrängt ist zu tragen und zu leiden, das bewirkt der Ursprungskörper winzige Beugung (exiguum clinamen), weder am festen Ort noch auch zum sicheren Zeitpunkt“.

F

Feldlektüre Der in den Hochzeiten der Gladiatorenspiele und Bürgerkriege lebende Römer war Pazifist mit Leib und Seele. Die Grausamkeit mancher Tiere gehörte für ihn zur ➝ Natur, menschliche aber nicht. Seine Schilderungen der Grauen des Krieges (in Panik geratene, die eigenen Truppen zertrampelnde Kampfelefanten, vom Körper abgetrennte, noch zuckende Gliedmaßen, Verwüstungen durch Streitwagen et cetera) verstören so sehr, dass mancher Forscher hier ein Trauma des Autors vermutet. Umso erstaunlicher, dass Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg als Feldlektüre stetsÜber die Natur der Dinge“ mit sich trug. Freilich: Er las hier hauptsächlich in Buch III, diesem großen Lukrez’schen Freiheitsfrischluftstoß, dem Sang über die Nichtigkeit des Todes: „Der Tod drum ist uns nichts, geht nicht das Geringste uns an“ (III, 83 0ff.). Das ist bei Lukrez so, weil der Tod ein vollkommen natürlicher Vorgang ist. Nach ihm bleibt von uns nichts, also gibt es auch keinen Grund, uns vor ihm zu fürchten. Lieber sollen wir das Hier und Jetzt genießen, Lust suchen und Schmerz vermeiden. Ist das nicht besser als Auferstehung?

K

Konsequenz Lukrez’ Sprache, sein Wohlklang, seine Vergleiche, die Zartheit seiner Beobachtung: wunderschön. Und das notwendigerweise, denn Lukrez’ Holismus kann gar nicht anders, als Form und Inhalt zusammenzubringen. Später wurde die Schönheit seines Textes oft gegen sein Denken ausgespielt: Stellvertretend sei Goethe genannt, der zwar seinen Freund Knebel dazu anstiftete, eine der ersten deutschen Übersetzungen anzufertigen (der als unchristlich und skandalös empfundene Text war in Deutschland bis ans Ende des 18. Jahrhunderts unübersetzt geblieben!), vor der gesamten Konsequenz des Materialismus aber schreckte er zurück: „Man soll in vielen Stücken nicht so denken wie Lucrez, ja man kann es nicht einmal und wenn man wollte!“ Oder Lord Byron, der den Dichter verehrte (➝ Verehrer), aber meinte: „Lucretius irreligion is too strong / for early stomachs to prove wholesome food“ (Don Juan 43).

L

Lukrez (Titus Lucretius Carus) – über ihn weiß man so gut wie nichts. Cicero und ein paar andere Zeitgenossen nennen ihn, gestorben sein muss er wohl 53–55 vor Christus sein. Ob er neben De rerum natura noch etwas geschrieben hat, weiß man nicht. Sein in Hexametern abgefasstes, die Lehren des griechischen Philosophen Epikur in 7.400 lateinische Verse gießendes großes Lehrgedicht stammt aus dem 1. Jahrhundert. Bald verschwinden er und seine Schrift aus den Diskussionen. Im Mittelalter sagt ihm Hieronymus nach, er sei durch einen Liebestrank wahnsinnig geworden und habe sich selbst den Tod gegeben: Das ist wohl nur üble Nachrede. Hunderte Jahre bleibt sein Werk verschwunden. Erst 1417 findet der italienische Humanist Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster eine mittelalterliche Kopie des Lukrez’schen Textes und lässt sie kopieren. 1573 erscheint in Brescia das erste gedruckte Exemplar.

N

Natur „Die Natur ist frei, ledig ist sie ihrer stolzen Tyrannen. Aus eigener Macht regelt sie alles, ohne Zutun der Götter“ (Buch II, 1090). Und wie steht der Mensch in der Natur? Er ist Teil von ihr, nicht ihr Beherrscher, nicht wichtiger als sie, nicht unwichtiger als alles andere auf der Welt; auf gleicher Stufe wie Tiere, Pflanzen, Wasser, Stein. „Es ist die Welt so wie sie ist, nicht durch göttliches Wirken und auch nicht für uns geschaffen“(II, 190). In Buch III, 930 ff. lässt Lukrez gar die Natur selbst die Stimme erheben und eine Rede auf die Nichtigkeit des Todes halten. Nicht ohne Grund ist das die Lieblingsstelle Christoph Martin Wielands, diesem viel zu wenig beachteten großen Spätlukrezianers und Frühgenie, der deutschen Dichtung. Er hat Über die Natur der Dinge 1752 ins Deutsche übertragen und gilt als Schriftsteller der Aufklärung.

Und Lukrez kann sich seitenlang über die Vielfalt der Natur und ihre Schönheit freuen, sich ballenden Wolken und Gewittern zusehen; den Staubteilchen beim Tanz im Lichte der Sonne; dem Himmel, der sich in einer Pfütze spiegelt. Und auch seine Tierbeobachtungen sind grandios.

O

Ostern Das Fest fällt, noch mal sorry, ebenfalls aus. Wegen des Auferstehungsausfalls einerseits, aber auch, weil es ein religiöser Ritus ist. Dergleichen ist in Lukrez’ Augen ziemlich affig. Er hält es zwar für gut möglich, dass es Götter gibt; nur: Warum sollten diese ihr Augenmerk ausgerechnet auf die Menschen richten? Menschen sind Zusammenballungen kleinster Teilchen wie alles andere auch und haben keinerlei Sonderstellung in der Welt.

Die Idee, Götter könnten oder wollten das Schicksal der Menschen beeinflussen, ist in Lukrez’ Augen absurd. Sie haben nichts zur Entstehung der Welt (➝ Welten) beigetragen, leben in eigenen Sphären und genießen ihr Dasein: „Es leben die Götter, ihrer Natur gemäß, in vollendetem Frieden ihr unsterbliches Leben, weitab und unserer Welt entrückt.“ Warum wollen dann die Menschen Erscheinungen mit Hilfe von Göttern erklären? Sie sollen sich lieber auf die Suche nach den wahren Gründen machen. Skandalöse Ansichten, zu seiner Zeit. Noch absurder ist für den berühmtesten Schüler Epikurs die Vorstellung, Menschen könnten durch Opfer, Beten, Feiertage oder Ähnliches das Verhalten der Götter beeinflussen. Ebensowenig sollten sie die Götter fürchten.

Deshalb, frei nach Lukrez’ Credo: Feiern – ja. Feiertage mit religiösem Hintergrund – nein.

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Sex Es ist ja alles ➝ Natur, und Lukrez beobachtet genau: „Noch zuletzt, wenn Liebende mit ineinander verschlungenen Gliedern im ersten Gefühl keimender Wonne die Blüte des Lebens kosten und Venus bereit ist, das weibliche Feld zu besamen, noch zuletzt pressen sie gierig Körper an Körper, Mund auf Mund, mischt sich ihr Speichel, tief saugen den Atem sie ein, noch immer bleiben Zähne auf Lippen gepresst. Umsonst. Nichts können sie dem geliebten Leib entreißen, nie vollends eindringen in ihn, mit ihm nicht verschmelzen. Dabei scheint genau das ihr Begehren, sie versuchen es auch ... “ Vom Verlieben rät Lukrez freilich ab. Man solle sich zur Vermeidung möglicher Schmerzen nicht nur an eine binden: „Sieh zu, dass du durch neue Treffer und Schläge die Wunde der alten vergessen machst, heile die alten, solang sie noch frisch sind, wandre umher, von der einen zur andren, oder richte überhaupt den Geist in seinem Streben anderswohin.“ Was Goethe in der Nachlese zu den Römischen Elegien die Zeilen entlockte: „O wie glücklich warst du, Lukrez! du konntest der Liebe / Ganz entsagen und dich jeglichem Körper vertraun.“

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Verehrer Michael Marullus, ein griechischstämmiger Soldatendichter und einer der ersten Kommentatoren, soll mit einer Lukrez-Ausgabe in der Satteltasche seines Pferdes bei einer missglückten militärischen Flussüberquerung gestorben sein. Botticelli malte nach Motiven des Buchs die Primavera, Venus und Mars. Der schlaue Machiavelli kopierte Über die Natur der Dinge eigenhändig, zitierte aber, aus Vorsicht (?), den Skandaltext in eigenen Schriften kein einziges Mal. Montaigne in den Essais dagegen tut dies sehr wohl; fast die Hälfte von Lukrez’ Versen taucht darin auf. Die Essais kommen auf den Index. Die französischen Enzyklopädisten und Materialisten (Holbach, La Mettrie, Diderot und andere) denken mit Lukrez und dem Materialismus die Welt neu. Thomas Jefferson, begeisterter Lukretianer, lässt das „Streben nach Glück“ in die amerikanische Verfassung schreiben. Wieland will Lukrez übersetzen. Karl Marx schreibt seine Dissertation maßgeblich über Lukrez, und Nietzsche bringt ihn gegen das Christentum in Stellung.

W

Welterklärung Lange Zeit wurde Lukrez weder in der Philosophie ernst genommen (er sei ja ein Dichter, aber kein Philosoph) noch von den Dichtern (er machte zwar Verse, sei aber Zweckdichter, betreibe ja „nur“ Welterklärung). Und ungeachtet aller Ausnahmen (von Christopher Marlowe, Voltaire bis Brecht – er schätzte ebendiese verdichtete Welterklärung an Lukrez –,Camus und Enzensberger bei den Dichtern; von Nikolaus von Kues, Pierre Gassendi, den Enzyklopädisten, Herder bis zu Deleuze bei den Philosophen) – selbst auf den heutigen Lehrplänen findet Lukrez sich selten genug.

Z

Zahllose Welten Warum soll es nur eine, Welt geben, wenn auch viele denkbar sind? Und wenn zudem das All nicht geschlossen, sondern „in keinerlei Richtung begrenzt“ (I, 960) ist: „Im All der geschaffenen Dinge gibt es nichts Singuläres, nichts, das nur ein einziges Mal entstanden ist ... Und aus gleichem Grund mußt du zugeben, dass auch Himmel und Erde und Sonne und Mond ... nicht einzigartig sind, sondern in ungezählter Zahl existieren“ (II, 1086). Giordano Bruno, der italienische Astronom, der sich auf Lukrez’ Buch berufen hat und den Weltraum für unendlich hielt, wurde im Jahr 1600 als Ketzer auf dem Scheiterhaufen in Rom verbrannt.

06:00 15.04.2015
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